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Full text of "Deutsche Heldengedichte des Mittelalters: Hildebrandslied, Waltharius, Rolandslied, König Rother, Herzog Ernst"

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i5ani>bücf)em für bett 2)euffcf)ett Hnferrtc^t 

ßerausgegeben non Sran 3 6aran 

o. 5. ‘JJrofeffor an 5er Unioerfität (Erlangen 

1. Peibe ©eutfd)hunbe Panb1 


Seuffdje ßelbengebidjfe 5es SHiftelalfers: 

ßtlbebranbslieb, SBaltyarius, 
Qtolanbölieb, £önig &ofl)er, 

i 

äerjog (Srnff 

4 

9 

$on 

Prof. Dr. grans Saran 



äalle (Saale) :: Perlag non QKaj Piemeper :: 1922 


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OF caltfornta,. 

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Weinen Söhnen 



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gerotbmet 



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5)euffd)e £eU>engebicf)fe bes SHiffelalfers. 


Sieben altbeutfd^c ^elbengebidjte wiß id) ^ier int 
3ufammenhang behanbeln: £>ilbebranbSlieb, Waltharius 
manu fortis, fftolanbSlieb, Sönig fftother, §ergog ©rnft, 
9iibelungenlieb, Subrun. SaS ältefte ftammt aus ber 
3eit SarlS beS ©rofcen, aus bcrn Jahrgehnt, baS ber 
Segrünbung beS abenblänbifchen SaifertumS borauSging. 
SaS jüngfte ift gegen bie äRitte beS breigehnten Jahr* 
hunbertS »erfaßt; es fällt in bie $eit, in ber jenes 
Saifertum bahinfani @o begleiten biefe Sichtungen bie 
©ntwicflung ber alten beutfchen Saiferherrlichfeit: ihren 
Stufftieg, i$re £öhe unb ihren SRiebergang. 

ÜRan wirb fragen: SßaS foßen uns mobernen ÜRenfchen 
biefe alten ©ebicfjte? 333aS foßen fie unferer Jugenb? 
©inb tt)ir nicht über bie Sttnfchauungen unb ©trebungen 
beS äRittelalterS weit hinauf? Sonnen jene alten gelben* 
bichtungen für uns etwas anbereS fein als ehrwürbige 
Altertümer, bie wir in SRujjeftunben gern betrachten? 
2BaS h«t eS'für einen ©inn, fich ernfthaft unb länger 
mit ihnen gu befchäf tigen ? 

Sluf biefe fjrage Qibt eS berfchiebene Antworten. ®in 
Schüler Berbers würbe fagen: Siefe Sichtungen finb 
Senfmäler aus bem Jünglingsalter beS Seutfchen SolfeS 
unb gugleich Slätter aus bem großen Suche ber ©e* 
fdjichte beS SRenfchengefchtechtS. Sie geben wertooßen 
Stoff gu einer ^ß^Üofop^ie ber ©ef#ichte ber SDtenfchheit. 
©ie geigen fie auf bem Söege gur Humanität, einem Aiele, 
an beffen (Erreichung jeber mitguarbeiten l)at. — Ittber 
bon biefer ©eite wirb ^cute niemanb mehr unfere alten 

t elbenepen fehen woßen. ©erabe jefct nicht, too wir, am 
iefpunft 4tnferer gangen ©efdjtchte ftehenb, um unfer 

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®afein als 93oIf ringen. SDenn mit erfd^redEenber ®eut* 
lic^feit tritt es immer unb immer mieber ^ernor, wie 
tief bie ©ewohnheit ber tlaffifchen $t\t tn ber ®wfe 
beS ®eutfchen SBurjel gef plagen ^at, bie ©emofjnheit, 
ba$ eigene SSolf nur im ijufammenhang ber 2Renjcf)t)eit 
ju betrachten, fich um bte Söienfc^^eit ju forgen unb 
barüber be$ eigenen Solls unb feiner nationalen 93e^ 
bürfniffe $u oergeffen. Sebenfen hoch bie, welche jene 
golbene ßeit ®eutfchen ®ichtenS unb ®entenS mit tyxm* 
lieber ©ehnfucht preifen: fie mar bie Sehrfeite unfäg* 
liehen politischen ©lenbS! ®eutfcf)lanb in ^unberte 
felbftänbiger gürftentümer unb ©tabtftaaten $erfplittert, 
ohne gemeinsame nationale .Riclc, ohne Sraft, ohne 
Sichtung in ber SBelt — bie $eit beS fterbenben alten 
SteicheS. 3n biefer traurigen politischen ©nge litt eS bie 
arofjen ©eifter beS achtzehnten 3ahrhunbertg nicht: fie 
Schweiften aus in baS ungeheure SReich ber SRenfchheit, 
fie erfüllten fich mit bem ©efühl feiner ©röfje unb 
fugten barin bie Sefriebigung, bie ihnen bie Reinen 
Saterlünber nicht geben tonnten. 

9lnberS mürbe ein 3ünger ber SRomantit unfere 
grage beantworten. 

2)aS heilige römifche SReich ®eutfcher Station mar 1803 
jufammengefunten; 1806 legte Saifer gfranj bie ®eutf<he 
Srone nieber. 2BaS Sollte nun aus ®eut{chlanb merben? 
®a menbete fich ber Süd tmterlanbSliebenber SDtänner 
jurüd ju ber ©lanjjeit beS alten SReicheS: bie Äaifer^ 
geit beS SDtittelalterS erftrahlte in fchönftem Sichte, fie 
mürbe baS SBunfchbilb ber ©ehnfucht unb Sarbaroffa 
baS ©prnbol beS erjehnten SaiferS ber 3 u ^ un fl- 3»e 
ftärter baS Verlangen nach nationaler ©htigung mürbe, 
um fo mehr hüngte fich btö © er i oit Me Sergangenheit: 
in ihr lebte man, au§ ihr Schöpfte man bie Hoffnung 
einer tommenben befferen 3^it. 3n jenen lagen erwuchs 
unfere ®eutfchwiffenSchaft: Safob ©rimm unb Submig 
Uhlanb finb ihre Segrünber. 3Rit ihrer fttit flauten 
auch ft? rüdwärtS. ©päter oerSchloffen gelehrter 
©igenfinn unb ®üntel bie Slugen faft abfichtlich 
oor bem geiftigen Seben ber ©egenmart unb feinen 


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gorberungen. SBilljelttt L, ViSmarcf unb üJioItfc grünbeten 
baS neue, nun auch bahingefchmunbene, 3)eutf<he Äaif erreich; 
aber anberS, als eS bte Sftomantifer backten, frei Don jeber 
Velaftung burcfjS ÜDtittelalter. 9lun Derblafcten bie roman® 
tilgen Silber Don SeutfchlanbS Vergangenheit, eS fchmanb 
ber Sauber, ber bie alten Sieber ummob. S^re Vejiehung 
jum politischen Seben ber 3^1 lüfte fich, fie blieben nur 
ber Summelplafc für bie Ä'ünfte beS Philologen. — @S 
förbert nicht, jene üergaiigenheitsfelige Stimmung ju er** 
neuern, ©egenmart unb 3 u f un ft forbern unfere Kraft: 
es ift feine 3eit, Verfloffenem fehnfuchtsooll nachjuhängen. 

äber haben bamit jene alten ©ebichte, bie einft unfere 
Väter begeifterten unb ihre ©efynfudjt nach beS SReidjeS 

S errlichfeit nährten, feine Vebeutung mehr für uns? 

ie haben fie mofjl, aber man mu§ fte in neuem ©eifte 
Derftehen. 

S)urchmanbern mir mit Kenntnis unb VerftänbniS 
altberühmte Stätten 2)eutfcher Vergangenheit, bann legt 
fich baS, maS mir bort nebeneinanber flauen, in eine 
lange ©ntmicflung auSeinanber. Vergangenheit unb 
©egenmart fdjliefcen fich in rin* jufammen. S33ir füllen 
uns umfaßt unb getragen üon einem reifen gefcbichtltchen 
Seben. 2)aS SebenSgefüf)l Dieter ©pochen umflutet unb 
burchbringt uns, ihr SDenfen bereichert unfern ©eift; mir 
fchmeben nicht mehr in ber Suft. Unfer 2)afein fchlägt 
SBurjeln in ber Vergangenheit unfereS VolfeS, eS mirb 
bobenftänbig; eS fühlt bie ©egenmarf überall bebingt, 
bnrchfefct mit bem Sitten. SEBir befommen ein tiefes unb 
reichet £>eimatS® unb VolfSgefüf)!, Don bem berjenige 
menig ahnt, ber gebantenloS burch Stabt unb Sanb 
trabt, nur feinem Seruf ober ben Vergnügungen beS 
lageS lebenb. 

Unb bie alte Dichtung? Such fie bient ba^u, bie 
3Renfchen ber ©egenmart mit ber Vergangenheit ju Der** 
binben unb fo jenes VotfS** unb ^eimatSgefühl ju er® 
metfen. 2)ieS aber tut uns bitter not. ®enn in er® 
fchredenbem SRafee h^t ber SBeltfrieg offenbart, mie fehr 
ber Seutfche bem ^uSlanb h^lbigt, mie international, 
mie unbeutfeh meite Schichten unfereS Voltes benfen. 


a. 


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Sag aber lähmt unfere politifche Äraft. Senn ^ßolitif 
ift bie ®unft, bie Sebengnotwenbigf eiten ber Station 
nach innen unb nach auften mac^toott burchiufefcen. Sie 
fann nur geheimen auf bent Soben eineg ftarten oölfifchen 
unb nationalen ©elbftgefühlg. 

©o wäre eg alfo hoch nur bie ©timmung alter 
Seiten, bie jenen ©ebichten in ben Slugen beg mobernen 
ifitenfehen ihren Sßert gibt? 3ch antworte: Stein. 
3ene 2Ber!e gehören atterbingg bem SDtittelalter an, aber 
fie finb jugleicf) gegenwärtig. 2Ber [ich in fie oerfenft, 
wer burdb ben Stoff hiuburd) in ihre Seele bringt, ben 
erfaffen fie immer [tarier unb erfdjüttern fein ©emüt. 
Senn fie behanbeln im ©ernanbe ihrer ßeit Probleme, 
bie für unfer Seutfdjeg Soll ewige Sebeutung ^aben, 
Probleme, mit benen wir gerabe jefct wieber fdjwer 
ringen: Steligion, ©taatggefinnung, $erfönlichteitgibeal. 
Sie löfen fie aug fernhaft Seutfdjem ©eifte heraug, aug 
einem ©eifte beg ©rnfteg unb ber ®raft, ber bie ©eete 
ergreift unb erbebt. Siefe alten £elbengebid)te finb 
Spiegel wahrhaft Seutfdjen SBefeng: man erfdjaut eg 
in i^nen wunberbar beutlidj, man fühlt eg hinüber** 
ftrömen in bie eigene ©eele. ©o werben bie SBerfe 
ber 2If)nen Quellen ber ©elbftbefinnung unb ©tärfung 
für bie Sta^fa^ren. ©ie mögen ben Seutfcfyen burd} 
ben Schwall frember ©ebanfen, Strebungen unb ©tim* 
mungen, ber ihn wieber einmal bebrohlid) umtobt, auf 
ben 2Beg leiten, ben ju wanbeln ihm einzig frommt: 
ben ÜEBeg eigenen Solfgtumg unb eigener Stationa* 
lität. Sarum eben foH [ich auch bk Sugenb mit ihnen 
befchäftigen. 

Sieg Semühen, jur ©tärfung beg ©taatg*, 33olfg* unb 
£eimatggefühl$ unb $um Stüagang auf Seutfche Slrt 
beijutragen, führt ^urüä ju ben Srübern ©rimm. ?ftn ihre 
ärbeit mu& wieber angefnüpft werben, ihre Arbeit, non 
ber bag einfeitiq gelehrte Streben üieler Suhrjehnte ab* 
gelenft hat 333ag fie in ber ©inteitung ju ben Seutfdjen 
Sagen oon 1816 fchreiben, gilt noch heute unb heute 
mehr alg je: „2Bir empfehlen unfer Such ben Sieb* 
habem Seutfdher $oefie, ©efchid^te unb ©pra^e, unb 


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hoffen, eg merbe ihnen allen, fd)on alg lautere $eutfcbe 
Soft, ttnUfommen fein, im feften ©lauben, bafc nichts 
mehr auferbaue unb größere greube bei ficb t)abe alg 
bag Saterlänbifdje. 3a eine bebeutunggtog ficb anlaffenbe 
©ntbecfung unb Semüfjung in unferer einbeimifcben 
SBiffenfcbaft fann leicht am @nbe mehr grucbt bringen, 
alg bie blenbenbfte ©efanntmerbung unb Snbauung beg 
gremben, meil alleg ©ingebracbte zugleich auch hoch etmag 
Unficbereg anficb trägt, ficb gern oerfteigt unb nicht fo 
marm ju umfaffen ift." 


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0as Äilbebranöslieb. 

2lm Slnfang bcr SReihe Seutfdjer $elbengebichte, ja 
am Anfang bcr SReihe Seutfcher Sichtungen überhaupt 
[teht baS ^nlbebranbSlieb, 1 ) ein merfmürbigeS ®e* 
Dicht, merftoürbig burch bie Strt feiner Überlieferung 
unb gorm, merftoürbig vielleicht noch burch feinen 
©ebanf engehalt. ©S enthält Süden, ber Schluß fehlt, 
ba$ ©rhaltene macht ber gorfdjung bie größten Schmierig* 
feiten: Sprache, 33er8funft, Sinn im einjelnen unb im 
gangen ift ftarf umftritten. äber trofcbem jieht baS 
iBruchftüd ben Sefer immer unb immer toieber an. SRan 
vertieft fich gern in bie fraftDotle, touchtige SarfteHung 
Don ber Begegnung unb bem Kampfe $tlbebranbS mit 
feinem Sohne. Salb treten bie ©eftalten ber beiben 
Sieden Dotter unb fchärfer umriffen Dor ba3 innere Sluge 
unb fchliefelich fchaut bem Sefer aus bem ©ebicht ba$ 
emfte, fchmergenSootle Slntlifc be3 SichterS entgegen, ber 
fich mit einem Problem abquält, baS fchon feit 3ahr* 
taufenben bie 3Jtenfchhrit befchäftigt, baS Problem „®ott 
unb ber leibenbe ÜRenfd}". 

3lber eg ift nicht leicht, ben ©ebanfen beS ©ilbebranbS** 
liebes ju erfaffen. Senn beS Sichters $unft ift ftreng 
realiftifch- Sie fehrt nicht baS Snnere ber gelben nach 
aufjen, fie läf$t fie nicht in langen Selbftgefprächen Der*' 
raten, toaS ihre Seelen betoegt. 3lur feiten äufeern 
$itbebranb unb ^abubranb ihre ©ebanfen ober ©efühle 
unmittelbar. Ser Sichter fteljt Dielmehr feinen gelben 
toie ein fchärfer ^Beobachter gegenüber. @r fieht, toaS 


*) gr. Äluge, §ilbebranb8lteb, SubroigSlieb unb Stterfe* 
bürget Sauberfprficbe, h r ^9-f überf. u. erläutert, ßeipgig, OueUe 
ASJcetjer 1919. 


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fie tun, er hört toaS fic fpredjen. SRur fooiel erjagt er, 
ade« anbere mu| man erraten ober erfdjliefcen. Äber 
freilich bat er, ein SReifter ber ftabreimenben Äunft, 
burch oiele 2Rittet ber Sarftettung bafür geborgt, baff 
ber aufmerffame Sporer nicht im Untieren bleibt. 

SBir hören: 

3n einem Königreich, baS öftlich oorn SReere befpütt 
toirb unb auch ju Sanbe an bie benachbarten ©ebiete 
anftöfft, lebt Sietrich. Ser König biejeS 8teich$ toirb 
nicht genannt. Sietrich lebt toie ein $erjog ober 9Rarf= 
graf im SReidje Karts beS ©roffen: um ihn finb jahl* 
reiche Sornehme als feine ©efolgSleute, ihm bureb Sreueib 
$u fiofbienft unb öeereSfolge oerbunben. 

Unter biefen SRännern ftebt obenan ^ilbebranb, 
$eribranbS Sohn, ber £elb beS ©ebicffteS. ®r ift ein 
unoergleicbticher Krieger, ein ftarfer Kämpfer, in fjelb* 
fchladjt unb in Selagerung gleich erfahren, barum mit 
berühmt. Ser Kampf ift feine Seibenfdjaft, fein Seben. 
Sabei ift er feinem §erm treu ergeben: im Siebe heifft 
er „SietrichS toertefter 2Rann M . ®r fcheint ber Srudffeff 
beS ©efotgeS ju.fein. 

Sa tommt Sertoirrung ins Sfteid). ©in ränfeootler 
Sertoanbter beS Königs, Dtader, arbeitet am fpofe gegen 
Sietrid) unb bie Seinen, er oerfolgt fie mit feinem ßaff. 
Gnblid) hat er ©rfolg: Sietrich toirb geächtet unb offen* 
bar mit §eereSmacht oon feinem ©egner aus bem Sanbe 
getrieben. Sie groffe Schar ber Scannen hält ihrem 
§errn bie Sreue unb folgt ihm in bie Serbannung, 
felbftoerftänblidh auch ^ilbebranb. 

Ser |)etb ift erft fur^e $eit oerheiratet: er hat nur 
einen, noch ganj fleinen Sohn, als er aus bem Sanbe 
muff unb mit feinem $errn über bie ©renje reitet, fort 
nach bem fchlimmen Dften, ju ben ©ebieten, too Sölfer 
toohnen, bie ber Seutfche oerachtet. Slber ^ilbebranb 
fchtoanft feinen Slugenblid jtoifchen ber Siebe ju ben 
Seinen unb ber Sreue gegen ben £errn, bie bie feubale 
Sthif oon bem Safallen forberte: er folgt Sietrich, ber 
feiner fehr bringen!) beburfte, in bie Serbannung, ben 
Schmer^ um ben Serluft ber Seinen — gamilie, Sippe 


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unb greunbe — in bcr Sruft öerfc^liefjenb. @r ift ba=* 
matS gegen 30 Sabre alt. 

Von Sietriefy erfahren mir nidjtS weiter. Ser Sichter 
fennt bie Sagen, bie fid) an biefen berühmten gelben 
unb fein tapferes ©efolge fttüpfen, er fefct biefe ÄenntniS 
auch bei feinen 3ut)örern voraus , aber im ©ebidjt 
fümmert er fid) nur um §ilbebranb. 911S oerbannter 
9tede aieljt biefer mit feinem £errn non Sanb ju Sanb, 
fid) an Kriegen beteiligenb. 99ton nimmt ben berühmten 
IJJiann gern auf: immer [teilt man iljn an bie gefäbr* 
lidjfte unb entfajeibenbe ©teile. Slber baS ©lüd ift ifym 
fyolb, ber Sob meibet i^n. ©ein 9Ruf)m breitet fid) auS: 
überS 9Keer nach ber £eitnat bringt burd) ©eefafjter bie 
Sunbe non feinen Kämpfen, aHerbingS jugleic^ bie falfdje 
9ßacfyrid)t non feinem Sobe. 

©djliefelid) tommt §ilbebranb — gemife mit Sietrid), 
non bem aber ber Sichter fdjmeigt — an ben |>of beS 
^mnnenfönigS. 3e|t menbet fid) baS ©efdjid beS Ver^ 
bannten enbgültig: bort bleibt er als Stede, ber Sönig 
nimmt ifjn in fein ©efolge auf, eljrt ifyn, befcfyenft ifjn 
reid), riiftet ifjn aus. Ser £eib fjat bei iljm eine l)od)* 
geartete Stellung. 

Stie Ijat ^ilbebranb bie $eimat unb bie ©einen ner* 
geffen. @r nerliert feine SBorte barüber, aber baS ©e* 
bid)t jeigt überall, mie tief unb unoermüftlid) in feinem 
Snnern bie Siebe ju feinem Sanbe unb ju ben ftuxM* 
gelaffenen, ju SEBeib unb Äinb, murjelt, toie bie lange 
©ntfernung biefe Siebe nur nerftärft unb als ©e^nfuc^t 
bemafjrt f)at. Senn breifeig Safyre lebt ^ilbebranb im 
SluSlanb: als alter SJlann, etwa als ©edföiger fteljt er 
im ©ebidjte oor uns. 

Ser Sßunfdj beS $erjenS toirb if)m erfüllt: ber gütige 
$unnenfi3nig fteHt Sietriefe ein £eer $ur Verfügung, eS- 
foß bie Verbannten gnrüdbrinaen. ^ilbebranb ift ber 
gegebene 2lnfü^rer beSfelben. S&iit biefem ^eere Riefet er 
meftmärtS unb ftefet halb an ber ©renje ber alten §eimat. 

So ^at i^n ©ott boefy gerecht unb gnäbig geführt. 
3tt>ar fdfeien eS anfangs niefet fo. ©erabe bie Sreue, 
bie ebelfte Sugenb beS gelben, featte ^ilbebranb alles 


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©lücfeS beraubt, £>au£ unb Sfteunbe unb ©ippe r 
SEBeib unb baS eütjige fitnb hötte er als junger SDtann 
oerlaffen unb bem |>aß beS ©egnerS preisgeben müffen. 
Eben biefe Ireue hötte ben ©eädjteten bem Slenb ber 
SSerbannung überliefert. Slber bann liatte ©ott bod) 
ben SRecfen gütig geleitet, ben lob non ihm ferngeholten, 
ihn ju bem freunblicfjen £unnenfönig geführt unb fdjließlich 
burd) beffen $ulb an bie ©renje ber Heimat gebracht. 
9tun fteht ber fechjigjöhrige ©reiö bort, non mo er als 
Sreißigjährker geflogen mar: bamals als SSerbannter, 
ber Uebermacht meichenb, jept an ber ©pi|e eines £eereS, 
ben ©egner bebrofjenb. SBeldje SBenbung! Offenbar bie 
gerechte Selot)nung feiner Irene, feiner fyelbijcfyen lapfcr* 
feit. ®er ©ott. ben ihn bie Sirdje gelehrt hot, bie firch* 
liehe SebenSanfajauung, bie feubale @tt)if bemalten fiep. 

ES ift nicht bie Slrt ber alten gelben über ©ott unb 
lugenb ju oernünfteln; auch ^tlöebranb hot eS nicht 
getan, nur gefühlsmäßig merben begleichen ©ebanfen 
in feiner ©eele gelegen baben. Slber ber lichter hot fte 
in bie Äette ber Ereigniffe, bie er erjählt, ^ineingelegt. 
Das bemeift baS ©ebid)t beutlid). SBir höben bie 3Iuf= 
gäbe, bie Slbfichten beS ®id)terS ju erfennen. 

®er Sllte fteht an ber ©renje ber $eimat. SSie 
mag eS in feinem Sanbe auSjehen? S33aS ift mit ben 
©einen, mit all benen, bie er fannte, gemorben? — 
biefe fragen betoeqen feine Seele. 

^ilbebranbS SEÖeib unb Meiner ©oßn höben bantalS, 
oor breifeig fahren, in ber $eimat, t im feaufe jurücf* 
bleiben müffen. ®ie S°^9 en bet Achtung beS SUaterS 
haben fie ferner getroffen. ®ie grau hat ihr perfön* 
licheS Eigentum öerloren, bem Meinen ©ohne höt man 
fein Erbe genommen. ®ie Söiutter ftirbt moht fefm &olb 
nach liefern Unglücf, ber Äitabe — ^abubranb 
er — bleibt am Seben: er roächft als SBaife auf. SBo 
unb mie, erfahren mir nicht. 9lur baS fagt ber Sichter, 
baß ibm alte fieute beS fianbeS, SolfSgenoffen, fpäter 
üom Sater erzählten. Stuf ihr beftimmteS 3 eu j9 n ^ ftüftt* 
$abubranb feine ©emißheit, beS berühmten §ilbebranbS 
©ohn ju fein. 



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Ser Knabe reift heran, ohne bom SSater — bielleicht 
auch ber SDtutter — aus eigener Erinnerung ettoaS ju 
toiffen. Er roädjft bei fremben Seuten auf: fo finbet 
baS erfte unb natürliche menfdjliche ©efühl, Siebe ju 
Eltern unb ©ejclpiftern, feine Anregung. 216er eS ent* 
nudelt fidj fräftig bie angeborne ^elbif^e Slnlage. 3n 
bem Knaben unb Jüngling feimt unb entfaltet fidj bie 
Suft am KriegShanbmerf, bie Segierbe nad) §elbentat 
unb Stuhrn. Er tt>irb ein ftarfer £elb roie ber SSater. 
Er ^at biefen nie gefannt, aber jene alten Seute, bie 
$ilbebranb noch gefehen Ijaben, erzählen ihm biet bon 
ihm. ©ie malen bem Jüngling natürlich bog glänjenbe 
93ilb bor baS innere 5luge, baS fie felbft bon bem ber* 
bannten gelben höben: fie fchilbern ben |jilbebranb, 
ber als junger 9Kann fraftbod unb tynlid) baftanb, 
ber treu feinem |>errn, bod $af$ gegen ben SBiberfadjer, 
^peimat unb,gamilie berliefc, ber immer an- ber ©pifce 
ber Kriegerfcpar ftanb, ber ben Kampf leibenfchaftlich 
liebte, ben alle gelben fannten. 

SieS 23ilb ftet)t bem Sungen in ber Seele: eS toirb 
baS 3beal, nach bem er fwh bilbet, aber auch ber ®tunb 
bauernber Sehnfucht. Senn ber SSater ift toeg unb läfjt 
nichts bon fid) hören: er toirb alfo tooljt tot fein, ©ee* 
fahrer höben überbieS toeftmärts überS SDteer bie be* 
ftimmte Nachricht gebracht ^ilbebranb, fei im Kampf ge* 
faden. 2lber fidjer ift baS hoch nicht, diodj immer ift bie 
SRöglidjfeit borljanben, bafc ber öater lebe, noch immer 
hält Hoffnung bie Seele beS 3ünglingS in Spannung. 

^abubranb toächft jum SRanne heran. Sie poütt* 
fdjen ®erhältniffe im Königreich toerben bem ©ohne 

t ilbebranbS günftig. Ser SBiberfacher ftirbt, ber junge 
tann erhält fein Erbe $urüd. ©eine ^elbenfraft er* 
regt Sluffehen, er tritt bermutlich in ben Sienft beS 
Königs. ^ebenfadS, als bie dladjricht fommt, ein hunni* 
fcheS $eer nähere fich ber Dftgrenje, toirb gerabe $abu* 
branb mit ^eereSmadjt, hoch toohl als 5öh rer f & cm 
geinbe entgegengefchidt. 

Er eilt bem Streite begierig entgegen: er hofft 8e* 
friebigung feiner Kampfluft, er ertoartet dluhm unb Seute. 


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2ln ber ©renje trifft man auf bcn ©egner. ®ie 
beiben $eere fteßen jtdj cinanbcr gegenüber. (Siner häufig 
geübten ©emohnheit ber gerntamfefjen ^etbenjeit gemäp 
entfchlieften ftd} bie Anführer auf beiben ©eiten, ben 
Kampf mit ber £erauSforberung beS beften ber feinb* 
lieben gelben jn beginnen, ©o reiten benn gleichjeitig 
^ilbebranb auf ber hannifchen, ^abubranb auf ber 
anbern ©eite aus ber gront beraub unb $toar allein, 
o^ne 33egleitung. Sie treffen fich in ber SDtitte atoifchen 
ihren feeren, angefichts berfelben unb galten auf ©peer* 
murftoeite ooneinanber entfern! ®amit beginnt baS @e* 
bicht felbft, alfo mit einem fpanuenben, feierlichen 93or* 
gang. ®enn ertoartungSooß jehauen bie §eere ^u. ©ieg 
ober SRieberlage ihres Kämpen mirb jebe Partei für ein 
oorbebeutenbeS ßeichen anfehen unb bemnach t>oII 2Kut 
ober ooß Seforgnis bie Schlacht beginnen. ÜRit ooHer 
Slbficht hat ber dichter mit ber SBucht ber ftabreimenben 
Kunft alle Umftänbe, bie bie Sage befiintmen, ooran* 
geftellt unb betont. @S hanbelt fid) hi er nicht tt>ie im 
fpäteren höfifäen Stornan, um ein $ufäßigeS ßnfammenf 
treffen ober ein beliebiges Abenteuer ber gelben: eS ift 
ein folgenfchtoereS ffiortjaben, baS beibe Steden antreibt, 
unb um baS ihre SSölfer toijfen. 

©o flehen fid), ohne eS ju ahnen, SSater unb ©ohn 
gegenüber, bereit jitm blutigen ßtoetfampf. ®er Älte, 
an ber ©renje ber Heimat, oon (Srinnerung unb Sehn» 5 
fucht erfüllt, ber 3unge ganj Kampfesluft unb Stuhm* 
beaierbe, oon garten ©efühlen nicht beiuegt. ^anbelt eS 
fiep hoch um ben Kampf gegen föunnen, etn beutegieriges, 
aber feiges unb hinterliftigeS Ißolf, oerachtet oon ben 
ebeln Kriegern ber ®eutfchen. 6S ift baS S3ilb ber 
Slroaren beS achten SahrhunbertS, baS hier in ber SSor* 
fteflung ^abubranbS unb beS ®id)terS mirft. 

Solch 3 ro ei!ampf oor ben feeren ooßgieht fich in 
fefter ftftrm. SKan fämpft nicht mit jebem Unbefannten, 
man tämpft nur mit einem, ben man fennt unb für 
einen ftanbeSgemäfjen ©egner anfieljt. @o fragt man 
förmlich nach & em Stamen beS anbern. ^ilbebranb, beffen 
graues §aar ben älteren ohne toeitereS offenbart, fpricht, 


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12 


ebeu als bei* ältere, juerft. ®r richtet bie übliche gröge 
an ben jungen gelben ihm gegenüber: „333er ift bein 
SJater? SBie heißt bu felbft, ober meines ift bein ©e* 
fehlest?" Stur mit menig SBorten fragt ber Sllte. ©er 
Steter betont eS mit Slbficht, ben Sieden ju charafteri* 
fieren. ©ie Sage ift ^ilbebranb längft oertraut, er erfüllt 
nur bie fyerfömmlitfje gorm. 5m übrigen fennt er jeine 
oft erprobte Sraft unb bleibt ruhig. @r .tritt bem 
Sungen fogar mit einer getoiffen oäterlidjen Überlegen* 
heit entgegen. Slber nicht baS erflärt eigentlich bie Slrt 
feiner Qfrage. 333ir füllen aus feinen menigen SBorten 
eine ftarfe innere Spannung heraus. ©eine tapferen 
SanbSleute, fein ebleS SSolt ift eS, bem §ilbebranb jefct 
aegenübertritt. Sille gelben unb $etbengefchlechter beS* 
felben fennt er oon früher her genau, mit innerer ßu* 
neigung unb ©efjnfudjt ftet)t er ihnen hier gegenüber. 
Sßeldjer Sproß berlben miß ifjn je$t im Kampfe be* 
fielen? ©aS möchte er halb toiffen — baher bie für je 
Stage. Unb fchtießlicß fpielt ber ©ebanfe mit herein: 
Sann ber Samp nicht unterbleiben? Sann ihm nicht 
erfpart merben, baS ©cbtoert gegen bie Söhne beS eigenen 
SJolfeS ju jiehen? ©eSßalb beutet er fchon jefct an, baß 
er feinem ©egner nahe ftehe: „Sejeichneft bu mir einen 
nur in beinern Sönigreidje, fo toeiß ich gleich bie anbern, 
benn ich fenne bas ganje große SSoif, bem bu an* 

• gehörft." Siefleicht geht ber anbere auf biefe Slnbeutung 
ein, unb ber Sampf mit bem SanbSmann fann oermieben 
roerben. 

SJteifterhaft höt ber ©idjter $ilbebranbS grage 9 es 
formt. „S33er ift ©ein öater?" fte£)t roie felbftoerftänblich 
ooran. ÜRit Spannung fteßt fie ber Sitte, bem jungen 
ichlägt fie in bie Seele. Sie rührt an ba§ Seib feines 
©erjenS, an bie ©eljnfucht nach bem herrlichen Sater; 
fie erroedt jeßt toieber baS Sbealbilb, baS ^abubranb 
oon ihm in fid) trägt, fo mie eS ihm bie alten Seute 
gefchilbert höben. Unb nun läßt er eS oor feinem innern 
Sluge auffteigen, babei bem Schmerj um feine oertoaifte 
Sugenb SluSbrud gebenb. „Sticht tm ©ternhaufe höbe 
ich erfahren, toer id| bin: alterfahrene SJtänner, bie fqon 


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13 


lange tot finb, Solfögenoffen, fyaben mir t>erfid)ert, baß 
mein Sater ^ilbebranb heiße. 3?or oielen fahren mußte 
er mit bem berühmten Sietrich au« bem Sanbe hier meg 
nach bem glimmen Often. JDtader mar e«, oor beffen 
£aß er floh- SBeib unb Siinb hat er öerlaffen müffen: benn 
eben jener gemaltige Sietrich beburfte feiner bringenb." 
Unb nun geht ber ftimmung«oolle Bericht allmählich in 
eine begeifterte ©djilberung be« Sater« über: „@r mar 
be«halb ber leibenfchaftlichfte ©egner be« Dtader, aber 
feinem £errn, Sietrich, ber mertefte ber ©efolg«männer. 
3mmer ooran im Sampf, $rieg mar fein £eben, barum 
fannten ihn auch We gelben." ©län^enb fteht jefct ba« 
33ilb be« jungen £ilbebranb mieber oor ber Seele be« 
©ohne«. $ber freilich, entfagungSooll fdjließt ^abubranb 
feine Slntmort: „@r mirb mohl nicht mehr leben." Sabei 
hält ber Sater ihm gegenüber! 

Se« Sitten grage h at ba« Snnerfte im ^erjen be« 
©ohne« aufgeregt: ba« @ilb be« SBater« unb bie ©ehn* 
fucht nach ihm. Sie Slntmort be« jungen: „3ch tyify 
ipabubranb," trifft ben $rager ebenfo, faft blifcartig. 
SMe«, ma« angeficht« ber Heimat an Srinnerungen unb 
SBünfchen fiilbebranb« £er$ bemegte, mirb ooH lebenbig. 
Ser Äampf ift, mie er im ftißen fchon ^offte f oermeibbar. 
©« treibt ihn $um ©ohne hin, ber ooU Verlangen nach 
bem 33ater gegenüber $u Stoffe hält. Unb fo ruft er 
ihm in freubtgfter ©rregung ju: „Seinem nächften S3lut«* 
oermanbten, beinern SJater, ftetjft bu gegenüber. 3ch 
bin ßilbebranb, ben bu tot glaubft." 

SReifterhaft unb ftreng folgerecht hat ber Sichter bie 

t anblung geführt: Sater unb ©ohn fielen fich, oott 
ehnfucht ju einanber $u fornmen, gegenüber. Sticht« 
fcheint jefct, mo fie fich fennen, ju fehlen, beiber höchften 
SBunfch ju erfüllen. Sille« jielt auf ein glüdlidje« @nbe. 

8ln biefer ©teüe menbet fich ber Silte gum erften 
SKale an ©ott. 6« ift ein entfeheibenber Slugenblid, 
baßer bie feierliche religiöfe SSenbung. 3 U 9^4 gibt 

S ilbebranb feine 3 ur üdhaltung auf, baher je^t ber 
rguß feine« @lüd«gefühl«. w §ch fchmöre e« bei bem 
großen, bem höchften ©ott, baß bu noch n * c c ^ nem 


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14 


fo nähert VlutSDernmnbten, toie ich fyex, jufammengeraten 
bift. Sch bin |)ilbebranb, bein Vater." @S ift bcr 
|)öhepunft bcr glüdlich auffteigenben |mnblung. 

Stber in biefe Anrufung ©otteS* ber Dom Fimmel 
herab alles fieht, legt bcr Sichter einen erften, leifen 
|>imoeiS auf bie tragifche SEBenbung, bie bie Sreigniffe 
nehmen merben, nehmen müffen. 

®ie Sftecfen b fl tten ^oifchen U>ren feeren. Stuf ben 
SluSgang beS Kampfes fommt Diel an. |)ilbebranb ift 
breifeig 3ah*e Don ber |>eimat meg; ^abubranb feat eben 
gefagt, ber Vater ttrirb mobl tot fern. SSirb ber 9Ute 
unter biefen Umftänben ®lauben finben? @r ift fich 
biefer ©chtoierigfeit betoufet: eben bantm ruft er in feier* 
lieber ©chnmrformel ben grofeen ©ott im ipimmel jum 
ßeugen bafiir an, bafe er bie SBabrbeit fage: an ben 
Slütoiffenben, SlUfehenben toenbet er ft ch; ber foH feinen 
SBorten Äraft Derleiben unb Reifen, ben ©ohn $u über* 
Sengen. 

Mbebranb jmeifelt nicht an ©otteS |>ilfe. 3ft nicht 
— fo bürfen mir fein unmittelbares ©ottDertrauen be* 

• grünben — ift nicht ©ott bisher gerecht unb gütig gemefen? 
£at er nicht ben Verbannten nach bem @lenb mieber 
aufgerichtet unb ftufenmeife bem ©lücf ber 3ugenb nneber 
nahe geführt? SRufe ber 9llte nicht in ber Vemahrung 
feines SebenS t ber ©nabe beS |mnnenfönigS, ber SRüd* 
fe^r jur Heimat unb nun im ßufammentreffen mit bem 
einzigen ©ohn ebenfo Diele ©nabenbemeife ©otteS ahnen? 
©er alte $elb h^t biefen ©ebanfen nic^t begrifflich K<*r, 
aber ber realiftifche dichter gibt uns burch bie Ver* 
fettuna ber (Sreigniffe unb burch bie DoHtönenbe ©<fjtmir* 
formet einen Sßinf jum VerftänbniS feiner ©ebanfen 
unb Äbftchten. ®r toirb uns halb unmittelbar inf $er$ 
feines gelben fchauen laffen. 

^ilbebranb fommt feinen Sfagenblid ein ßmeifel an 
©otteS ^ilfe. Unb bann: toie fönnte überhaupt ber 
©ohn ben Sfcon ber VlutSDermanbtfchaft nid^t fofort Der- 
nehmen, bie Siebe beS Vaters nicht unmittelbar fühlen, 
nachbem fich biefer ju ertennen gegeben? ©ben barnm 
ber §intoeiS auf ben sus sippan man, ber gerabe fytx 


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15 


fehr fein unb mirfunggboH fte^t, eben barum ber Berneig 
ber Siebe, ber nun folgt. Senn fofort tut ber Bater 
in ber unb Sraibe feinet ©er$eng einen 

Schritt, ber ein unmittelbarer Berneig feiner ßuneigung 
fein foU: er minbet* oom Slrme ben toftbaren 
fpiraligen ©olbring ab, ben ©auptfehmud beg ©eiben. 
Ser ©unnenfönig h ot ihm ben gefchenft alg Reichen 
feiner ©ulb: fo ift ber 9ling pgleich ein ber 

©rinnerung an bie SBieberfefyr beg ©lüefg. Sen Slrmring 
hält er bem ©ohne frenbig erregt mit ber ©anb hin: 
ber foü fommen unb ihn nehmen. 

Ser Sllte tut l)ier in ber greube feineg ©erjeng 
ettoag, mag in ber ernften Sage, oor bem gmeifampf, 
mifcbeutet merben fann. ©g gefdpeht aud), benn ber 
©ohn reitet nic^t näher. SBieber greift ber Bater pm 
©chrnur: „3$ fchtnöre, ich gebe bir bag aug oäterlicher 
Siebe. 44 3ntmer bringenber mirb er, er möchte bem ©ohne 
recht halb innerlich nahe fommen. 

Slber gerabe bie überftrömenbe Oätertid)e Siebe toirb 
ber Slnftofc beg Unheilg. SBieber hat ber Sichter funftooU 
ben Knoten gefdjürjt: mag ben Bater bem ©ohne nahe* 
bringen follte, oerbreitert gerabe bie Kluft jmifchen ben 
©egnern. ©ier menbet fich bie ©anblung ptn Sragifchen. 

©ilbebranbg grage: „2öer ift Sein Bater? 44 hat ben 
Sungen im 3nnerften erregt: bag S3ilb beg Baterg, mie 
ihn bie alten Seute gefdjilbert haben, jung, leibenfc^aft** 
lieh ungeftüm, Sietrid)g SJlann unb greunb — fo fdhmebt 
eg öor ©abubranbg Seele. Stun ftebt ein grauhaariger 
Sllter Oor ihm, offenbar — bie Stüftung bemeift eg — 
ein ©unne, ein ©lieb beg Bolfeg, bag ber Seutfdje alg 
feig, tücfifch, beutegierig oerachtete. Sbeal unb SBirflich** 
feit ftofjen fich h a *t. Sag fann ber Bater nicht fein, 
mufe ©abubranb unmiUftirlich benfen. Saft breiig 3aljre 
oerfloffen ftnb, beachtet er in feiner ©rregung ntcht: er 

e ju fehr im Banne feineg SBunfchbilbeg; fo fchneU 
; er nicht umbenfen. 

SRun fommt bag SDlifjtrauen unb finbet ben Boben 
bereitet. 3ft bie Berficherung beg alten ©unnen nidbt 
eine lüde? SBag bebeuten bie ©ibe eineg ©unnett?! 



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16 


Uitb ba^u bieje berbächtige greunblicbleit, bie eher 2luf* 
bringlicbleit $u nennen wäre. 355er bietet bor bem ßroei* 
fampf ©efdjenfe an! Sut es aber ein .jpelb, bann reicht 
er jeine ©abe nicht mit ber §anb bin, fonbern, um allen 
3Serbad)t auSjufcblieben, auf ber©pipe beS ©peereS; auf 
ber ©pi^e feinet ©peereS nimmt fie bann ber anbere 
entgegen. 

$abubranb hätte wohl ben 2luSbrucl ber bäterlidjen 
greube unb Siebe in ber Stimme beS Sllten empfinben 
rnüffen. 9tber eS ift wieber tragifcb, bafj er baS nictjt 
fann: if)m fe^It baS ©efübl bafür 211S SBaife ift er 
aufgewacbfen, er bat bie Siebe ber ©Itern nie gefpürt. 
©o öerfagt baS einzige SKittel, baS im entfcbeibcnbeu 
2lugenblicf bte Söfitng bringen fönnte, unb mufj nach 
bem ©tanbe ber 2)inge berfagen. 

^pöflid) bat ipabubranb bie grage ^ ©egnerS be* 
antwortet. gebt fafjt it)n ber 3° rn über baS — wie 
er meint — binteriiftige Senebmen beS §unnen. ©r 
beult nicht baran b^an^ureitcn. 2luS ber gerne ruft er 
herüber: „9Jlit bem ©peere fott ber 9Kann folcbe ©abe 
empfangen, ©pifce gegen ©pifce gerichtet. ®u bift ein 
alter, abgefeimter £>unne, hinterliftig unb bon jeher ber 
£ücfe ergeben. 2)u lotfft mich freunblid) mit beinen 
3Borten, aber bu wittft mich mit beinern ©peere werfen! 
2)u bift nicht ^ilbebranb! Seefahrer haben mir bie 
fiebere Äunbe gebracht, ber fei im Kampfe gefallen. 2ot 
ift £>ilbebranb, §eribranbS ©obn!" 

Vorher hat ^abubranb gefagt: „§ilbebranb lebt wohl 
nidjt mehr;“ je^t jagt er: „§ilbebranb ift tot!“ ©in 
s S?eifterjug beS $icbterS, nicht etwa ein SBiberfprud). 
®er gan^e Slbfdjeu beS jungen bor bem SUten, ber 
$ilbehranb fein will, liegt in biefer Serficherung. Sieber 
feinen Sater mehr als btefen beachtlichen alten £unnen, 
baS witt |mbubranb auSbrüden. 

gmmermebr finft bie §anblung nach ^ er Siefe. 
Srängte im Anfang alles auf ©rfennung unb gtücflid^e 
Söfung, fo jieht jejjt in ber gerne baS Unheil herauf. 
5)abei beachte man bie tragifdje gronie. SBaS ^ilbebranb 
als erften Schritt jum ©lüdE anfeben mufete: bie ©üte 





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17 


beg freigebigen $umten!önigg, ber if)tn ben ©olbring unb 
bie fdjöne SRüftung fd)enfte, fein Slnje^en bei ben #unnen, 
bie Verfügung über ein hunnifdjeg £eer, bag gerabe tritt 
mit SRotmenbigfeit zmifchen it)n unb ben ©otjn. Unb 
bag ©innige, bag bie Stuft überbrüdfen fönnte, bag ©efütjt 
beg ©oljneg für bie ©timme beg $Iuteg unb für bie 
Siebe beg SSaterg, bag fe^It unb mufj fehlen, meil 
fiabubranb atg SSaife bei fremben Seuten aufgemadtjfen 
ift. ÜBarum aber traf bieS Sog ben ©obn? SCBeil ber 
SSater bag oberfte ©ebot ber £elbenetfyi! ot)ne 3^8 ern 
befolgt bat, meit er feinem ©ibe getreu mit bem $errn 
in bie SSerbannung ging. 

SBir atjnen fcfjon aug biefer tragifdjen SSerfd^tingung 
ber ©reigniffe ben ©ebanfen beg S)ic^terg: fittüdjeg 
$anbetn, rebtidjfteg t^elbenmäfeigcS SSertjatten, 
bag ©tücf, mag geredEjtermeife bafür jurn Sotjne 
mirb — eg ift alteg eitel; ja mefjr, eg mirb in un* 
erbittlid) jmingenber ©ntmidEIung UrfadEje beg 
furdfjtbarften Ungtücfg. 

£itbebranb oerfudjt ben ©ol)n ju überzeugen. Seiber 
faßen feine SBorte in eine SüdEe beg 2ejteg. Stber aug 
ber Slntmort beg ©otyneg erfennen mir, bafc er 
£abubranb erflärt fyat, mie er ju ben $unnen gefommen 
fei: alg Serbannter, alg SRedEe f)abe er bort gelebt. ®ocfy 
bag Sßtifjtrauen unb bie SIbnetgung fjaben fidf) bei bem 
3ungen fcfjon feftgefefct. 2)er Qotn über bie oermeint* 
tidje |>interlift beg Sitten mirft fräftig mit. Slucf) !ann 
fid) ber fctjlaue £unne, mag er fagt, ja aug $abubranbg 
eigener ©rjähtung jured)tgelegt haben. Salt meift ber 
©oljn ben SSater jurüdE: „3a) fef)e an beiner frönen 
bunnifdjen SRüftung, baf$ bu in beiner ßeimat bei einem 
freigebigen §errn in feftem ®ienft fte^Jt. ®u bift alfo 
fid^erlic^ ni^t a(g Serbannter aug biefem Sönigreid^e 
gegangen!" 3 um 33otmurf ber lüdEe iefet ben ber Süge! 
3mmer gekannter mirb bie Sage. &ieber ift eg bag 
$unnifcf)e am ©egner, mag bie ©ntfrembung oergrö^ert. 

3efet at)nt auc^ ßübebranb, mo^in ber ©ang ber 
2)inge jielt. Slug fajroer befümmerter ©eete ruft er: 
„Std) ©ott, ber bu bag ^Regiment ber SBelt fü^rft, Unzeit 

2 


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18 


mirb gefdhehen. 3)reifeig 3ah re bin ich meg bon meiner 
ßeimat oon ßgnb ju ßanb gezogen unb immer — in 
§elbfd)tacf)t mie bei 33elagerungen — t)at mich ber Xob 
gemieben. 3e|t aber fott er mich treffen burd) bag 
Schmert meinet lieben ©ohneg — ober id) mufj fetbft 
ben tötenben Streif fuhren." $ag ift alfo ber Sinn 
feinet glänzenben fielbenlebeng mährenb ber lebten Sa^r*» 
Zehnte: bag ®lüd m aller ©efahr, eg fteUt ftc§ nun afe 
bag f<f)ltmmfte Unglüd heraug. Senn eg läfet je$t nur 
bie 2Ba^I: job burch ben ©ohn ober lob beg ©ohneg 
burch ihn; eg gmingt zur SSerle^ung ber ^eiligfeit ber 
33lutgoermanbtfchaft, bag fchredlichfte, mag eg gibt. 

Ser reatiftifebe Sichter bermeiöet eg auch h^ 
|jilbebranb begrifflieh überlegen zu laffen: nur ein ©tüd 
oon bem ganzen 3ufammenhang feineg S^beng enthüllt 
fidj jefct bem ahnenben 231ide beg Sllten. Slber mir er* 
halten an biefer ©teile ben Schlüffe! jum SBerftänbnig 
beg ganzen ©ebid)teg. Sem ß^hbrer, ber bag ©anje ber 
unerbittlich ftrengen fjolge ber ©reigniffe feit §ilbebranbg 
SSerbannung überbaut, geht hiet ber ©ebanfe beg Sidjterg 
auf: bie Sreue gegen ben §errn, bie erfte fitttid)e 
Pflicht beg SDtanneg, mie eg fd)ien, belohnt burch 
bag ©lud eineg ruhmboHen unb erfolgreichen gelben* 
lebeng, biefe Sreue mirb Urfacfje beg oölligen 
ßufammenbruchö biefeg ßebeng 'int Sllter, fie 
führt jur ©lutfchulb. 

Unb ©ott ber gerechte unb barmherzige ? ^ilbebranb 
hat ihn fd)on im erften michtigen Slugenblid befchmoren, 
bafe er t>elfe unb bie SBahrheit feineg ©ibeg bezeuge. 
Slber ©ott half nicht. 3e|t im jtpeiten entfeheibenben 
Slugenblid menbet fid) ber |)elb mieber an ihn. SRief er 
bag erfte 9Kal ben ©ott ber SBelt an, ber oben üom 
Fimmel tyxab alleg fieht, alfo ben aüfehenben, fo jefct 
ben ©ott, ber ben Sauf ber SBelt nach feinem SBitlen 
lenft, ben aHmaltenben: er foH bag brohenbe Unheil 
abmenben. Slber ©ott hilft roieber nicht. 

®er 3unge fühlt auch h* er ben Schmerz unb 
bie ©orge beg ffiaterg hetau$. ®ie genaue 3 e itartgabe 
hätte ihn ftu^ig machen foHen: aber fie geht unbeachtet 





19 


cm bem ©cifte beS ßmpörten oorttber. ®ic Sache bauert 
ihm $u lange. SBad er bem 33ater antmortet, entzieht 
mietet eine Süde unferer Kenntnis. Slber aus ben 
näc^ften SBorten |>ilbebranbS lann man eS erfd)lie&en : 
§abubranb oerlangt nach bem Äantpf unb forbert fdjon 
beS ©egnerS fchöne Lüftung, auf bie er als 33orfämpfer 
feines 33olfeS ein Stecht ^abe. @r macht fid) bereit, ben 
Sampf $u beginnen. 3mmer näher rüat baS 33erberben. 

SDie ©elbftoerftänblichfeit, mit ber ber 3unge feinen 
©ieg oorauSfefct, rnufj ben erprobten alten gelben reifen. 
Slber er beljerrfcht fid). Sa, ba alle SKittel, ben ©ot)n 
oorn Äampfe ab$ubringen, oerfagen, bemütigt fid) ber 
Sitte oor bem ©egner. ®ie feltfam oerfd)ränften SBorte 
geigen, mie ferner ihm baS Opfer beS ^elbenftoljeS mirb. 
Slber er ringt eS fiel) ab. ©r fagt: „SBofyl möglich, 
baj$ bu ohne 3Jiüt>e bie Lüftung erfäntpfen mir ft; bu 
f)aft ja in mir einen alten SJtann ^um ©egner." Sluf 
feine, grauen £>aare meift er ben Sungen t)in, eine oer* 
t)üHte SBenbung an fein SJiitleib. 

Slber gerate tiefe ^Demütigung, bem berühmten unb 
nie befiegten Steden ein ferneres Opfer, im ©inne beS 
©hriftentumS eine fittlid) eble Sat, befiegelt baS 33er* 
hängniS. ®aS ben ©ermanen befannte ^unnifdje S33efen 
fte£)t oon Slnfang an jmifchen Sohn unb S3ater. 5>aS 
©efdjenf fcfjien ipabubranb f)unnifd)e Strglift, bie 33er* 
fid)erung |)ilbebranbS, er fei oerbannt morben, f)iett er 
für fptnnifche Süge, bie leife SBenbnng an fein ÜJtitleib 
nimmt er für l)unnifd)e geigheit. 3e£t burchfchaut er 
— mie er meint — ben ©egner gan^ unb fd)leubert ifjm 
nun ben 33ormurf ed)t fyunnifd)er Feigheit unmittelbar 
ins ®efid)t. 2)iefe fermere 33eleibigung fällt mieber in 
eine Süde beS ©ebidjteS, läfjt fid) aber aus ^ilbebranbS 
©rroiberung fieser erfcfjliefjen. 

Se^t lann ber 93ater nid)t meiterge^en. ®r fjat fid) 
bef)errfc^t, er t)at fid) gebemütigt: bafür t)ört er bie 
für einen gelben fc^merfte SSeleibigung, ben 33ormurf ber 
geigt)eit. Unb er empfängt tiefen Sormurf öffentlich, 
oor beiben feeren, in ber feierlichen unb bebeutungSooHen 
Sage eines beabfidjtigten Unb bann: in 

2 * 



Original from 






ihm wirb fefct beS gange tjunnifcbe VoR ins 
hinein beleibigt, baS Volt, beffen Äönig ihn gütig au 1 

S enommen ^at # unb beffen $eer hinter ihm fteht, gu* 
hauenb unb guhörenb. 3Jtan fietjt, tute ^ier gwtngenb, ja 
entfd)eibenb bie oom Siebter anfangs fo meifterhaft ge* 5 
{eignete ©ejamtlage bie Sntwidlung ber Singe mitbeftimmt 
§ilbebranb errennt, bafj er baS ©chwert giehen rnufj, 
unb bab bie Singe unerbittlich ihren Sauf nehmen: 
„3ch toäw btt ifcigfte ber non bir als feig oerachteten 

t unnen, Wenn ich bir jefct ben ßweitampf üerweigerte." 

itter auf bie SBorte beS ©ohneS anfpielenb, führt er 
fort: M SD25ge benn ber, bem eS glüeft, bie Lüftung beS 
©egnerS erfämpfen unb baoontragen." 

@S beginnt ein gewaltiger $ampf — unb baS ®ebi 
bricht ab: bie ©chreiber höben baS Enbe nicht au 
gegeichnet Weil baS Pergament ber $anbfchrift nicht 
reichte. Sber aus anbern Berichten läfct fich ber ©chlufj 
ergangen, #ilbebranb fchlägt ben ©ohn gu ©oben: ber 
§unnen unb feine Ehre ift h^geftetit Stoch einmal 
bietet ber Site bem ©ohne oätertiche Siebe unb Seben 
an, nahe bei ihm ftehenb unb oielleicht — weniger mifc 
trauifch als ber anbere — bie gebotene Vorftcht auS bem 
Suae laffenb. Sber ber Überwunbene ift burch bie 
Stieoerlage aufs h e f^9P c 9weigt: Stuhm unb Veute ift 
bahin, ber oerachtete alte Spumte hot ihn befiegt Sßut 
unb Sngrimm erfüllt feine Seele. Unb nun oergifet er 
Pch in ber Seibenfchaft: er, ber oorher bem ©egner 
lüde oorgeworfen hat, führt einen oerräterijehen Schlag 
gegen ben Sieger. Ser weicht aus, aber nun erfaßt ihn 
auch ber &orn. Sange h a t fich ber Site bemeiftert, hat 
oom ©ohne eine Veleibtgung nach ber anbern hingenommen. 
& ift oerächtlich bebanbelt worben. Sber wer ift nun 
ber Verächtliche? $ilbebranb mu^ bie ©träfe für ben 
Verrat oodgiehen: er erfragt ben ©ohn. 

©o fteht am Schluß ber Vater an ber Seiche beS 
©ohneS, ber feine gelben ehre oerloren fyit Sr fteht am 
Srobe feines ®lüdeS, mit Vlutfchulb beloben. Sie ©attin 


ift wahrfcheinlich längft tot, ber eingige ©ohn 
baS ©ejchlecht erfiföt 


itn auch: 


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DaS miH ber Siebter fagen: Xragifd^ war baS SoS 
beS herrlichen, berühmten gelben, ©längenb begann fein 
Seben, $elbenfraft unb $elbentugenb werten tlftt, wie 
feinen; er war — nad) bem ©ebote ber feubalen ©tljif — 
bi« aufs äufcerfte treu feinem £errn unb — nach bem 
©ebote ber Religion — bis gur Demütigung liebeooD 
gegen ben trofcigen, feinblichen ©ohn. ®r mar ein $elb 
unb ein ©hrift. ©infames Vertrauen auf ben atlwiffenben 
unb allmächtigen perfönlichen ©ott, ben ihn bie ßirdje 
gelehrt, erfüllte ihn. Der tjattc ben $offenben in ber 
Verbannung geredet unb gnäbia behütet, er hatte ihn an 
bie ©renge ber Heimat, gum ©ohne, bem ^elben^aften 
gührer, gurücfgeführt: mte er glauben muffte, um ihn 
mit bem ebeln ©ohne gu bereinigen unb gum ©lücf ber 
3ugenb gurüefgubringen. Äber baS mar nicht ber ©inn 
feines ßebenS: ber Senfer ber SBelt hatte ihn aufgefpart 
für baS ©chlimmfte, was eS geben fonnte, er hat bem 
©ohn bie ©hre gerbrochen, ben 33ater mit SSlutfchulb 
belaben. 2tHeS, maS §ilbebranb bem Saufe feines SebenS 
nach als gerechten Sohn für fein Älter erhoffen burfte 
unb erhoffte, hat er ihm gerjdftagen. Der (Sott, ber baS 
^Regiment ber Sffielt führt, hat ben tapferen, tiebeooKen, 
treuen, frommen 9Rann innerlich gerfchmettert. 

SEBarum baS? 333ie pafft foldje Führung ber 33er** 
hältniffe gu ber 33orfteKung eines gerechten, barmhergigen 
©otteS, ber baS 33öfe hafft, mie pafft-fie gu ber Uber- 
geugung, baf$ pflichttreue unb wahrhaft chriftlidjeS ^anbeln 
am ©nbe boch belohnt werben ? ^ilbebranb, ber ergraute 
Jfrieger, ift nicht gewöhnt, fich über folche Dinge begrifflich 
geformte ©ebanfen gu machen: er wirb ferne Sntmort 
wiffen. Unb ber Dtchter? Die erbarmungSlofe Iragif, 
bie bie ^anblung beS ©ebichteS beftimmt, ber ©egenfafc 
gwifchen bem harten, ungerechten Sauf beS 333eltgefchehenS 
unb ber fdfticht chriftlichen hdbifchen Denfart #ilbebranbS, 
ein ©egenfah, ber ohne Ausgleich, ja ohne einen ÄuSblicf 
auf einen folgen, fcharf h^auSgearbeitet wirb, beweifen, 
bafe auch er feine muhte. ÜBir fönnen bie ©ebanfen beS 
Dichters am beften auSbrücfen mit einigen SBorten aus 
ÄleiftS gamilie ©chroffenftein. Da fagt 3eronimttS, 


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ö 



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22 


angefidjts ber unheimlichen SSertoicEIung bcr ©reigniffe, 
bie rei|enb bcr SSernidjtitng jubr äugen: 

2lu3 biefem Sßirctoart ftnbe ficb ein tßfaffe! 

3$ lonn e$ itidjt. 

9 • 

Unb ber milbe ©tylöefter, ber unserem ^ilbebranb 
eittfprädje, antwortet: 

9 

3<b bin bir roolji ein SRätfel? 

9?id)t moljr? 9?uit, tröffe bid), (Sott ift e$ mir! 

©S ift baS alte Problem öon bem äßiberfprucp einer 
fd^Iidf)t öolfötümlichen, optimiftifchen ©otteSoorfteflung 
unb ber barauf gegrünbeten SebenSanfchauung mit bem 
harten $Beltgef<hehen, mie eS fidf} täglich, befonberS aber 
im Kriege offenbart, eS ift baS Problem ber £f)eobicee, 
baS ben alten unb ben mobernen Sichter, ben $eit* 
aenoffen ber Kriege Karte beS ©rofcen unb ben ber 
ffeapoteonifchen befdtjäftigte. 93eibe fchliefjen ihre Sichtung 
mit einem 3*rage$eichen: eine Stntfoort geben fie nicht. 

SaS aber ift gerabe baS SRerfmürbige am ^ilbebranbS* 
tieb. Kteift hatte bie geiftige Semegung beS achtzehnten 
3a^rt)unberte hinter fiep: feine Sragöbie ift eine bittere 
3lbred)nung mit bem Optimismus, fie fteht auf ber 
Scheibe zweier feiten. 9lber ber alte Siebter beS achten 
3a^rt)unberiS ? 3Bof)er !am iljm fein ßtoeifel? SBoljer 
ber fo mobern anmutenbe, biffonante SluSgang feiner 
Sicfjtung? ©tanb er melleidfjt auch auf ber Scheibe 
jmeter $ e ittn? 3d) glaube eS. 

Ser ©ott, ben |rilbebranb in ber 3ugenb ju öerehren 
gelernt hat, ift ber irmingot, ber grofce ©ott, ber oben 
oorn ^immel ^erab aßeS fieht, ber bie ganze SBelt regiert 
unb barum Unheil oerhüten !ann, toenn er nur miß. 
©eredjt belohnt er ben ©uten unb ftraft ben S3öfen, 
melleidjt nid^t gleid^, aber bod^ nodfj in biefem £eben: 
fittli^eS unb religiöfeS SSergalten bebingt alfo in 
unmittelbarem ßufammenljang baS ©efd^id beS 2Renfd}en. 
S)iefer ©ott ift audf) ftarl perfönlid^: als ^err thront er 
in ber $öl>e, ift aber mit feiner Kraft überaß am SBerfe, 
mie ein meitfcljauenber, geregter, unter Umftönben auch 


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23 


firenger Äönig. ®iefe tebenbige, optimiftifdje SBorftellung 
oon ©ott unb Sebeit ift bic ©orauSfefcung für ^ilbebranbs 
©erhalten oor unb tn bcr ^anblung beS ©ebichtS: auf 
ber berfclbcn fteht er an ber Stelle, wo er fid^ beut 
©ohne $u erfennen gibt. 

®ie Slnfchauung tft natürlich djrifttid). Sie beherrfcht 
j. 33. baS SubwigSlieb, baS faft ^unbert 3&h rc fpäter 
gebietet ift. ©olfStümlich h>ar unb ift fie ju allen 
Reiten. Sber freilich entftammt fie nicht bem Steuen 
Xeftament: ihre Quellen finb oor allem bie SBeiSheit 
©alomoniS, 3efuS ©irach unb ©alornoS ©ebet,*) Schriften, 
bie übrigens zufällig ben Hauptinhalt ber $anbfchrift 
auSmachen, auf bereu 2faf$enblättern baS $ilbebranbslieb 
überliefert ift. ®ort Reifet es: 

„SBenn auch e ^ n Srember, ber nicht beineS ©olfeS 
SSraelS ift, fomrnt aus frembem Sanbe . . . fo wolleft 
bu höten int $immel, im ©i| beiner SBohnung, unb 
tun alles, barurn ber $rembe Dich anruft, auf bafc alle 
Sölfer auf ®rben beinen Siamen erfennen, ba# fie auch 
bich fürchten, wie bein ©olf 3Sraet." 2 ) w © 0 ttiodeft bu 
ihr ©ebet unb glehen hören im Fimmel, Dom ©i£ beiner 
SBohnung, unb Siecht fchaffen." 3 ) „Siner ift weife, ber 
Slöcrhöchfte, ber Schöpfer aller ®inge, allmächtig, ein 
gewaltiger Äönig utib fehr erfdjrecflich, ber auf feinem 
&h rone fife ct f e i n hw*fchenber ©ott." 4 ) „®ott ift Reuge 
über alle ©ebanfen unb erfennet alle §erjen gewifc unb 
höret alle SBorte." 5 ) „Slber bu haft alles georbnet mit 
SRaft, Roll unb ©ewicht. ®enn grofc Vermögen ift alle 
Reit bei bir, unb wer fann ber SMacht beineS StrrneS wiber* 
Rehen? " 6 ) Unb weiter: „®ie ihm oertrauen, bie erfahren, 
baft er treulich hält." 7 ) „Slber bu erbarmeft bich über 
alles; benn bu Ijaft ©ewalt über aßeS . . . benn bu liebeft 
alles, baS ba ift, unb ^affeft nichts, was bu gemacht haft; 
benn bu haft freilich nichts bereitet, ba bu $aft ju hätteft." 8 ) 
„®u fchoneft aber aller; benn fie finb bein, $err, bu Sieb^ 


») 1. Äön. 8 , 22ff- ®ebet 41}f. ») «.49. 

*) Sir. 1, 7 f. ») SBciSh. 1, 6. •) «bb. 11, 22. 

7 ) ®bb. 8,9. •) ®bb. 11,24. 




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24 


fjaber alle« Seben«."*) „933eil bu bcnn geredet bift, fo 
regiereft bu alle ®inge redfjt, unb ad)teft beiner SJtojeftät 
nicfyt gemäfi, jernanb ju derbammen, ber bic ©träfe mdf)t 
derbient tjat." 2 ) „9lber bu, gewaltiger £>errjdjer, ricfjteft 
mit ßinbigfeit, unb regierft nur mit diel S3erfdjonen; 
benn bu dermagft alle«, wa« bu wiHft." 3 ) „833er ben 
Herren fürchtet, bem wirb« wofjl getyen, unb wenn er 
Xrofte« bebarf, wirb er gefegnet fein." 4 ) „9111 e SEBo^ltat 
wirb i§re «Stätte finben; unb einem jeglichen wirb wiber* 
fatjren, wie er« derbient tjat" 5 ) 3 u f ammet1 S e f a fe t wfäeint 
biefe ®enfart ©iraef) 39, 21 ff: „91lle SQBerfe be« $errn 
finb febr gut, unb wa§ er gebeut, ba« gefdf)ief)t ju rechter 
Reit, unb man barf nidjt fagen: wa« ift ba«? wa« 
foH ba«? ... ®enn wa« er burcf) fein ©ebot fdjaffet, 
ba« ift lieblid), unb man barf über feinen SRangel flagen 
an feiner |jtlfe. 9lHer 9Renf$en 333erfe finb dor iffm, 
unb dor feinen 9lugen ift nidjt« derborgen. 6r fteljt 
alle« don 9lnfang oer Sßelt bi« an« ßnbe ber SEBelt, 
unb dar iljm ift fein ®ing neu. 9Jtan barf nidjt fagen: 
Wa« ift ba«? wa« foH ba«? benn er ^at ein jegliche« 
gefefjaffen, baft e«^u etwa« bienen foH . . . 9ttle«, wa« 
don Anfang gefefjaffen ift, ba« ift bem grommen gut, 
aber bem ©ottlofen fdEjäblidfy." 

®iefe fdfjöne biblifc^e 9lnfdfjauung war bei ben granfett 
be« 6.-8. Sabrfjunbert« fe^r dergröbert worben: 
©ott fjatte bie Rüge eine« gerechten, aber dor allem 

ftrengen unb IjartenJfranfenfönig« angenommen, ber mit 
feinem perfönlicfjen Sßitten überau tjineinregierte unb nad) 
beffen 9lbficf)tett man ängftlidj fragte unb formte. 3n 
ber Reit ber ßarolingifcfjen Stenaiffance war fie in ben 
Greifen,*bie unmittelbar ober mittelbar unter beren ßinflufj 
ftanben/ — id^ möchte audb ben ®id^ter be« ^ilbebranb««* 
liebe« in ben le|teren fuc^en — wieber au« jener 
SSerbunfelung f)erau«gel)olt worben: bie ftoifdje^ilofop^ie, 
bur^ ßicero/^oraj, SSergil u. a. dermittelt, Ijatte babei 
geholfen, ©entließ fpürt man bie SBirfungen biefer 
getftigen ßr^ebung in bem, wa« ßin^arb über Karl« 


Oß&b.B.T. *) 12,15 •)12,18. *)6it.l, 19.- # )16,14. 


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25 


Senfart oerrät unb toag bic Äarotinifchen Sucher erfchliefcen 
Iaffen. 

Siefe optimiftifche Sorfteßung oon ®ott unb Beben, 
ber urfprünattch auch unfer Siebter angegangen, ift ihm 
}ufammengebrocf)en. gtoeifelnb, tjicllcidgt oerjtoeifelnb 
fteht er oor bem Sßeltgefchehen, toie eg mirflid^ ift, bem 
SBeltgefchehen, bag feine Rücf ficht auf »Jrdminigfcit unb 
Sugenb fennt, bag oft ben Söfen ergebt, ben ©Uten 
oernichtet. Ser innere gufammenhang jtoifchen Recht* 
fchaffenheit unb Religion einerfeitg, Wohlergehen unb 
©lücf im Seben anbererfeitg löft fich ihm, jener Rammen* 
bang, ben ein oolfgtümlicheg &f)riftentum immer atö 
nottoenbia unb unmittelbar behauptet. Sie SBechfelfäfle 
unb bie fdjmeren 9iöte beg Sriegeg fdjeineit ihn belehrt 
ju höben, ©r toeifi nun: bag Seben ift ganj anberg, alg 
lene fromme firchliche Sehre oerfünbet. Wag für ein 
SBefen ift bann aber ©ott? Ser aßtoiffenbe unb aß* 
mastige, fann er ber gerechte unb barmherzige fein, ben 
bie fßnefter lehren ? — biefe grage ctflibt fich quätenb unb 
bebrohltch aug jener ©rfenntnig. ©ine Slnttoort toeijj 
ber Siebter nicht zu geben, ©ein ©ebidEjt treibt einem 
febriß biffonanten Schluffe ju; eg fehlt jeber oerföhnlidje 
9lugbticf, jebe ?lnbeutung einer Rechtfertigung ©otteg. 
Sie ©timmung beg getoaltigen Werfeg ift nic^t optimiftifch, 
fonbern peffimiftifch unb tragifch- 

Slber eben bag ift bag ©eltfame. Woher lam bem 
Sichter aug bem ©nbe beg 8. 3af)rhunbertg, bem SRanne 
einer ftreng fireblicb gebunbenen $eit bte fttaft, fein 
Problem anberg alg eg bie Äirdfje tat, ju löfen? Senn 
bie Äircbe hatte bie grage unb befafc auch Slnttoorten; 
Ztoeifellog fannte fie unfer Sichter. 

Srei baoon gibt bag Such $iob, in bem bie 
neuere ffritif oerf^iebene ©d^id^ten entbedtt höt. 

3n bem älteften ©tüd, ber ©efdjichte oom 
frommen ßiob, toirb ber £efb aßer feiner ©üter, 
aß feineg ©lücfg beraubt. @r toirb mit jjranfheit ge** 
fc^Iagen, feine grau rät ihm ©ott abjufagen. 3lber er 
toirb am $errn nicht irre, er hält feft an ber furcht 
©otteg, an Semut unb ©ehorfantj Unb ©ott rechtfertigt 


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26 


fein Vertrauen: er fefct fdjließlidh ben ©etreuen in ben 
alten ©tanb, ja erbebt if)n mehr als auoor. Sie Söfung 
ift nait> * optimiftifdg: fjrömmigfeit belohnt fid^ ftetS im 
Seben, Unglüd bauert nur eine ßeit unb barf ben 
SRenfdjen mdfjt beirren. 

Siefen ©tanbpunft läßt ber SSerfaffer non |)iobS 
$lage, ber ^weiten Schicht, weit Ijinter fidf). £iob ift 
non ©ott mit fdperer Äranfheit heungefucht. Äranftjeit 
gilt ber gewöhnlichen 3Reinung als ©träfe: ttrie fönnte 
fie fonft öom geregten ©ott üer^ängt werben. Slber 
ber ©equälte weiß fief) ohne ©chulb. „@o möge man 
mich auf rechter 233age, fo wirb ©ott erfahren meine 
grömmigfeit. $at mein ©ang gewichen aus bem 333ege, 
unb metn #ers meinen Slugen nachgefolget, unb ift 
etwas in meinen $änben beliebt, fo rniiffe ich fäen, unb 
ein anberer freffe eS; unb mein ©efchlecht rniiffe aus* 
aewurjett werben". 1 ) „SBaS gibt mir aber ©ott jum 
Sohn non oben ? unb was für ein ßrbe ber SlUmächtige 
non ber |)öhe? Sollte nicht billiger ber Ungerechte 
fold) Unglücf h a ^ e «r unb ein Übeltäter fo oerftoßen 
Werben?" 2 ) ^$abe ich gefünbiget, was foH ich bir tun, 
o bu ÜDlenfchenhüter? SEBarum machft bu mich, baß 
auf bich ftoße, unb bin mir felbft eine Saft?" 3 ) „SaS 
ift baS eine, baS ich defagt habe: er bringet um beibe 
ben frommen unb ©ottlofen. SBenn er anhebt ju geißeln, 
fo bringet er fort halb jum Sbbe, unb fpottet ber Sin** 
fedhtung ber Unßhulbigen." 4 ) „Stufe mir, ich will bir 
antworten, ober ich tottt reben, antworte bu mir. Sßie* 
niel ift .meiner SRiffetat unb ©ünbe? Saß mich wiffen 
meine Übertretung unb ©ünbe." 6 ) 

Sin bem Sßiberftmtch öon Seben unb 5 r ömmig!eit 
jerreibt ftch $iob. Sie greunbe, Slnhänger ber üblichen 
Stnfchauung, bieten ihm bie gewöhnlichen Sroftgrünbe: 
eS ift eben ©otteS Statfdhluß, jagen fie, ©ott Wirb ihn 
jehon wieber erbeben; eS ift SßrüfungSleiben; jeber -JRenfch 
ift eben ein ©ünber unb oerbient als folget immer 


») 81,6 ff. *) 31,2-3. s ) 7,20. *) 9,22-23. 

») 13,22—23. 


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27 


©träfe. Äber ber ®equälte erfemtt Kar, bafc baS nur 
oberflächliche Sieben finb: „2BaS plaget ihr hoch meine 
Seele unb peinigt mich mit SSorten? 3h r h ö &t mid) 
nun zehnmal geböhnet unb fchämt euch nicht, bafj ihr 
mich alfo umtreibet.... 2Jterft hoch einft, bafc mir ®ott 
Unrecht tut, unb fyat mich mit feinem 3agbftricf um® 
geben.... Er ^ot meinen SBeg oerzäunet, ba| ich nie*)* 
!ann hinübergehen, unb h<*t ^infterniS auf meinen ©tetg 
geftellet. Er fyat meine Ehre ausgezogen unb bie 
ffrone oon meinem $aupt genommen. Er hat mich V* a 
brochen um unb um, unb läfjt mich gehn, unb hat aus® 
geriffen meine Hoffnung mie einen Saum." *) Einen ÄuS® 
meg aus ben quälenben ®eban!en finbet ber Seibenbe 
nicht. Äber er läßt auch bie Serzmeiflung nicht über 
ftch f>err merben. 2Bie Nathan im IV. Sllt oon fieffingS 
®rama ringt er fich ju bem mahrhaft religiöfen ©tanb* 
punft empor: 

Unb bo<h ift ©ott! 

$o<h mar auch ©otteS föatfdjlufc ba$. 

ES ift baS „Unb bennoch", ber ffern aller edjten 
Religion, baS bei §iob mit erfchütternber ffraft heroor® 
bricht: „3dj aber meifc, mein Änmatt lebt, unb als lefcter 
mirb er auf bem ©taube fich erheben, unb lebig meines 
gfleifdjeS merbe ich ®ott fdjauen, ben ich fdjauen merbe 
als mir günftig, unb meine Äugen feljen merben, nicht 
als ®egner." SßaS audh bie ferner beutbaren üBorte 
fagen foHen, eins ift Har: aus ben liefen oon #iobS 
frommer Seele bricht im ßeiben bie fefte Überzeugung 
beroor: ®ott mirb mich unb fich rechtfertigen. ®ie 
felbftoerftänbliche Weiterleit ber alten Erzählung ift ba® 
hin: baS Problem tft unenblich vertieft. Äber optimiftifch 
bleibt bie ßöfung hoch. 

®em gegenüber bebeutet baS Sieb oon ®otteS 
® r ö § e in ffap. 38 beS £>iobbucheS religiös einen SRüd® 
fchritt. ®S bringt eine neue ßöfung. ©ie öermeift bem 
Kagenben ®ulber feine ffiorte. ®ie menfehtid^e ©inficht 
rei^t nicht hin, ©otteS 9tatfchtu| zu oerftehen; er foQ 

') 19,2—10. 


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28 


ficb in 2)emut beugen nnb befdfjeiben. Unb ber fromme 
geborgt: „®arum befenne id), baß ich ^abe unmeislicb 
gerebet, baS mir ju hoch ift, unb ich nicht oerftebe." 1 ) 
Such bi er bebätt ©ott recht. 

Stnbere flöfungen fügt baS -Reue Jeftament bin* 
ju: Sob- 9,1 ff. trennt Kbnftuä in ber Erjäbtung pom 
sölinbgebornen ©ebulb unb ßeiben ööHig; 3efu Seiben 
ift ein unfcbulbigeS unb mirb febon früh oon ber @e* 
meinbe unter ben ©efiebtspunft be$ ErlöJenS gefteüt; 
baS ©leicbniS Dom reifen SRann unb armen SajaruS 
bringt bie populär*fircblidf)e Stnfcbauung in bem nach* 
brüalicben |)inmei3 auf Ausgleich beS trbifeben Sßiber* 
Spruchs burd) 2°b n °ber ©träfe im SenfeitS. Dptimiftifdb 
finb fie alle: benn fie rechtfertigen ©otteS ©erhalten. 

393ie ba£ ©leicbniS, beantmortete auch bie fircblidje 
SRicbtung jur Mt ÄarlS bie fernere grage, bie ficb ber 
Siebter be§ £iibebranbsliebe$ ftellte. ^beobulf non 
Orleans, ein SPtitglieb beS farotinifeben ifreifeS, rang 
ebenfalls hart mit ben ©cbmierigfeiten, in bie bie opti* 
miftifebe 3ßeltanfid)t unb ©otteSDorfteHung btneinfübrt. 
3n einem lateinischen ©ebid)t „Über bie göttliche SBelt* 
regierung, bie bem 3Renfcben oft unoerftänblicb, aber 
nie ungerecht ift", tefen mir: „2)u Äraft, bu ^errtiebfeit, 
bu rubmüoÖer erhabener ©inn: mir alle bemunbern bidb, 
uerfteben lann bidb feiner. S33ir feben mobl, baß im 
SSoife ber SJtenjcben vieles unb ganj oerjebieben hinaus* 
geführt mirb. Hber mir miffen nicht, marutn etmaS 
gefd^iebt. Denn oft folgt UnglüdE bem ©uten, oft ©lüdf 
oem ©dachten, oft auch mieber Erfreuliches bem ©uten 
unb ©cblimmeS bem ©Öfen. Stber all baS, maS gefebiebt, 
mirb bureb 9tatfd)luß non obenber gelenft: oft bleibt 
fein ©inn uns bunfel, aber ©ormurf oerbient eS „nie." 
S)enn, jo begrünbet ber fromme Siebter feine Über* 
jeugung: baS jüngfte ©eridht ooUjiebt ben SluSgleidp, 
mo ihn baS Seben oermiffen läßt, ©o löfte bie faroli* 
nifdhe Silbung baS alte Problem, baS audh ©ophofteS 
im w ?ßbÜoftet" unb ber „Eleftra" berührt, baS einen 


>) 42,3. 


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29 


83oetf)tu* quälte. Dptimiftifch auch fte, benn ©otteS 
SBeltregierung wirb gerechtfertigt. 

Unt fo bringenbet erhebt fid) für unB bie ffrage: 
2ßie fomntt ber Sid)ter beS fjilbebranbSliebeS tu feiner 
eigenartigen Stellung? Senn mit feiner heroen 93 e« 
urteilung ber fird)liqjen SebenS» uitb ©otteSoorftellung 

S jreitet er über bie ©renjen beS ©hriftentumS hinaus. 

nb eine Äritil, wenn auch nur eine mittelbare, liegt 
in feiner Sichtung. 

3n ber 93ibel fehlen ÄnfnüpfungSpunfte für feine 
©ebanfen nicht. Ser ißrebiget ©alomoS oerrät in 
mancher §inficht Oerwanbten (Seift. Siefer jübifche SEBeiS- 
beitSlehrer f>ot fich bemüht, ba8 SEBeltgefdjehen ju er» 
forfchen. @r erfennt: ob gut, ob böfe, ber ©rfolg be8 
©trebenB ift immer ber gleite, e8 ift alles oergebenS. 
„@8 finb ©erechte, benen gehet e8, a!8 hätten fie SBerfe 
ber ©ottlofen, unb finb ©ottlofe, als hätten fie SBerfe 
ber ©erecfjten."') „Sßie e8 bem ©uten geht, fo geht e8 
auch bem ©ünber, wie eS bem äReineibigen geht, fo geht 
e8 auch bem, ber ben Sib fürchtet." 2 ) „Sa ift ein ©e» 
rechter unb geht unter in feiner ©erechtigfeit, unb ift 
ein ©ottlofer, ber lange lebet in feiner 93o8heit." *) Unb 
Warum bieS? Sa8 SoS beS SDlenjchen wirb eben nicht 
oon einer gerechten 93orfef)ung ©otteS beftimmt, fonbent 
ift ber miHfürlid) gefeiten !Rotwenbigfeit eines furcht» 
baren göttlichen SBefenS unterworfen: „9lHeB ift jeitlidj 
beftimmt unb alles unter bem Fimmel läuft ab tn be» 
ftimmten Seiträumen." *) Ser SSerfaffer ift unter ben 
©influfj ber griechifdjen — ftoifchen — 5ßh*l°f°Phie 
geraten. 

21uch ber Sichter beS $itbebranbS!iebS erfennt flar, 
ba| baS ©efdjicf beS SDlenfchen nicht notwenbig oon 
feiner grömmigfeit unb Sugenb abhängt. Ob er aber 
fein eigenes fchmerjlicheS ©rieben gerabe an ben äBorten 
beS ißrebigerS ju biefer ©rfenntniS entwicfelt hot, fragt 
fich bodj. Senn ber überarbeitete Sejt beS Soheleth 
lägt bie peffimiftifch«fataliftifchen ©ebanfen, noch baju 

>) 8,14. *) 9,2. ») 7,16. «) 3,1. 


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30 

in ber Sutgata, nicht fd^arf unb beberrfdjenb genug 
beroortreten. SSielletc^t jeigt aber bie Überlieferung unb 
bie Spraye beS alten §elbengebicbtS eine SWöglicbfeit, 
bie ftroge 3 U beantworten. 

S>aS ^ilbebranbstieb weift auf gulba. Sort befanb 
ficb bie erfte SRieberfcbrift, bie unmittelbare Quelle ber 
erhaltenen. Sie Sprache mifcbt oftfränfifcbe unb bairifc^e 
Seftanbteite, eine SRifcbung, bie jur 2JJunbart beS SlofterS 
paf 3 t. SBar etwa ber Siebter bort gebilbet, wie ber Saie 
©intjarb, ber Siograpfy ÄartS beS ©rof$en? Slber ber 
Sidjtrr febreibt nicht reines ^oebbeutfefj. ®r fprengt alt»* 
fäcbfifcbe Saute unb SBenbungen ein, offenbar weit er 
für fäcbfifcbe Störer biebtete: er wirb als |)elb unb 
Sänger jum ©efolge eines fäcbfifcben @beln gehört hoben. 

®r ftanb bort in einer ungeheuren geiftigen 93e** 
weaung. ©eit 776 war ©aebfen bureb Äarl nicht nur 
poUtifdb unterworfen, fonbern auch oercbriftlicbt worben. 
Slber ber neue ©taube war bod) noch nichts als girniS 
ber Oberfläche. Sarum beginnt ber grobe granfenfönig 
feit jenem Sabre eine ftarfe SRiffionterung ber Unter** 
worfenen. SaS eroberte Sanb würbe in SRiffionSbejirfe 
geteilt: einen batwn erhielt baS SUofter gulba. Seffen 
2lbt ©türm (f 779) bot in ©aebfen gewirft. 

2Ran bebenfe, was biefe fdjnelle, oft gewaltfame SSer* 
dbriftlicbung beS ©adjfenlanbeS bebeutete. ®in uralter 
©laube an ©ötter wie SSoban, Sonar, ©aptot fottte 
auSgerottet, Sitte unb ©taatSoerfaffung oon ihren beibni* 
feben SBurjeln loSgelöft unb cbriftlicb erneuert werben. 
Unb ber germanifebe ©taube fab bei ben ©aebfen feft. 
®r hotte ficb bei ihnen rein oon cbriftlicben Sinflüffen 
erholten, unb bie SRadjbarfcbaft beS beibnifeben Sänemarf, 
bie Sejiebungen jum ffanbinaoifeben SRorben hotten ihn 
geftärft unb oertieft. Sie fäcbfifcbe Religion lehrte oor 
allem, nichts wiber ben SBiHen ber ©ötter beS SSolfeS 
ju tun. Siefer SBiHe war bort: felbftberrlicb wolteten 
bie ©ötter unb taten, waS ihnen gut bünfte, ber ÜRenfcb 
batte ficb febweigenb ju unterwerfen, er mu^te ©lücf 
unb Ünglüd aus ihrer £anb nehmen, er muhte ficb 
hüten, ihren 3 0rn i u reijen. Sementfprecbenb oerftanb 


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LIMA 















ber Stadjfß auch baS Sßeltgefcbeben: toaS t^n traf, ©lüdt 
ober Unglücf, baS oerbängten bie ©ötter. äßarurn aber 
fo? SEBeil eS ihnen beliebte, ©erecbtigfeh, ©nabe, ©arm* 
ijerjigfeit mären nicht bie ®igenf<haften eines SiBoban 
ober 2)onar. 2)aS SebenSfcbicffal im befonberen teilten 
bämonifcbe Sßefen, bie wurd „baS ©erbängniS" unb bie 
metodu „bie SReffenben" ju: orbnenb beftimmten fie 
jebem, maS er erleben joute, ©uteS mie ©öfeS; unb 
fcbliefjlicb fcbnitten fie ibm jur oorauSbeftimmten $eit 
ben SebenSfaben ab. SBaS fie feftgefefct bitten, ftanb 
umoiberruflicb ba: fein frommes unb gutes §anbeln 
oermocbte ben ©efcbtufe ber ©cbicffalSmacbte umjuftoben. 

2)ie(e batte äuffaffung oon ©ott unb Seben mufjte 
bie fränfifcbe SJtiffion bocb mobl oor allem befeitigen 
unb burcb eine eblere eiferen. Seine anbere eignete ficb 
beffer, als bie faßliche, fcblicbte beS einen, perfönlicben 
©otteS aller SBölfer unb SRenfcben, ber im £immet 
tbtont, alles fiebt unb meif$, aäeS nach feinem SBiUen 
beberrfcbt unb beftimmt, aber gerecht in Sohn unb ©träfe 
über ber S33elt maltet unb barmherzig auf baS ©ebet 
beS frommen unb ©uten hört, — eben bie ©orftellung, 
bie ben 3efuS ©iracb unb bie oermanbten biblischen 
©tücfe beberrjcbt. 

®er Sarnpf ber ©eifter bauerte 3abrjebnte: ber 
dichter beS ^ilbebranbSliebeS ftanb mobl mttten barin. 
6r fannte bie optimiftifcb-cbriftlicbe SBeltanfcbauung ber 
fjranten, er fannte bie realiftifcb*b arte ber ©acbfen: er 
fonnte vergleichen. SBelcbe ftimmte beffer jum Seben? 
®ie grage beS $b eo ^ cee ®ar in ber $eit lebenbig: baS 
jeigen $b e °bü(f3 ©ebicbte. £iob unb Sobeletb regten 

S Ämeifeln an. ®er ^Dichter fcbaute ber SBirflicbfeit 
arf inS ©eficbt: er empfanb tief, toie bie ©acbfenfriege 
Saris unb feine graufamen ©trafen ben einzelnen er¬ 
barmungslos ztttitalmten, ben ©uten mie ben SBöfen, 
ben ©cbulbigen famt bem Unfcbutbigen, mie baS gür unb 
miber Sari bie Sippen z^ife unb gegeneinanber ftellte. 
©o fonnten ihn bie b e rfömmlicben fircbticben SCroft- 
grünbe, bie auch b^te noch bem ©haften oorgebalten 
»erben, nicht befriebigen. SBaS fing er an mit ben 


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32 


Sieben non Prüfung ©otteS, Strafe verborgener ©ünben, 
unerforfälichem Statfchluft be$ ©migen, Ausgleich im 
3enfeit$? ©egenüber bem gehäuften Seib be$ Un* 
fdjulbigen, ja be$ frommen unb Braven verfingen fie 
nic^t. 2Bettgefd)e£)en auf ber einen ©eite, auf ber anbern 
d&nftlicher ©otteSbegriff unb dbriftiidje SebenSanfchaumtg 
Rafften breit auSemanber. 5ßa^te ba nicht bie altljeib* 
nifcfce BorfteKung beffer gur SBirflidEjleit? freilich, bie 
äRefjrgahl ber ©ötter, i|re aögumenfchliche Slrt, ihre 
nationale ©nge mären nicht für einen ©eift mie ben 
beS ®ichter$: gu SBoban, ®onar unb ©apot fonnte er 
nicht gurüdE. Slber fonnte fiel) nicht ein felbftänbiger 
®enfer mie er, getragen von bem freieren ©eift ber 
farotingifchen Benaiffance, eine Sebent- unb ©otteS* 
anfchauung bilben, bie bie SJtitte hfett gmi(<f)en chrift- 
lieber unb fjeibnijeher? 3ch möchte e$ glauben, meil mir 
jo allein bte merfmürbig freie unb felbftänbige ®enfart 
oe$ ®ichter3 begreifen. 3n ber ®at, mie Äoheleth, mic 
SUeift, ftanb auch er auf ber Scheibe gmeier feiten. 

Slber mit aUebem ift bie Stellung beS alten ®id)ter8 
nodh nicht voll verftänben. ©eine Beurteilung be£ ©hoffen* 
tumS ift viel bitterer als ber ßroeifet beS ffoheleth- ®r 
geigt nicht blofj, bafe bie ®ottt)eit auch ben frommen 
unb ©uten ins UnglüdE ftürgt, fonbern er verfettet bie 
©reigniffe fo miteinanber, bafe fie in notmenbiger, ftrengfter 
golge ^ilbebranb gerabe burd) pflichtmäfeigeö ßanbeln, 
Väterliche Siebe unb djriftliche ®emut in bie [chmerfte 
©chulb, bie e8 gibt, in Blutfchulb ftürgen. ®enn mit 
©chulb beläbt ftch ber Bater burch bie ®ötung beS 
©ohneS: ber ©chulbbegriff jener $dt ift noch gang 
gegenftänblicfy unb £>ilbebranb mirb gur Blutfchulb burch 
bie Berhältniffe gegmungen: er miberftrebt mit aller 
Äraft, er jteht baS BerhängniS beutlich fommen — unb 
hoch rnufe er fchlie^Uch ben tätlichen ©treidf) führen. 
?lu^ ben jungen ©ohn ftürgt gerabe baS pflichtmäfeige 
Raubein beS BaterS ins UnglüdE. Bei ihm verhinbert 
gerabe bie Bemunberung unb bie Siebe gum abmejenb 
ober tot geglaubten Bater bie Söfung ber vermorrenen 
Sage unb fteigert bem — mie e$ fcheint — h unn ^^ en 


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33 


©egner gegenüber beit 3orn, fteigert ihn bis $um Sn** 
grimm, ber fich btinb berget unb bas ©efefc ber Sljre berlefct. 

füllt erbarmungSlofer Slarheit unb grausamer ©cbärfe 
fprid^t alfo ber Sichter ben ©ebanfen auS: ©erabe Siebe, 
Sreue, ftrömmigfeit merben bie notmenbige Urfadje bon 
Seib uno @d)anbe, ©lutfehulb unb Sob. Unb ba hoch 
eine ©ott^eit bie SBelt regiert — baran ameifelt ber 
Sichter nicht — fo ift fie eS eben, muß fie eS fein, 
bie ben ebetn 9Jtann in Slot, ©cfjulb unb Sob ftürjt, 
mie eS ber ©achfe feinen ©öttern jutraute. Slber mer 
ift bann ©ott ? — 

Söie bon felbft erflingt t}kx bor unfern Ohren baS 
Sieb beS ^arfnerS aus SBiIt)etm SReifter: 

2Ber nie fein SBrot mit tränen aß, 

$öer nie bie fummerroUen Mächte 
3luf feinem Sette meinenb fab, 

2>er iennt euch nicht, ihr himmlifchen 9ttäd)te. 

3hr fü^rt in8 Seben ihn hinein, 

3hr Jagt ben Firmen fdjulbig merben, 

2)ann überlabt ihr ihn ber $ein: 

$)enn alle ©chulb rächt fich auf @rben. 

SaS eben ift ber ©ebanfe beS ^ilbebranbSliebeS. 
Ser aSerfaffer beSfelben ergebt fid^ mit folgen ©ebanfen 
meit über fein Saßrljunbert unb tritt ben Sichtern 
unferer (laffifchen $eit ^ur ©eite. Seinem aber mehr 
als Heinrich b. Sleift in beffen Srauerfpiel „Sie 
gamilie ©chroffenftein 44 . SS gibt in ber Sat roohl (eine 
Sichtung, bie bem |>ilbebranbSlieb nach ©ebanf engehalt 
unb ©timmung näher ftünbe als biejeS SBer! beS preußi* 
fchen Richters. 

Sluch bieS Srama enthält eine furchtbare SJermicflung 
ber ©reianiffe. Sluf ber einen ©eite ftef)t ber maßboHe, 
ruhige, freunbliche ©plbefter mit feinem ftarfen ©efühl 
für Sippe unb mit feiner optimiftifchen SBelt* unb 
©otteSborfteüung. Sluf ber anbern ber an fich eble, 
aber leibenfchaftltche, an menfcf)lichem ©efühl arme fRupert. 
Seffen Seele erfaßt ein unbegrünbeteS, menn auch nicht 
unberftänbliche? 2Jiißtrauen. SS macht alle Serfuche ber 

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34 


©egenpartei ÄufWärung unb Serfölptung 511 bringen un* 
möglich. 3 n firenger gofflCf mit jmingenber SRotmenbigfeit, 
fcfylägt alles eble Sun SplnefterS sunt Unheil aus. S)ie 
©reigniffe überftür$en unb nerfcfylingen fic§ unheilbar, 
bie ßanbtung roßt bem Slbgrunb ju, alle — ©ute unb 
SBfe — mit fidfj reifjenb: f dfjliefjlid) töten beibe Sätet 
ifjre einzigen Sinber. ®abei !ommt ©plnefterS opti=* 
miftifcbe ®enfart met)r unb metjr ins SBanfen. Statt 
mie anfangs non ©ott, fpridfjt bie Sichtung häufiger 
norn ©djitffal. Unb mie bem alten ^ilbebranb fd)lie|lid> 
ber tragifdje ©inn feines SebenS aufbämmert, fo fagt 
anä) ©plnefter in äl)nli<$er Stimmung: 

(£3 ijt ein trüber £ag 

Sftit SBinb unb Stegen, biel SBetoegung braunen — 

@3 ^iebt ein unrettbarer (Seift gewaltig 
Stact einer Stiftung alles fort, ben ©taub, 

2)ie SBolfen unb bie SBetfen. 

®aS SBatten ber ©ottljeit ift iljnt unnerftänblidj ge* 
morben. — 

Über taufenb Saljre meg reicht ber alte Siebter ben 
neueren bie £anb. ©r berührt audj nermanbte Saiten 
in unferer Sruft. £at nic^t ber furchtbare, greuelnoüe 
Stieg, aus beffen Söunben mir nod) bluten, in nieten 
gequälten Seelen bie $rage laut merben laffen: 2Bie 
fann ein gerechter, barmherziger ©ott bieS unfagbare 
Seib, biefe gülle beS ©lenbS auSfdf)ütten über ©ute unb 
Söfe, ©(jrentjafte unb ©djurfifche, SOtutige unb geige? 
(Bai) man nidfjt, bajj getabe bie Seften fielen unb bie 
ßagen im SBohlfein lebten? 8 B 0 bleibt ©otteS ©e* 
rechtigfeit unb ©üte, non ber bie Sirene prebigt? 2 Ber 
ift benn ©ott? 

©S ift i)kx nicht bie Slufgabe, biefe grage ju be* 
antmorten. @S genügt, nachgemiefen $u haben, bafc in 
ber älteften 5Deutfd)en Dichtung ein ©migfeitSgebanfe 
nerborgen liegt, bafc baS alte £ilbebranbStieb nic^t für 
uns tot ift, fonbern lebt unb mirft unb ergreift, mie 

bamalS, als eS entftanb. 

* 


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Waltharius manu fortis. 

®aS Problem be$ £ilbebranb$liebeS ift rein religiös: 
mir erfennen aus bem ©ebiebt bie Stellung be$ ®icbter$ 
gu einer ber brennenbften fragen ber meligion. SBir 
erfennen barauS aber auch, mie ber alte Sänger gu 
anbern fragen ftanb, bie baS Seben beS achten 
bunbertS [teilte. 

3 n |>ilbebranb [(bauen toir [ein SßerfönlicbfeitSibeal: 
baS be$ gelben, ©eroaltige Äraft, ungeftüme Samp[e3* 
fuft, 3Ret[ter[cbaft in ber SBaffenfübruna unb ÄriegS* 
funft, ftarfeS ©b^gefübl gebärt bagu. Slber e$ ift nicht 
[tarr unb ^art: berglicbe Siebe gu fpeimat, SSolf unb 
Sippe, äKäfcigung, feblict)te grömmigfeit [inb bamit oer* 
bunben. 3ugleicb i[t ber alte SRecfe SRufter be$ ©efolgS* 
mann«: er i[t [einem £errn unbebingt ergeben, b^f* 
ihm ftetS im Äampf, gebt mit ihm in bie Verbannung, 
lebt mit ihm im Slenb. 2Rannentreue i[t ebenfalls ein 
Sbeal be$ ©icbterS. Sie mirb in [päteren fttittn noch 
größere Sebeutung erlangen. 

Slucb au[ bie[en nicht religiö[en ©ebieten gibt eS im 
§ilbebranb3lieb Spannungen. ®ie @b re be3 tyimUtytn* 
ben SRecfen unb [eines t^unnifc^en £errn mirb oom 
Sohne mit beleibigenben SBorten angeta[tet. ®er ®e* 
[olgSmann mu& SBeib unb Sinb Derlaffen, um Sietricb 
bie Sreue gu holten. @S treten ®b rc nnb Pflicht gegen 
ben Slutsoertoanbten, äRannentreue unb Siebe in SBiber* 
[treit. Slber man beachte mobl: bie[e ©egenfäfce [inb 
für $ilbebranb mie für ben dichter oon oornberein er* 
lebigt: [ie [inb ihnen feine Probleme. ®S fte^t un* 
begtoeifelt feft, bafc bem Selben bie @b* c , bem ©efolgSmamt 
bie ®reue über bie Sßfficbt gegen bie Sippe geben mnfj.. 

3* 



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36 


« 


333ag bem ©ebicbt beg achten 3abrijunbertS nur alg 
^intergrunb unb £ebel ber ^janblung bient, mirb in 
einem ©pog beg je^nten $ur tmuptfadje unb Problem: 
im Waltharius manu fortis. 2)ag mertoolle SBert gebt 
jrnar in lateinifcbem ©emaitbe baber, aber eg ift burcb* 
aug 2)eutfdE) gebaut unb barf begbalb in ber Steife ber 
3)eutfcben ^eibengebidjte nicht fehlen. 35ag SReligiöfe 
mangelt nicht barin, aber eg tritt ganj $uriid. ®enn 
breit, mit tnelen färben ma It ber Siebter — eg ift 
©debarb L, 9Röncb Don St. ©allen —, bag 9Rufter* 
bilb beg beutfdjen gelben unb bie 9lrt feiner 
Staatggefinnung. 

Sag SEBalt^ergebid|t*) ift, etma um 930, unter ber 
^Regierung ^einri^g L gefcbrieben. ßroifdjen ihm unb bem 
^ilbebranbglieb liegt eine ftarfe fo$iale unb politifcbe ©nt* 
midtung: bie jum Öebngftaat. Sie fpielt in bie Sichtung 
hinein. Sa fte bag ©erftänbnig aud) ber ^elbengebicbte, 
bie nad) bem Waltharius ju be^anbeln finb, jeljr me) entließ 
mit bebingt, fei gleich hier in ßür$e auf fie eingegangen. 

2 lug ben Sebürfniffen beg friegerifeben Sebeng ber 
©ermanen mar bie Sitte ermaebfen, baft fidE) bie durften, 
öor allem natürlich bie Könige alg bie Rubrer im Kriege, 
mit einem ©efolge non Sriegern umgaben, ©ernährte 
gelben, bie eg nad) friegerifeber Sätigfeit oerlangte, junge 
mirftenföbne, bie ficb im SBaffenhanbmert augbilben unb 
pöfifebe Budbt fernen mottten, fammelten fid} an ben 
|>öfen. Sieje SRannen verpachteten ficb — auf eine 
beftimmte $eit, nicht lebengtänglicb — bureb @ib ju 
unbebingter persönlicher Eingabe an ihren ^errn, §u 
voller Unterorbnung unter fernen SEBiHen. Sie fcbüfcten 
ihn im grieben, im Äarnpf bilbeten fie feine Seibmadje: 
ohne ben £errn burften fie nicht lebenb aug bem firieg 
jurüdfebren. ©ing ber £err in bie ©erbannung, mußten 
fie ihm folgen. @g mar ein fefteg, jebodj rein perfön* 
iicbeg ©anb, bag ben §errn (abb. truhtin) mit feiner 
©efolgfcbaft (abb. truht) nerfnüpfte: bie Streue. 2)ag 


*) Ä. ©t red er, (SWebarbg Waltharius, beraugoegeben (mit 
©loffar) Berlin, gBeibmann 1907. Über|eht oon §. 3lltbof, 
2)ag SBoltbarilieb. Setpjig, ©ö(d)en 1911. 



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U NH VE R SITY-© F-GALlBaRNl A 



37 


Verhältnis mar fehr ibcal gebadet, mochte eS auch in 
SBirHictjfeit mit irbifdf)em (Stoff genug betaftet fein. 

Sie ©efotgfdjaft xoax bie erweiterte gfaniilie, eine 
©auSgemeinfdE)aft. Sie 9Jtannen lebten mit ihrem dürften 
jufammen, fie wohnten am ©ofe, aßen an beS Herren 
Sifcf) unb empfingen Don i|m ihre friegerifche 2luS- 
rüftung: Sßferb, $anjer, ©dE)ilb, ©dhrnert, Sanje. ©r 
forgte für fie wie ein Vater, fie bereicherten fidf) in 
feinem Sienfte: greigebigfeit mar beS©errn vomehmfte 
Sugenb. Sie ©eiben hießen barum theganä „Kinber". 
©ie blieben, fo lange fie bem ©efolge angehörten, un- 
verheiratet (al)b. hagustaltä „©ageftolje"). 28er in biefe 
gamilie eintrat, löfte fich in gemiffer Ve^ieljung von 
feiner eigenen: bie Pflichten gegen ben ©errn ftanben 
barum über benen gegen Sippe unb ©eimat. 

SaS Verhältnis ber ©efolgSmannen pm dürften 
mar junächft rein privatrechtlich. Slber bie ©efolgfcfjaft 
enthielt berühmte ©eiben unb hohen Slbel: als tägliche 
Umgebung beS ©errfcherS mußte fie ftarten politifchen 
Sinfluß auSüben, mußte fie tatfädhlich ftaatSrechtlicße Ve- 
beutung gewinnen. 2luch mar barnatS Staats- unb privat** 
recht gewiß nicht genau gefchieben. 

Ser Vorfi^enbe ber truht, altfr!. trustis, mar ber 
Sruchfeß, ber Inhaber eines ber vier alten ©ofämter 
germantfdjer dürften. Sr mar Verater beS ©errn, @r- 
jießer ber Sßrinjen, im Kriege Rührer ber ©efolgfchaft 
unb beS ©eereS. SieS finb bie VorauSfefcungen, aus 
benen fich im ©ilbebranbsliebe baS Verhältnis Sietrich$ 
ju feinem „merteften Segen" erflärt. 

333er einen eigenen ©auSftanb begrünbete, trat ur- 
fprünglich wohl aus bem ©efolge aus: fo junge dürften, 
wenn fie ihr eigenes Steich übernahmen. Stuch ©eiben, 
wenn fie ben Slnftrengungen beS Krieges nicht mehr ge- 
machfen Waren. SodE) bürfte fich ©efolge fchon früh 
über bie ©auSgemeinfchaft hinaus erweitert haben, inbem 
©efolgSmannen vom ©errn Sanb betamen. 

3m meromingifchen 9teiche mürbe nun baS alte ©e- 
folgSfchaftSmefen umgeftaltet. ©ine neue, für baS äRittet- 
alter höd^ft bebeutfame SntmidElung beginnt. 


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38 


Sie ^ranfen Ratten in ©allien grofte ©ebiete er* 
obcrt. Sic lernten bort eine eigenartige, in mirtfebaft* 
liefjen unb Politiken ©erbältniffen begrünbete @inri(f)tung 
tennen. Sa3 gatlifebe ©olf jerfiel in jmei Klaffen freier 
ßeute: ©rofcgrunbbefifcer unb Sd)u§befot)tene (clientes). 
Siefe lederen Ratten fidj freiroiHig unb pritmtrecbtlicb 
ben erfteren unter i£)re SSogtei ergeben unb genoffen 
ihren Scbufc. Sie bie&en baf)er amici, feit bem achten 
3 abrbunbert vassi unb vassalli (feltifd) = Siener, 3n* 
{affe einer Sßobnftätte). Sie leifteten ihren Herren t>er* 
febiebene Sienfte: al§ ©auern, al$ ^anbmerfer, aber 
auch al§ IriegerifcbeS ©efolge. Sa£ ©erbältni£ mar auf 
Seben^eit. Sie granlen übernahmen biefe ©inriebtung 
^uerft in SReuftrien, bann in Sluftrafien. Schon nach 
650 fal) man bie frältfifcben ®rohgrunbbefi|er al§ 
Seniores an ber Spifce oon freien ©affen (gasindi) neben 
porigen unb unfreien Unechten auS^ieben. 

Solche ©affen — convivae regis beiden fie ba — 
batte natürlich bor allem ber fränlifcbe König: ^um 
fReiterbienft üermenbet ftanben fie tatfäcblid) ben SRannen 
be§ ®efolge§, ben Slntruftionen, faft gleich, ©ilbeten 
fie urfprünglicb ein KönigSgcfolge ^weiter Klaffe, fo t>er* 
fcbmol^en fie allmählich mit ber ©efolgfdjaft: e£ febtoanb 
fcbliefelicb ber Unterfcbieb jmif^ett Stntruftionen unb 
©affen ber Krone, e§ oerfebmanb ber Sitel antrustio, 
vassus blieb übrig. So entftebt au§ ber Serfcbmeljung 
ber altgermanifcb*frönlifcben ©efolgfdjaft unb ber gallifcb^ 
romanifeben reifigen ©afjenfcbaft bie „©afallität“. ©eift 
unb Drbnung biefer KronoajaUen roirfte hinüber auf 
bie ©affen ber Senioren. Sie ©runblage für einen 
neuen Stanb mirb je£t gelegt. 

3 n ben „perfönlicben" ©eftanbteilen, bie bie „©afal* 
lität" auSmacbten, ju ©efolgfcbaft&oefen unb ©affentum, 
!am ein „binglicbeä" unb gab ber neuen ©ilbung eine 
mirtfcbaftlicbe ©runblage. 91ucb bie§ febon ^ur 3 e ^ & er 
SÖierominger. 

Um ficb bie £)ilfe ber 9Käd)tigen bei ben jablreicben 
©arteifämpfen ju fiebern, oerfebenften febon bie frön* 
fifeben Könige oiet non bem König^lanb an bie ©rofcen 




39 


» 


afö perfönlicheS Eigen: gur Urbarmachung unb Gemirt* 
Haftung. Sie ©djenfungen maren miberruflieh, menn 
fich ber Gefdjenfte nicht betpät^rte ober gar bie Sreue 
brach. Sie Slrnulfingifdhen £au8meter festen biefe 
©chenfungen fort, um iijre SKacht gu befeftigen. 9ta<h 
bem Sobe be3 Gefchenften füllten bie fiänbereien an ben 
®eber gurüdfaüen. ©o entfielen in gfranfen aus altem 
Eigenbefifc (SlUob) unb neuen ßanbfchenfungen große 
®runbherrfdE)aften, bie ben bäuerlichen ©ieblungen felb* 
ftänbig gegenübertreten. Sie Sachführung ber Statural* 
mirtfehaft oerlegte halb ben ©chmerpunft beS mirtfehaft* 
liehen, fogialen unb Politiken ßebenS in biefe ©runbherr* 
{(haften, bie fchließlicß gang Eigentum unb erblich mürben. 
3 m fiebenten 3uf) r h un ^ er l war biefe ©ntmicllung ooüenbet. 

Sluch bie Kirche oergab Oon je ®runbftücfe. Slber, 
nach fanonifchem Stecht, nicht gu Eigen, fonbern gegen 
einen jährlichen nur gur 9tu|nießung. Sie formen, 
unter benen bie Geleiljung oor fich ging, hießen precaria, 1 ) 
ßanbleihe auf Gitten be8 Geliehenen ober benefleium, 
ßanbleihe aus ®nabe. Siefe gmeite, oorneljmere Slrt 
befarn im 7.-8. Sahrljunbert eine neue, meitgreifenbe 
Gebeutung. 

8 tt gum fiebenten Sahrljunbert lag ber ©chmerpunft be£ 
fränfifchen |)eere$ im gußoolf. Saneben gab e$ mohl 
feit alterS eine gepangerte fernere Steiterei. Sie Kämpfe 
mit ben Slrabern, mie man annimmt, gtoangen bagu, 
ben ©chmerpunft in biefe fernere Steiterei gu oerlegen, 
©ie mußte ftarf oermehrt merben, menn man fich gegen • 
bie fortgefefcten Einfälle be§ feinblichen SteiteroolfeS 
' behaupten mottte. Slber ber Sienft gu Gferbe mar 
teuer, ©o fannen bie £au8meier, oor allem ®arl 
2 WarteH> auf ein geeignetes SKittel, ihre Steiterei gu 
permehren, ©ie fanben eS auch- 

Äarl SJtartetl mar eS, ber bei ber Kirche eine „Slrt 
RmangSanleihe machte.. Er nötigte Gifdjöfe unb 9[bte 
Äirchengut an bie ®roßen — ÄönigS*8afallen unb 
fonftige mächtige Herren beS Steiges — gu oergeben4 


») Siehe Du Cange. 



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40 



$ie gorm tüar e ^ en b* e ©eneficiumg, ber Sanb* 
leit)c aug freiem, eigenen ©ntfcblufj beg ©erleiberg. 
Slud) ber Äönig übte biefe Slrt oon Vergebung jd)on 
lange aug Staatlichem ©efi|. ©ie fcblofe urfpritnglicb 
Pflichten, ®ienfte ober 3* n f c f ber oerfdjiebenften Slrt 
ein, im Sauf ber 3 e it über blieb ber Üiame ©eneficium oor 
allem für bie Sanboerleibungen in ©ebraucb, mit benwt 
bie ©fließt jum Srieggbienft oerbunben mar (beneficium 
militare). 3nbem nun fotefje ©enefi^ien feit ber 3 e ^ 
beg 7.—8. 3öl)rf)unbert§ ftetg an fotdje ÜRänner gegeben 
mürben, bie bem ßeif)geber bureb persönliches Sreu* 
oerbältnig, ©efolg* ober ©affenfebaft, oerbunben maren, 
inbem bie Sanboergebungen oer Könige bann burebmeg in 
ber ftorm beg ©enefteiumg oolljogen mürben, entftanb 
Schließlich aug ber hoppelten 2Bur$el beg EEreuoerbältniffeg 
nnb ber Senefi jienoerteibung bag ©eneftjial* ober ßebuämefen 
bie £auptform aller Staatlichen Sinbungen beg SRittelalterg. 

®ag „Sehen" (beneficium), bag ber Äönig gab, legte 
bem ©eliebenen oor allem bie ©erpfliebtung auf, bem Steife 
felbft ^eereSbienft ju leiften unb eine beftimmte 3^1 ^on 
Leitern ^u Stellen. ®g gab ibm bie ÜRittel baju an bie 
$anb, bie ÜRittel ÜRannen augjurüften, ju oermebren 
unb bem Könige jur ©erfügung ju fteßen. $enn bie 
großen Herren oer lieben, mag fte empfingen, in gorm 
nein er er ©fiter meiter an ihre Safallen. 

Sluf biefe SEBeife traten bie ©roßen beg fReicheS meift 
mit einem Xeile ihrer ©efifcungen jurn Könige unb $ur 
Äircbe in Sebngabbängigfeit. 2)urcb bie Sßeiteroerleibung 
entftanb ein reich geglieberteg ©pftem oon Safallen. 
ÜRan unterjebieb Äron* unb ©rioatoafaflen: biefe finb 
beg Äönigg Sifteroafaßen. 2 )ie 3 °bl ber festeren über* 
mog meitaug, bie erftere mar nur flein. 

2)ag Sebngmefen mirb nun immer mehr auggearbeitet. 
@g burebbringt mehr unb mehr bag ©taatggebäube, mirb 
ein immer mid)tigeter ©eftanbteil beg ©taateg. 

ÜRarfgrafen unb ©rafen maren eigentlich ©eamte 
beg Äönigg. Sllg Entgelt für ibre Sätigfeit bitten fie 
Slmtggüter jur ülubniefeung. SRa^) ©ntftebung beg 
Sebngmefeng gaben ihnen bie Sfönige biefe ©fiter ju 


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41 


Sehen, um bamit ber ©efahr Dorflubeugen, baß bic ©üter 
©igenbefifj unb erblich mürben. Statnit änberte fid^ bie 
Stellung biefer |>erren jum $errf<her, fie mären ihm nun 
burch bie ^anbreichung unb ben Sreueib perfönlich $u £eer- 
unb |)offaf)rt oerbunben. An ©teile beS SeamtenDer- 
hältniffeS trat ein anbereS, in bem baS Sßerfönliche ftart 
übermog. 

Sbenfo beeinflußte baS SehnSmefen bie ßufantmen- 
fefcung beS Heerbanns. SaS^eer orbnete fich mehr unb 
mehr nach ben oafaßitifchen Aufgeboten ber ©runbherren, 
nicht mehr bloß nach ben Aufgeboten ber ©raffeßaften. 

Sie 3>bee beS SehnSmefenS übertrug fich auf bie 
©eiftlicßfeit. Sijcßöfe unb Sibte ftanben urfprünglich auch 
mit ihrem Amts- unb Kirchenbefiß, feit 1122 menigftenS, 
mit ihren meltlidjen Siechten unb mehligen Kirchen? 
aut jum König mie SSafaUen jum $errn. SaS Szepter 
ift feit 1122 Reichen ber ^Belehnung. 

©djtießlid) griff ba$ SehnSmefen auf bie 
SRinifterialen über. AIS mau fie jum öffentlichen Sienft 
heranjieheu mußte, mürben auch ih rc urfprünglich 
priDaten Sienftlehen als echte Sehen anerfannt. SaS 
gefchah int jmötften Sahrljunbert. 

©o burchjoej bie SehuSibee immer mehr Schichten 
unb ©tänbe, fte trug mefentlicß baju bei, ben alten 
fränfifchen 93eamtenftaat in ben mittelalterlichen fjfeubal- 
ftaat umjumanbeln. 

SaS ältere Saffentum unb bie fpätere 93afaflität 
haben fich unter bem Sinfluß beS ©fcfolgfchaftSmefenS 
entmicfelt unb Diel Don ihm in fich aufgenommen. Sarurn 
finb auch ©eift unb Sbeale ber alten’©efolgfchaft in baS 
SehnSmefen hinübergemanbert unb höben es burchbrungen. 
Auch ber SehenSmann leiftetete „£anbreichung": er legte 
feine £änbe in bie gefalteten beS$errn; auch erfchmur, 
mie einft ber ©efoIgSmann, ben Sreueib unb Derbanb fich 
ganj perfönli^ mit bem $errn, ber ihn feiner „£>ulb" 
Derftdherte. Üreue unb ©ulbe mürben auch bit 
©runbpfeiler beS neuen ASefenS unb bamit eines 
mefentlichen Seiles beS ©taateS, jebenfaHS beS 
Seils, ber ben Sichtern unferer ^elbenepen aHein am 


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42 


^er^en lag. 8lu3 perfönticpen uitb fittlidjen fßflicpten 
leitete man nun in ben Greifen ber SSafallen bie ftaatlicpen 
t)er: bie gornt biefer ©taatSgefinnung mürbe 
ftar! perförtlich unb etpifcp. ©ie mirft nocp peute nacp. 

Sn benSInfang biefer ©ntmidlung gepörtber SBaltpariuS. 
(Sr fpiegelt uocp SBerpältniffe ber alten gamilien* nnb 
^auggemeinfcpaft unb bepanbelt Probleme, Die fie aufmarf. 

Sa3 SepnSfpftem mar fd)ön unb ergaben gebaut. 

mar barum gerabe für bie Sicpter eine banfbare Sluf* 
gäbe, bie ©ebanfen, bie e£ trugen unb burcpbrangen, 
burcpjuarbeiten unb inä allgemeine Semujjtfein ^u ergeben, 
um fo grünblicper unb nacpbrüdlicper, je meniger bie 
SBirflicpfeit ber gorberung entfpracp, je mepr bie fcpmeren 
©efapren biefer Strt non ©taatöoerfaffung peröortraten 
unb Slnaeicpen ber 3 er f e fe UIl 0 ficptbar mürben. Sn 
biefe 3eit be£ ©infen£ gehört ber „Äönig Stotper" unb 
ber „£>er$og ©aift“. 

Ser ©runb ber Sluflöfung ift Har. Sie fiepen maren 
urfprünglid^ nicpt erblich: rnenn ber £>err ober ber SSafall 
ftarb, fielen fie jurüd. Slber fd)on früp brang bie 33or* 
fteüung burcp, bap Senefi^ien ©igentum unb erblirf) jein 
müßten unb feien; e§ lag baä in ber 9latur ber ©acpe. 
Somit lüften fiep bie Seamten unb bie ©runbperren 
Dom Äönig lo§ unb mürben felbftänbige fDläcpte, ber 
©cproerpunft be3 SleicpS fällt nun in bie ©cpicpt ber 
großen SSafaHen. 9IHe3 Sieben t>on Sreue unb £mlb barf 
nid)t barüber pinmegtäufcpen, bap ba£ 93afaHenmefen bie 
SRacpt be£ ©taate£ untergräbt: bie Sleicpstage merbeit 
halb SBerfammlungen ber @rof$en, bie bem Könige i£>ren 
SBillen auf$mingen unb ipn auSbeuten. 

Sie Umbilbung ber fiepen ^u erblichen macpt feit bem 
^epnten Saptpnnbert ftarfe ^ortfcpritte. Unter ®onrab II. 
mirb bie ©rblicpfeit ber nicpt^fürftlicpen anerfannt. ©eit 
|>einricp IV. oerlangen aucp bie dürften bie ^ftf e fenng 
ber ©rblicpfeit: e§ gefcpiept erft unter ben ©taufern.- 
Somit ift bie Ummanblung ber S3enefi^ien in ^ßrioat^ 
eigentum fo gut mie ootI$ogen. 

Sa£ ^mölfte Söprpunbert fcpliefet bie ganje ©ntmidlung 
ab. Sie 9lu§bepnung ber Smmunitäten !am ba^u. Somit 






43 


mar bie StuSbilbung beS SerritorialfpftemS faft fertig, nur 
bic 5lnerlennung ber ^orm fehlte noch. Surcb bie SBirren 
nach bem lobe Heinrichs VI. !am fie halb in ben 
belannten jrnet ©efeften bon 1220 unb 1231. Somit 
mar ba§ ®nbe bes bafallitifcb jufammengebaltenen 
Seutfcben ffaiferreicbS beS ÜJiittelalterS befiegelt: eS verfiel 
in lauter einjelne, nur lofe ^ufammenbängenbe SanbeS* 
fürftentümer. ®S begiunen bie Reiten ber $auSmacbtS* 
politif unb bie Sßeriobe ber Ohnmacht SeutfcbianbS. 
■Kibelungenlieb unb Äubrun entfpringen ber trüben Reit, 
in ber ber ftolje Sau beS atteu Gleiches jufammenfinft. 

Slber id) mit! nicht borgreifen. Runäcbft foH uns ber 
Waltharius befebäftigen. @S ift baS erfte @poS ber 
Seutfdjen Siteratur. ©einem Serfaffer lag oermutlid) 
ein Sieb bon „geringem Umfang als Quelle bor: gefault 
an Sergils $neiS h a * er ben ©toff auSgemeitet unb 
bamit ben mistigen Schritt bom Sinjellieb gurn gelben- 
epoS getan. 1 ) 

Ser ^unnentönig Stttila, fo erzählt ®<febarb, bureb* 
jie^t bon S an bonien aus bie Steife beS SBeftenS. @r 
macht fie fid) untertan, fie müffen ©eifein fteßen unb 
RinS jablen. §agen bon fronten, SBattber bon Aquitanien, 
Siltgunt bon Surgunb lommen fo an ben §of ins 
$unnenfanb. Sort machen fie in ber ^auSgemeinfcbaft 
beS SönigS auf. Sorgfältig unb ftanbeSgernäfe erjogen 
treten fie bem Äönig unb ber Königin nabe. Sie beiben 

t elbenjünglinge metben in ben SreiS ber Sertrauten beS 
errfcberS auf genommen, boeb lefen mir nichts bon ®ib 
unb SreuegelöbniS, ben ©runblagen beS ©efolgSmefenS. 
Salb ftnb fie ©tüfeen feines SReicbeS. £agen flieht in 
bie £eimat jurüd: Sßaltber folgt mit fjiltgunt, bie ihm 
febon bon fiinb an berlobt ift. SaS f$aar überfdjreitet 
auf ber SRüdfebr ben 9tb ein - ©untber, Äönig ber fjranfen 
unb ßagenS SebnSberr, tritt SBaltber mit ben Seften feines 
©efofgeS entgegen unb berlangt ihm bie Schäfte ab, bie 
biefer bei ficb führt. Ser ^elb bermeigert fie. Kämpfe 

x ) 51 Neuster, Sieb unb (SpoS in gerntan. 0agenbid)tung. 
^5)ortmunb, ShtbfuS 1905. 


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44 


% 

entfpinnen ftcf), in bcncn fämtliche gelben beS graulen* 
tönigS fallen. 9hir £agen, t>on ©untrer beleibigt unb 
anbererfeitS SBalttjer burct) SBaffenbrüberfchaft nerbunben, 
hot fleh nom Kampfe ferngehalten. Aber fc^Iicfelic^ gtoingt 
auch ihn bie 2RannenpfIicht jum Sarnpf. ®iefer bleibt 
unentfepieben. §agen, ©untrer unb SEBaltper tragen 
fcpioere SEBunben baoon. Ser £elb non Aquitanien äieljt, 
nachbem er fidE) ruhmooH behauptet hat, roeiterhin un* 
geftört, mit feiner Sraut f)eim. ®aS ift bie einfache 

t anblung ber Sichtung, bie ©efeparb burd) niete 
cpilberungen, inSbefonbere non Kämpfen nerfc^iebenfter 
Art belebt hat. Ser fünftterifd^e ©ebanfe, bem fie 
bient, ift bie ®arftellung ibeaten beutfdjen 

t elbentumS in ben Serfönlicpfeiten SßaltherS unb 
agenS. ®en bunfeln ©Ratten ju bem ftraplenben Sid)t, 
baS auf jene beiben fällt, geben ©untrer unb feine 
fränfifchen äRannen. 

SBaltper ift ber föniglidje §elb. ®r toächft am 
$ofe AttilaS auf. ®iefer lä&t ihn in ben Sßiffenfchaften 
— ber 2Rönd) benft natürlich an bie fieben freien fünfte —, 
baju in allem, maS ßarnpf unb Ärieg nertanat, unterrichten. 
SBir jehen: baS Sbeal beS ®icpterS — ob feiner ßeit? — 
ift ber gebilbete f>elb, nicht ber blofee £aubegen. SBatther 
übertrifft fcpliefelich alle 9Ränner am £>ofe be$ ÄöntgS, 
an Äraft bie Ärieger, an ©eift bie SEBeifen. Salb tmrb 
er güprer beS hannifchen Heerbanns. Sieger in allen 
©flachten, hält er bie 9Racht beS SReicheS in feiner £anb. 
fjochangefehen toirb er non niemanb mehr als greutber 
betrachtet. 

®ie greunblicpfeit beS ÄönigS, bie hunnifche @rjiepung, 
ber ©lanj beS |>ofeS, bie Säten, ju beiten er in AttitaS 
®ienft ©elegenheit finbet, nerfehlen ihren ©inbrud auf 
ben Säugling nicht. Aber trofcbem bleibt in feiner Seele 
ber 3 U 9 S ur ^eimat unb Sippe mächtig. @r fühlt mie 
ber alte ipilbebranb. Sreue unb Siebe gu ben ©einen 
flehen ihm über Ergebenheit unb gfreunbjchaft ju bem 
nicht freimiHig gemählten, menn auch hocfjnerehrten ^errn. 
©r betnahrt in feinem £erjen echt Seutjche ©efinnung, er 
geht nicht im fremben Sollstum auf, er bjunnifiert fich 




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I 


45 


nicht. Slud) ()ält er treu bie ihm oom SSater burd) bie 
Verlobung mit £)iltgunt auferlegte Serpflichtung. ©ie 
ift rein äujüerer, rechtlicher SRatur, benn SBalther lernt 
bie 33raut erft im |iunnenlanb fennen. Slber er i)ält 
fich gebuttben: Sorgfältig meibet er eg, ftdj am £>ofe 
fefjeln ju laffen. Snbeg beutet er meber ben Hunnen 
noch felbft ^iltgunt gegenüber auf bag beftehenbe i$er* 
löbnig hi«, jobaft bag Räbchen meint, er moße fich ih re * 
nicht mehr erinnern. Sod) SBalther hat befonberc 91b* 
fid)ten: er mißt bie £unnen nicht mtfjtrauifch machen, 
benn noch immer ift er ©eifei; ©ebanfeit an glucfjt 
regen fid) oielleidjt fdjon leife tn feiner ©eele. 

3n feinem ^er^en ift nun bie Siebe für «'piltgunt 
ermadjt. 3 ur Pflicht fommt bie Neigung. 

2lm £>ofe ahnt niemanb, mie eg in SBaltljerg ©eele 
augfieht. ©r felbft h fl t auch noch feine flaren ^ßläne. 
Sa bringt bie flucht beg SBaffenbruberg ^pagen fein 
Snnereg in ftarfe 23emegung. Sie ©ehnfucht nach ber 
|>eimat fchmißt an. ßWifctrauifd) gemorbeit, möchte ihn 
bie Äönigin burch eine oorneljme ^drat an ben §of 
binben. Slber SBalther meifc mit oerfteßter Sefcheibenheit 
augjumeichen: „geh miß nichtg anbereg fein, alg ein 
treuer Wiener meineg §errn. ©ine ^jeirat mürbe mich 
burch Sorge unb Siebe bem Sienft entziehen unb oom 
©ebanfen an bag SBohl beg Steicfjeg ablenfen. SKichtg 
fd)önereg gibt eg für mich, alg immer um ben Sönig 
^u fein unb ihm gu bienen." ®g fittb bie ©rünbe eineg 
©efolggntanng, bie er gegen bie J^eirat ing gelb führt. 
Ser $önig läfct fich täufdjen. Unbebenflid) greift SBalther 
Attila gegenüber $ur Sift unb SScrfteßung: eg ift ja 
nicht fein frei gemähter |)err, bem er eiblich jur Sreue 
uerppichtet märe. Sann flieht er mit ^iltgunt. 

Sie @efaf)ren ber glucht unb bie Kämpfe mit ben 
granfen enthüfleit nun 3 U 9 um 3 U 9 äWufterbilb 
beg Seutfchen gelben, bag bem Sichter oorfchmebt. @g 
ift ^unächft ermachfen aug bem friegerifdien Seben jener 

3 e P- 

SBalther ift oon ungeheurer Äörperftärfe: ftramme, 
fertige ©lieber oerraten feine gemaltige Äraft. Sro^ 









46 


bet Saft bet Stiftung fdjreitet er bei ber gluckt fcbnell ba^ 
bin. Sie gasreichen itäm^fe mit ben granfen befielt 
er, ohne gu ermübeit. 2Rit ber ©tärfe paart fiep ÜRut: 
SBaltber ift ein ftarfbergiger $elb. SRie t>erjn>eifeft 
er in ber ©efabr, nie fließt et feige, auch menn ihn 
mehrere angreifen. Slber al$ ed)t germanifeber 9tedEe 
nerfebmäbt er feineSmegS bie Sift: liftig täufebt er bie 
§unnen bureb ein Srinfgelage, liftig meifc er ber geplanten 
$eirat am ^>ofe gu entgehen. 

$eroorragenbe Senntntö ber SBaffenfübrung macht 
ihn gu einem furchtbaren ©egner. Sie geinbe fürchten 
ihn mie ben Sob: mo er erfd)eint, flieht alles. 3n ber 
oorteilbaften Stellung ber fjelfenböble geborgen, oerachtet 
er einen ganzen Saufen SRänner: bort tönnten ihn alle 
Steiter unb gufjfolbaten ber granfen gufanunen nicht 
erlegen. 

©eine Sapferfeit ift meit befannt unb berühmt 
©toifdfje ©elbftbeberrfchung oerlangt ber Siebter oon feinem 
gelben. 311S SBaltber eine £anb abgewogen mirb, 
oerjiebt er feine äRiene. Unerfcbüttert febiebt er ben 
Stumpf in ben ©cbilbbalter unb fömpft meiter. $inter* 
her ergebt er fich in grimmigen ©d^erjen über feine 
Serftümmelung. 

©eine ©tärfe unb SReifterjehaft in ber SEBaffenfübrung 
geben bem gelben oötligeS ©elbftoertrauen. Srobenbe 
Sieben febreaen ihn nicht. Sen SRannen (SuntberS 
gegenüber fpriebt er baS ftolge SEBort: „$ein graute foH- 
oon hier gurüeffebren unb feiner grau erzählen fön neu, 
er b^e mir ungeftraft etmaS oon meinen Schäden 
abgenommen." 

.@S märe ein hartes, ftarreS ^elbenbitb, maS ber 
Siebter geiebnete, menn er ihm nur bieje $üge geliehen 
hätte, äber mit oollem S3ebacbt fügt er mäfjigenbe, 
milbembe, mehr menjd^liche bingu. 

SBaltber bat |)ocba^tung oor bem Äönig, aud^ menn 
ihm biefer feinblicb gegenübertritt; Äugen fennt biefen 
,8ug an feinem greunbe. $art ift fein SSerbältniS gu 
Ijiltgunt: er tröftet bie betrübte 39raut unb beruhigt 
bie 3i^ ern be. @r. beobachtet ^urüdfbultung: ber Sichter 


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U NlV E R SI TYTI^'C AL IFO R NIA 



47 


hält e$ für nötig $u erwähnen, bafe ficb SBaltber auf 
ber ganjen 9ftcifc ihrer Siebe enthält. 

Vor allem bejeelt ben SRecfen nicht Sampfluft um 
jeben $teiS. @r fämpft nur, tvenn er einen geregten 
unb vernünftigen ©runb §at, unb toenn es ihm fein 
©etoiffen erlaubt. 3)arum meibet er jtoecflofen Streit, fo 
lange er eS mit ©jren fann. Sogar bie unhöfliche grage 
SamaloS läfct er ficb gefallen. £mnbert, Später jtoeibunbert 
Srmringe bietet er bem Soten ©untrer«, bamit ifjm ber 
unnü|e Sampf erjpart bleibe, unb auch bann fämpft er 
ungern gegen bie granfen: er toeif;, bafc er fiel) baburtb 
nur geinbe macht. Sßatafrib ttmrnt er auSbrücflicb jroei** 
mal, mit ihm anjubinben. /. 

Seim StuSnüpen beS Siegel gebt er nid)t über baS 
erlaubte SJiaft ^inauS. ®r nimmt ben ©etöteten ^toar 
SBaffen unb Scbmucf, aber bie Sleiber läfjt er ihnen. 

SBaltber bleibt immer ruhig. Sluf ©untberS Schmäh* 
reben antwortet er nic^t: nur einmal toirb er ärgerlich, 
als ihn bie granfen mit bem Stridf jur @rbe jieben 
tvoHen. @in $auptfenn$eicben ift bie Sorfid)t unb ver* 
nünftige Überlegung. SBaltber b^t nichts von tollfübnem 
SBagemut an ftcb, ber mit ber ©efabr fpielt. Sluf ber 
glückt marfebiert er gepanjert: er benft immer an bie 
zÖJöglicbfeit eines Überfalls. 6r fpäbt unb b orc ht 
beftänbig nach allen Seiten. Sorficbtig mäblt er bie 
gelsfpalte in ben Sogefen jurn SRubeplafc aus. Slber 
feine Sorficbt ift nicht temperamentlos: ben ©riff beS 
jerfprungenen ScbtoerteS unmutig megmerfenb gibt er ficb 
btofe — unb £agen b^ut ihm bie £anb ab. 

SBaltber ift auch fein romantischer £elb, ben nie 
gurebt antoanbelte. Ser Siebter jagt auSbrücflicb, auf 
ber flucht höbe ber a SRecfe immer fjurebt vor Verfolgung 
gehabt, fogar in fieberen ©egenben. Sorgenvoll über** 
legt er, roaS er tun foH. Sei bem plö^lidben Singriff 
beS Stanbolf erfdbrieft er, fa|t ficb aber fdpteH. iro^ 
folcber menschlichen Slntvanbiungen bleibt er immer ftanb* 
baft im Unglücf unb vermeibet au^ ben Schein ber 
geigbeit: er verharrt nadb beftanbenen Sümpfen bie 
0tocf)t in ber §öble, bamit ©untber nicht fagen fön ne, 


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48 


# 


er fei geflogen, ©ein ©jrgefütjt treibt ihn bagu, benn 
er hält, toie ein echter |>elb, einen frönen Job für beffer 
als Rettung burch feige flucht. 

SBaren bie$ menfchliche 3üge, burch beren ©eimifchung 
©cfeljarb oermeibet, ben ©hörafter feinet ©eiben aflgu 
hart unb ftotfd) gu fchilbem, fo fommen anbere 
hingu, bie ben ftönigSfohn als ©hriften Scheinen laffcn. 

@S miß nicht oiei bebeuten, toenn ber SRecfe über 
bent SBein fein Äreug fcfjlägt. Slber er oerehrt ©ott als 
ben Schöpfer aßer jinge unb fRegierer afleS beffen, 
maS geraffen ift, ohne beffen ©rlaubniS unb Sefehl 
nichts befielt. 6r oereljrt ben ©ott, ber ihn aus oielen 
©efabren errettet ^at: ihm oertraut er, ^offenb, bafc er ihn 
auch je|t toieber erretten toerbe. Unb ©ott hilft mirtlid): 
SBalttjer banft ihm bafür. @S ift biefelbe einfache ©otteS- 
oorfteflung, ber auch §ilbebranb urfprünglich angehangen 
hatte. 

Slber ber Sinn beS gelben höt nichts ausgeglichenes, 
barin ein Spiegel ber 3«t oor ber ßteformbemegung, ber 
3eit in ber [ich ©ermanif<heS unb ©hriftlicheS noch nicht rejht 
oerfchmolg. Slltgermanifcher ^elbenfinn unb bemütige 
grömmigfeit, baS ©rbteil ber orientalifchen Heimat beS 
©hriftentumS, moflen fich in feiner Seele noch nicht ver¬ 
einigen. SBalther empfinbet barin ähnlich mie ^)ilbebranb. 
Sarum baS ftolge SBort oor ber £öhle, maS oben fdjon . 
mitgeteilt ift. Slber gleich nach biefer felbftbemufeten 
9tebe gegen bie gfranlen, an ber mir oon bergen Sßohl* 
gefaßen höben, faßt er gur ßrbe nieber unb bittet ©ott 
megen ber hochfahrenben SBorte um ©ergeiljung — bem 
ÜJiönch ift bie SRegung ber ^elbenfeele oerbächtig. Unb 
bann: hört unb entfchloffen tötet er feine ©egner unb 
fcfjlägt ihnen bie Äöpfe ab. SBir meinen mit 9ted)t, benn 
fie haben ihn leichtfertig gereift unb ohne Slot fein Seben 
bebroht. Slber hinterher menbet er fich mit bitterem 
Seufjen gu ben Joten unb fe|t jebem baS §aupt toieber 
an, toenbet fich nach Dften unb betet: „3<h ban!e bir 
©ott, bafe bu mich aus ber ©anb meiner geinbe gerettet 
haft. Sch bitte bidj gertnirf^ten ^ergenS, laf$ mich bieje 
Joten im ^immet toieberfehen 41 — es fcheint fytx, als 


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49 


ob er jefct feine Jäten als Sünbe empfinbc. ©elbengeift 
unb ßfyriftentum gehen noch nicht gufammen. ßS luirb 
noch lange bauern, bi« beibe ©eftanbteile in ben 
Seutfdjen Seelen t>er jd£)melgen: erft Slübeger non Seeklaren 
unb Shibrun finb ausgeglichene (S^araftere. 

®S ift ein flareS ©ilb beS gelben, was uns aus bem 
. {leinen @poS entgegentritt: beut beS Sieden ©ilbebranb 
ift eS in bielen ßingetheiten berwanbt. 

SBaltherS gewaltige ©eftalt wirb burd) ©egenüber* 
ftellung ber ©iltgunt noch öe^oben. Styre befcheibene, 
fülle, faft bemütige 3 u ^üdhaltung unb ®rgebenf)ett, ihre 
heimliche Neigung für ben glangenben gelben, ihre Sorge 
unb Slngftiichfeit ftehen im ©egenfap gu ben männlichen 
Sugenben ihre« ©erlobten. Ser dichter gibt in ihr 
fidhtlich fein 3beal ber grau: für Sßrünhilbennaturen 
hat er nichts übrig. 

©untrer ift baS unerfreuliche ©egenftüd beS aqui* 
tanifch&t ÄönigSfohnS: an ihm wirb gezeigt, wie ein 
©etb nicht fein foH. Unter biefem ©efichtSpunft mufj 
feine ©eftalt gunächft berftanben werben. 

Sluch ©unther ift ÄönigSfohn wie äßatther. SllS bie 
Hunnen in granfen einbringen, fott er ihnen als ©eifei 
folgen. ®r ift noch gu flein unb gart bagu; ftatt feiner 
geht ©agen nach Pannonien. Sin oorauSbeutenber 3ug: 
fchon früh mufj ber ©efolgSmann unb ©afatl für feinen 
©errn eintreten. ©untherS Selbftgefühl tut bergleidjen 
aber feinen Abbruch: auf ben Sh ron glommen, fühlt 
er fich als ©aupt ber SBelt — ber Sichter benft babei 
bielleicht an bie Stellung, auf bie ber Seutfdje Saifer als 
Stachfolger ber römifchen Slnfprud) erheben burfte. 

Slber ©ibidhoS Sohn giert ben Sh ron nicht. ® r ift 
alles anbere als eine ©elbengeftalt. Seine Äraft ift 
gering: feine Sange h a T* et nur fch^öch in SBaltherS 
Schilb, leicht fRüttelt fie biefer tyxauS. @r ift ber 
eingige, ber eS nicht wagen fann, bem Stquitanier allein 
entgegengutreten: er hilft nur mit am Strid beS SBurf- 
fpeers giehen — fein fehr fönigli^er Slnblid. 

Sie 2trt, wie er fämpft, ift wenig würbig. heimlich 
wie ein Sieb fucht er bie bcrfd)teubene Sange wieber an 

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ftd) ju nehmen. SSott SBalther jornig angerufen, gittern 
ihm bie Änie. 2)er SSafaß muh ihn mit bem ©d)ilbe 
beefen, fonft märe ihm ber Äopf jerfpalten. S33oJ)l hat 
©untrer @l)rgefüt)l mie jeber echte 2Rann: id) miß lieber 
fterben, als fchimpflid) nach SBormS gurüdEfet)ren r fagt er. 
21ber babei ift fein ßljaratter bod) höchft unerfreulich. 4>agen 
erfennt in bem SBanberer am 9lt)ein feinen SBaffenbruber 
unb freut fich auf baS Sßteberfehen: ©untrer bentt fofort 
an baS ©olb, maS jener mit fich führt unb maS er ihm 
abnehmen möchte. Son Habgier berblenbet, achtet er bic 
©efühle feines beften SSafalien für nichts. Unb hoch 
gilt bie greigebigfeit als Stugenb ber dürften. 

3)er echte |>elb ift bebächtig unb borfichtig. ®er 
grantenfönig eilt leichtfertig gum $ampf mit 2Baltt)er. 
jpagen marnt, aber fein $err nimmt leine Semunft an. 
@r lehnt baS entgegenfommenbe Slnerbieten beS gremben 
ab, h oc hntütig unb in bofler SSerblenbung fchitft er alle 
feine ÜRannen in ben Stob. 

©anj töricht benimmt er ftd) gegen £>agen, feinen 
tapferften 9)iann. ®iefer fennt ben ©egner unb rät 
beSfjalb bringenb bom Kampfe ab. Slber ©unther 
beleibigt ben Sßohlmeinenben, ber ihm treu ergeben ift, 
unb mirft ihm geigheit unb Sälte bor. Snfolgebeffen 
jieht fich $agen aroßenb aurücf. 2reue um 2xeue 
forberte bie alte |>elbenethif, aber ©unther ift ein 
Äönig, ber leichtherjig unb bon fid) überzeugt, feinen 
treueften Wiener, bie ©äule feines SReicheS, in*ber 
beleibigenbften SEBeife beifeite fd)iebt. 2)afür muh er fpäter 
ben ©eleibigten bemütig um §ilfe bitten, muh fich &wt 
ihm bittere SEBorte unb ,3tirüameifungen gefallen laffen, 
muh fich fogar fchulbig belennen. ©o fpielt er am 
®nbe bor bem SSafallen eine llägliche Stoße. 

3n bem folgenben Äampf muh ihn ^agen mieber 
retten: ber dichter miß fagen, bah ber $önig ganj auf 
bie fiilfe feines SRanneS angemiefen ift. 

Walther fchä^t ihn gertng ein unb behanbelt ihn 
berächtlich: ^iltgunt muh t^m beim SerföhnungSmahl ben 
SEBein jule^t reichen, benn „läffig h^t er fidh gezeigt im 
Äampf mutiger SKänner, auch longfam unb fchtoächlich. w 


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51 


@o ift ©untber. Sie granten finb i^reS Herren 
mürbig. 9lu<b fie höben nicpte non ber Stube unb 
Slefonnenbeit SßaltberS, oon feiner Stecbtlicbteit unb 
SDtäfngung. Seibenfcboftlicben Sinnes [teilen fie ficb in 
ben Sienft beS Unrechts: ben ©egner unterfcböfcenb, 
bet)anbeln fie it>n unhöflich unb boebfabrenb, fogar fpöttifcb- 
®on Süntel gejebmeflt gebt mancher non ihnen in ben 
Äompf mit SEBaltber: Franci nebulones nennt fie barum 
ber Siebter, minbige, prablerifcbe, oielrebenbe gfranfen. 
Slucb fie entfpredjen nicht bem SRufterbilb be£ Seutfcben 
gelben, baS ©cteborb im ©eifte fcböut, baS er .feiner $eit 
norbält. 

Sieben Sßoltber ftebt im ©ebiebt $agen, neben bem 
ÄönigSfobn ber ©efolgSmann unb SJafafl: ein anberer 
SppuS btö ölten gelben, eine glänjenbe ©eftalt mie jener. 
@r mirb faft mit benfelben ßügen ge{d)ilbert mie ber 
aquitanifebe StönigSfobn, aber ber Siebter leibt ihm foldje 
ba$u, bie ber befonberen Stellung entsprechen, bie er im 
Staate einnimmt, unb $mar benu|t er bie ©eftalt, um 
flar unb febarf ein Problem ber föelbenetbif auf$umerfen 
unb ju löfen, ba$ fßroblem „SBaffenbrüberfcbaft unb 
SRannentreue." ©3 murmelt tief in ben Serbältniffen ber 

Sahen ficb bie ©efolgSmannen eines dürften als feine 
Äinber an, fo maren fie untereinanber Sjriiber. ©3 fam 
febr oft öor, bafj gelben, bie im ßarnpf jufammen» 
geftanben bitten unb beren £)er$en übereinftimmten, ihr 
SßerböltniS feierlich noch enger geftalteten: $ur SBaffen* 
brüberfepaft. Urbilb unb ÜÜiufter innigfter SSerbinbung 
mar bon je bie SlutSöermanbtfcböft. So mifebten bie 
SRänner, bie SBaffenbrüber merben moUten, ihr 95Iut, 
tränten eS auch mobl unb febmuren ba$u ©ibe, ficb n{t 
^u oerlaffen, einanber ftet§ ju b e If en > w* 9 e 9 cn cinanber 
^u tämpfen. Slucb bieS mar ein ibeale« perfönlicbe« 
SerbältniS, auf Sreue gegrünbet. 6§ ift tlar, bajj folcbe 
Serpflicbtung mit anberen Sreueberbältniffen jufammen^ 
ftofeen tonnte: bie Siebter höben ficb um ®örftellung 
folcper Äonffifte bemüht unb Söfungen gefunben. Sine 
folcpe gibt auch ©efebörb. 

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SBir vermögen heute ben ©rnft unb ben SBert ber 
SBaffenbrüberfchaft nicht mehr gang nachguempfinben. 
Sie begreift [ich nur aus einer 3eit, bie uom $atnpf 
erfüllt war, in ber ber Sßaffengefäfyrte oft bie eingige 
©tüpe beS gelben blieb. ^roei mittelalterliche ©ebixhte 
werben uns fc^neQ in bie Stimmung hineinführen unb 
bie ©runblage abgeben, unfere Sichtung gu verftehen. 

SaS erfte berfelben, ein lateinisches, ftammt auS bem 
10.Sahrljunbert unb ergäbt von Santfrib unb ßobbo. 1 ) 

3roei gelben bienen im ©efolge eines Königs: Sant* 
frib, auS bem Sanbe felbft ftammenb unb verheiratet, 
ßof)bo auS ber gerne überS 9fteer gefommen, nachbem 
er bort feine Sippe verlaffen. Seibe 2Känner befreunben 
fich unb Schließen SBaffenbrüberfchaft. ©o eng wirb ihr 
SSerhältniS, bafc fie alles gemeinfam höben, bafc fte ein** 
anber nidjtS abfdjlagen, unb bafj ihre greunbfd)aft faft 
bie ©mpfinbfamfett ber Siebe annimmt. Sa befchliefjt 
ßobbo, bie Sreue feines SBaffenbruberS auf bie ®robe 
gu [teilen. ©r fagt: „Sange laftet auf mir ber Sienft 
beS Königs. Sch min je|t gu meinen Angehörigen gurücf* 
tehren unb ihnen meine Siebe gumenben." Sa antwortet 
Santfrib: „3Rich elett vor einem Seben ohne bid). Sch 
will meine grau mitnehmen unb mit bir giehen, auS 
meiner £>eimat weg.“ Ser Sichter miß fagen: bie Siebe 
gum SBaffenbruber fteht über bem ©efüfjl für baS eigene 
Sanb. Aber nicht genug bamit. Seibe greunbe machen 
fich auf bie Steife unb fomnten an ben ©tranb beS 
SReereS, von bort gu ©djiff in SobboS SSaterlanb gu fahren. 
Sa verfucht biefer ben greunb aufs neue. „Kehre 
jefct um, ®ruber, ich bitte birf). geh werbe gurüeffommen 
unb bich wieber auffuchen, wenn ich am Seben bleibe. 
Aber tue nun eine mürbige Sat, ber SBaffenbruber bem 
SBaffenbruber. ©ib mir beine grau, bie bu btr erworben 
haft, bamit ich fw liebenb umarme, wie eS mir gefällt.“ 

Santfrib glaubt, ©obbo begehre feine grau. Dhue 
gu gögern fagt er heiter: „Stimm fie unb mache mit ihr, 


1 ) ©ebnieft in 9Jtüflenl)off*(Sdjerer3 $enfmälern. 3. Auflage. 
2h. XXIII. 


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was bu miHft, Sruber. 9Ran foll nid)t fagen, bafc id) mir 
fyerauSgenommen Ijätte, irgenb etwas für mid) allein ju 
befifcen." ßobbo fegelt mit ber ©attin feines grettnbeS ab. 

Sßir erlernten ben anbern ©ebanfen beS SDidjterS: bie 
$flid)t gegen ben äßaffenbruber ftefyt über ber Siebe jur 
grau. SDer Ijarte, urfprünglidje ©inn beS waffenbrüberlidjen 
SerfyältniffeS unb ber ©eift einer primitiben Äultur fprid)t 
aus biefem SSorgang. Um fo mefyr, als eS nid)t eine 
Stot beS greunbeS ift, bie ben anbern baju $wänge, bie 
©attin 5 U opfern: eS ift einfach fein SBunfd), baS SBeib 
wirb wie eine ©ad)e tjingegeben. ©S gilt eben fd)led)t* 
weg baS ©efefc: SBaffenbruber über ©attin. 

Slber ber 5E)i<t»ter gehört bereits einer 3 e i* «t, 
unter ben ©in wir Jungen beS ©IjriftentumS ftefjt, beS 
©fpriftentumS, baS gerabe feit bem 10. 3at)rf)unbert erft 
wirflid) in ben £er$en ber 3)eutfd)en SSBurjel jdjlug. ©o 
milbert er ben ftarren ©eift ber alten ©r^ätjlung. 

Santfrib, allein am ©tranbe bleibenb, füfylt nun bodj, 
bafj bie gorberung beS greunbeS ju weit ge^e. 2Bof)l 
mu§ ber SBaffenbruber bem SBaffenbruber bie grau 
opfern; aber nid)t um beffen finnlidjer Segierbe willen, 
©o fingt er ^um Älange ber ©aiten aufs ÜReer IjinauS, bem 
Stabonfafyrenben nadj: „fflruber ©obbo, fyalte bie Sreue, 
wie bu fie bisher immer gehalten tjaft. @S ift fdjmäfjlid) 
ber Siebe nadyugeben unb baburd) beS greunbeS ©f)re $u ber** 
lefcen. ®er S3ruber foü bem Sruber nid)t ©cfyanbe jufügen." 

SantfribS fflage erschüttert ben anbern. ©obbo fetjrt 
yaxüd unb fpricfyt begütigenb: „©eliebter, füfeer greunb, 
— man beachte bie nterfwürbig empfinbfame, pietiftifd) 
anmutenbe SluSbrudSweife — fyier I)aft bu unberührt 
^urüd, waS bu mir gegeben fyaft; td) Ijabe ihre Siebe 
nicht genoffen. 3 d) brauche bich nicht me|r ju berfudjen. 
SReine Steife werbe idj unterlaffen." 

2 ro^ biefer @rweid)ung ber alten ftarren ©itte bleiben 
bie Sßflicfyten ber SBaffenbrüberfc^aft ernft unb l)art genug: 
baS $eigt eine ©rjöt)lung ÄonrabS bon SBür jburg, ber 
/r ©ngelhart©ie ftammt aus berüRitte beS 13. Satyr* 
t)unbertS, ein 8 eweiS f bafj man auc^ in biefer fpäten fttit 
ben ©inn ber alten @inrid}tung berftanb unb achtete. 


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Sietrid) mirb oont SluSfafc befaßen. fjrau un & 
Scannen giehen fi<h üon ihm gurütf. @r muji in bie 
©infamfeit gelten, man lögt ihn bort halb oertommen. 
Sa manbert er gu feinem SBaffenbruber, Äönig ©ngelljart, 
nach Sänemart. Ser nimmt ihn freunblich auf, pflegt 

S n forgfältig unb opfert ihm fd^tiegtic^ feine beiben 
inber: mit beren Vlute beftrichen, verliert ber Ärante 
fein Seiben. freilich, auch Sonrab oon SBürgburg milbert 
ben garten ©ebanten ber alten ©rgählung. Sie Sreue 
gegen ben greunb ftanb ursprünglich fdjlechthin über ber 
Siebe gur blutSOermanbten f^amilie; aber ber SDic^ter lägt 
©ott eingreifen: ber macht bie getöteten Äinber mieber 
lebenbig unb oerföf)nt baS beleibigte ©efü^l einer 
meidjeren $eit. 

©emtffe ©runbfäfee ber £elbenett}if laffen biefe 
beiben ©cbidjte ertennen: Heimat, ©attin, fogar blutS* 
oermanbte Äinber mufc ber SBaffenbruber bem SBaffen* 
bruber opfern, fcfjledjtbin unb unbebingt in ben älteften, 
roheren ßeiten, auf jeben gaß, menn ber Vunbesbruber 
in 9iot mar, auch in ben jüngeren. 2lbet ift biefe Sßflic^t 
bie fjödjfte für ben gelben? ©e^t nichts über ficrj Sie 
Slntmort gibt ber SBalthariuS, gu bem ich nun gurücf* 
lehre. ®r gibt fie in ber Sarfteflung beS VerhältniffeS 
Jagens gu SBattfjer unb beS SBiberftreitS ber ©efüfyle 
unb Pflichten, gu bem eS führt. 

SBalther, ber ©ohn eines ÄönigS, unb £>agen, ber 
©otjn eines oornehmen S3afaßen, leben als ©eifein am 
$ofe SUtilaS. ©ie merben gufamnten erlogen, fie teilen 
ihre jugenblichen Spiele, halb finb fie unzertrennliche 
fjrreunbe. Sie ftreunbfchaft mirb immer inniger; empfind 
fame Rüge tnifcgt ber geiftliche Sichter ein: Jagens Stnblicf 
lägt SÖaither beS VaterS unb ber |>eimat oergeffen, £>agen 
reigt fich, als er fliehen miß, nur mit 9Wüi)e aus beS 
^reunbeS Slrmen loS. 9Kan erinnert fich ber SluSbrucfS* 
meife in bem ©ebic^t oon Santfrib unb ©obbo. Slls bie 
greunbe maffenfähig merben, mirb baS • Verhältnis gut 
xBaffenbrüberfchaft: fie mirb burch feierliches VünbniS 
gefchloffen unb burch ©ibfchmur befiegelt. Seibe oerpflichten 
fich ä u nnoerbrüchlicher Sreue. 


. .4 . * 


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s 

SBalttjer ift ber Überlegene; £agen benmnbert ihn 
neibloS unb erfennt in ihm ben größeren gelben. 

Sie glud^t beS granfen trennt bie ©efäbrten. $agen 
entfommt mirflicb unb gelangt in bie $eimat. @r tritt 
in bie ©ebar ber gelben ein, bie in äßorntS ben Sönig 
umgeben. ®S /ift nicht mehr bie alte ©efolgfcbaft, bie 
uns in ber Umgebung ©untberS entgegentritt. SRancbe 
ber SRannen toeilen nur uorüberge^enb am §ofe: fo 
©atnalo, ©raf non 2We$. Ser junge $atafrib ift nerljeiratet, 
toie mellei<f)t auch SRanbolf. Snbere allerbingS feinen 
ficö bauernb beim Könige aufoubalten: fo ©erroit, ©raf 
non SEBormS, ©efefrit non ©aebfen, ber als Verbannter 
feine Heimat meiben tnuf}. ©o auch Sagen: unverheiratet 
lebt er am £ofe. Slber alle bieje uRänner finb ihrem 
4>errn burd) Sreueib nerbunben, fie finb Vaf allen: mir 
befinben uns im ßefjnSftaat, boeb liegt ber ©djroerpunft 
im $erfönlicben. 

21IS £agen erfennt, fein SEBaffenbruber jiebe burdbS 
fjranfenlanb ber Seimat ju, freut er ficb b er i^cb- ®t 
hofft, bie alte 3freunbfd)aft erneuern unb ben ©enoffen 
in SBormS begrüben $u fönnen. Socb auf feine fjreube 
fällt ein ©ebatten. ©untber ift habgierig, feine ©efinnung 
toenig nornebm. $ür bie ©efüble, feines Vafallen bat 
er fein VerftänbniS. Ser Vater ©ibicbo bat ben |mnnen 
Tribut gejablt, ber SBanberer führt ©d)äbe mit ficb: 
je£t glaubt ©untber, er fönne ficb für ben früheren 
Verluft fcbabloS halten. @r befd)liefjt, ben ^remben 
ba$u ^u gingen, baS ©olb b^auSjugeben. Ste gmölf 
Veften feines ©efolgeS müffen ihn begleiten: Sagen fehlt 
nicht unter ihnen. §ier fe|t nun ber SBiberftreit ber' 
©efüble unb Pflichten ein. 

Sagen fommt bureb baS Vorgeben feines §erm 
in peinliche VebrängniS. 6r foK gegen ben 
greunb unb SBaffenbruber fämpfen: baS bebeutet 
Vrucb feiner ©ibe, Verlegung ber gelobten Ireue. 
2)arum oerfuebt er fd)on in SBormS, ben Sönig öon 
feinem unföniglidben unb für ihn fcbmerjlicben 
Veginnen abjubringen, einmal, jtoeimal, immer 
oergebenS. 




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NIVERSITYOF CALIFORNIA 


I 



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ättan reitet au£ itnb entbecft SßaltherS ©pur. SBieber 
mahnt Sagen unb rät zu berfjanbeln, aber ©untrer läfct 
fich ttidjt überzeugen, ©o nähert man fich bem aquitanifchen 
gelben. • 

3 )iefer erfennt in ber gerne ben §elm be§ greunbeS. 
Sinn fühlt er fid) geborgen: es ift ja ber VlutSbruber, 
ber treue ©enoffe, ber heranreitet. Slber fd^nell wirb er 
bitter enttäujdjt; .er muf$ erfennen, baf 3 it)nt bon ben 
granfen nid)t£ erfreuliche^ beborfteljt. Um bem brofjenben 
Äampf, ber ifjrn nur bie §eim!e^r auffefpebt, zu entgegen, 
bietet er freiwillig hunbert ©olbringe. Sagen, eingebenf 
feiner ©ibe, brängt, ba§ berftänbige Slngebot anzunel)tnen: 
bann !ann er bem greunbe bie Streue galten unb zugleich 
ben Serrn bor Unheil bewahren, benn er fennt SEBaltherS 
ungeheure ©tärfe. Slber ©untrer ift berblenbet unb 
rennt inS Verberben. ga er uergifet fiep fo weit, ben 
gut gemeinten 9tat beS VafaHen zu mifcbeuten: „®u bift 
wie bein SSater! Slud) ber hatte furdjtfamen ©inn in 
einem falten Se^eu unb entzog fich immer mit bieleit 
SEBorten bem Kampfe." 6r macht feinem beften Selben 
ben Vorwurf ber geigheit! ©inen anbern Veleibiger 
hätte S a 9 en nü* bem ©chwerte niebergefd)lagen. 9lber 
©untper ift ßönig unb Serr: ihm barf ber Vafall nicht 
entgegentreten. Sarum bezwingt er fid), unterbrüdt 
heftige ©egenrebe, aber zieht fid) nun ergrimmt t>ont 
Kampfe zurücf: „Sämpft ihr allein: ich toerbe mir ben 
Äampf anfehen, berlange auch nichts non ber Veute." 
©in ßufammenftoh ber perfönlidjen ©fjre mit ber Scannen* 
pfltcht! @3 fiegt bie festere. gugleid) 9eht ber Selb 
bem ®ampf mit bem SBaffenbruber aus bem SBege. 

Slber ber Äonflift, bem er auSweichen möchte, wirb 
ihm nicht erjpart. ®ie granfen werben einer nach bem 
anbern getötet, ©unther ift in Verzweiflung. Sefet 
bemütigt er fich öor S a 9 en r ber S e ^r bor bem Sehn^ 
mann, unb bittet ihn, boef) ben ®ampf aufzunehmen. 
Vitter lehnt ber Seleibigte ab: „Sittich hält bom Sampfe 
Zurüd bie verächtliche Slbfunft, unb ba§ falte Vlut be§ 
VaterS nimmt mir ben ÜRut." S)er Äönig bringt weiter 
in ihn unb bespricht reichen Sohn: Sögen bleibt feft; 



l1 






I 


57 


um ®olb ift, if)tn bie 2reue nicht feil. @r fteHt noch 
— freilich gereijt burch bie Seleibigungen beS Königs — 
bie Pflicht gegen ben Sßaffenbruber über bie gegen ben 
ßerrn. 

Slber ber dichter billigt bieS Serljalten nicht: bie 
Safallenethif forbert ein anbereS. ßagen tnirb nun 
nom König bei feiner @h re unb bei feiner ÜRannen* 
Pflicht gemahnt. Sefct mirb er fchtoanfenb. ©r fühlt 
lebhaft, maS er bem ßerrn fd)ulbet, noch aber hält bei 
ihm bie Sreue gegen ben greunb ber £reue gegen ben 
ßerrn bie SBage. 

©untrer mufj inftänbiger bitten. Salb fühlt ßagen 
baS Unmögliche beS SSer^ältniffeS r menn ber König ben 
SehnSmann anfleht, feine Pflicht ju tun. ©r errötet 
barüber, bafc fich fein ßerr fo bemütigen mufj, er fieht 
ein, ba| es bie ©hre etforbere, fich brn dürften in biefer 
Sage nicht ju entziehen. Salb ift er im ftärfften inneren 
ßtniefpalt: h^* bie Pflicht gegen ben greunb, bort bie 
Pflicht gegen ben ßerrn — meldhe toirb fiegen? 

®er 3)tchter hat oen ©egenfafc ftar! herausgearbeitet, er 
hat bie ©chtnierigfeit beS gülIeS ooH ertannt. ßagen fagt: 

SBohin rufft bu mich, gen? SBo^in, o gejiriefener genfer, 
Soll ich bir folgen ? Serfpricht bir Unmögliches hoch baS Sextrauen I 
2Bex ift je in ber SBelt fo gänjlich oon Sinnen gewefen, 

$afj er oon felber oetfuchte ben Sprung in ben offenen Slbgrunb ? 
$enn ich mei§, baß auf offenem gelb fich SBalther fo furchtbar 
3eigt, baß er bort, in fold) gefieberter Stellung unb gelSburg 
(Sine gewaltige Schar wie einen einzelnen angreift, 
gälte hierher auch a ^e bie Leiter unb {amtliches gufjbolf 
granfen gefanbt, er hätte fte fo wie jene behanbelt. 

Slber biemeil ich fehe, ba6 hätter Oie Schmach bu embfinbeft 
2US bie Serlufte im Jtambf unb fo bu nimmer baoonjiehft, 
Seibe ich mit, unb eS weicht mein eigener Schmerj oor beS Königs 
®hre unb fiel), ich berfuche, ben SBeg bir jum geile ju bahnen, 
Speicher nahe pch jeigt, hoch nirgenbs fonft fich eröffnet. 

3)enn ich geftelje, o gen, nicht wegen beS teueren Neffen 
SBär , ich bie $reue ju brechen bereit, bie einft ich gelobte. 

Siehe, für bich, o gürft, begeh’ ich in fichre ©efahr mich. 


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SITY OF CALIFORNIA 



58 


i 


S)agen entfReibet fidj je|t für bcn $errn, gegen ben 
SlutSbruber. ®a$ ift ber jtneite ©ieg, ben er. über fief) 
banonträgt 

Unb nodj einen britten ©ebanten ber feubalen ©tljif 
fpricf)t ber Siebter an biefer ©teile au£. äBalttyer Ijatte 
£agen ben ©djroefterfofyn erfdjlagen, ben järttid) geliebten 
Neffen ^atafrib. Slber beffen lob mürbe ben £)ijdm 
uicf)t baju bringen, bem SBaffenbruber bie Sreue $u 
brechen: benn bie Pflicht ber SBaffenbrüberfcbaft geht 
über bie ber ©ippe — gan$ fo, tote eg bie ©ebichte oon 
Santfrib unb. ©ngelljart zeigen. 

$agett hat fiep nach fdpüerem inneren Äampf ju bem 
Gntfchlufe burchgerungen, ben alten fjfreunb anjugreifen. 
®eu ©ntfchlufe mufe er aber in harter feelifc^er Prüfung 
erft nod) bewähren. ®er ®i<hter erjpart bem Safaßen 
nichts. ®enn nun fucht Sßaltfjer ben ^jeranfomnteitben 
mit ttmrmen äßorten umjuftimmen unb jur 33ruberpflid)t 
jurüctjubringen: 

Sagen, icb $abe ju reben mit bir, brum halte ein SBeilcben. 

. UBaS bat, frag id), ben greunb, ben freuen, fo plöfeücb oertoanbett, 
55afe er, melier bereinft beim &bfd)ieb meiner Umarmung 
Äaurn fid) entreißen tonnte — fo fcbien'S — aus freier @ntfd}ltefeung, 
Ohne beriefet au fein, mich jefeo mit SBaffen befe^bet? 

2Babrlicfe, ich b°fft* bon bir — bod) merbe ich leiber betrogen — 

« 

3)afe bu, trenn bu erfütjrft, i<b teerte ^urürf aus bem @lenb, 
Schnell mir lämeft entgegen, mich freunbticb mit ©rufe ju empfangen, 
2)aß bu mi(b pftegteft in gaftticber fftub, auch trenn icb mich fträubte, 
Unb mich in grieben ins SReicfe beS SBaterS moüteft geleiten. 

3a, icb forgte barum, tro beine ©efebente icb tiefee, 

Unb, fo fagte icb mit, trenn icb $og bureb frembe ©ebiete: 

Sebt nur Sagen, fo brauebft ron ben grauten bu feinen ju fürchten. 
$nbre ben Sinn, icb flehe bicb an, bei ben Spielen ber Qugenb, 
2)ie mir an Übung gleich unb gleich an ©efinnung erfanben, 
^)enen ergeben mir einft bie Qugenbjabre rerlebten! 
tttcb, mobin bo<b entfebmanb bie fonft fo gepriefene ©intraebt, 
^Belebe babeim unb im gelbe beftanb unb §aber nicht tannte? 
2Bar ich bei bir, fo galt mir gering bie herrliche §eimat. 

SBiUft auS bem Serben bu tilgen bie Xreu', bie fonft bu gelobteft? 


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Sfteibe bcn greoel, ba3 bitte ich bidj, unb beginne ben Streit nicht; 
Uncrfchüttert befiele ber ©unb für ewige 3eiten. 

Stimm ft bu mir bei, fo wirft bu atsbatb mit ®efchenfen bereichert 
gortfcieijn, benn ich fätte mit rötlichem dtoib bir ben ©chilbranb. 

SßaltherS SBorte oermunben §agen im tiefften £>erjen. 
SBie er fi<h abquält, fieht man aus ben ©rünben, bie er 
für fid} anfübrt. ®r macht ein finftereS ®efic|t unb 
rebet ft<h in 3 orti: *®n f) a ft bn$ Sünbnis gebrochen, 
weil bu trofc meiner Slnmefenheit bie granfen nieber* 
ftredteft —" oorljer fprad) er gan$ anberS. „®u ^aft 
mir meinen lieben SReffen Sßatafrib erfdfjlagen unb baburd) 
mieber bie Srubertreue üerlefct ®a8 fann ich bir nicht 
Eingehen laffen" — oorher fagte er $um fiönia ba$ 
©egenteil. @r $mingt fid^ eben in eine feinofelige 
Stimmung hinein, feiner behanbelt ber SRibelungen* 
bitter ben feeltfc^en ßroiefpalt feines SRübeger. 

@8 gelingt SBalther nicht, ben greunb ootn Kampfe 
abpbringen. SRannenpflicht fiegt über Srubertreue. 
®a8 eben miß ber ®i<hter barfteßen. 

®er Streit beginnt. £agen führt ihn als treuer 
®iener feines £>errn. ®a$ eine 2Ral bedt er ben Äönig 
mit feinem Schtlb, baS anbere 2Ral hält er fein $aupt 
hin, mit feinem §elm einen Streif aufjufangen, ber 
©untßer jugebacht mar. Schließlich fdEjeut er ft<h nicht. 
bat>or, ben SBaffenbruber ferner $u treffen: er fchlägt 
ihm bie |>anb ab! ®ie ®reue beS Safaflen fiegt oou* 
fommen über bie Siebe unb ®reue be8 SBaffenbruberS. 

®ie ®id)tung treibt ben 3roiefpalt nicht auf bie 
Spifce, mie baS $ilbebranb$lieb. Stach 93lut unb SBunben 
geht alles freunblich auS: bie gelben oertragen fich unb 
erneuern bie alte ^freunbfehaft. — 

®rei ©ebanfen enthielten bie ©ebichte oon Santfrib 
unb Sngelhart: ^eimat, ©attin, Siinber müffen jurüdf** 
ftehen oor bem SBaffenbruber. ^hnlich^ ©ebanfen berührt 
aud) ber 3Balthariu8: ber ^elb biefeS ©po8 oergißt über 
bem SBaffenbruber §eimat unb SSater; $agen miß beS 
getöteten SReffen megen bem greunbe bie Ireue nicht 
brechen. 2lber ©deharb arbeitet fie nicht h^nnS. 3h n 


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fümmcrt blofj baS Problem „£err unbSSafalT, er oerfiinbet: 
■Dtannentreue get)t oor perfönlidjer ®afatlenefyre unb 
t>or SBaffenbrubertreue. 

©o fann man auS bcn brei ©ebidjten, mit bencn 
mir un3 befd)äftigt tjaben, eine Stufenfolge ber fittlidjen 
SEBerte ber gelben* unb Safallenetfjif entnehmen: ju oberft 
bie Ireue gegen ben ßetjnStjerrn, bann bie Irene gegen 
ben SEBaffenbrüber unb bie eigene @f)re, julefct Sßeib, 
®inb, ©ippe unb §eimat. 2luif) ber ®icf)ter beS £ilbe* 
branbSliebeS backte nid)t anberS. 

Sine ed)te, ibeale ©taatSgefinnung öerförpert ftd} in 
ber ebeln ©eftalt §agenS. ia'ft eS mirflicf) ©taatS* 
lefinnuna ift, bie ber lichter barfteüen miß, Ireue gegen 
>ie ftaatlicfye Sinridjturtg , nicf)t bine fid^ auf perfönlidje 
®igenfd)aften beS £>errfd)erS grünbenbe, rein menfd)lic|e 
Slnfjänglidjfeit, baS beutet ber Dichter fein unb bodj 
unmifeoerftänblicf) an: ©untrer, bem $agen ben Sßaffen* 
bruber unb bie eigene ©fyre opfert, ift als 4pelb nidjt 
adjtungSroert, als Sföenfcf} unerfreulich, als Söntg beinahe 
oeräd)tlid). 

SßerfönlidjfeitSibeat unb ©taatSgefinnung beS geinten 
3at)rf)unbertS leuchten uns grofj unb ebel aus bem 
Waltharius manu fortis entgegen. 



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©as 5tolanb5liei>. 


ßdebarb fc^itbcrt feilten SBaltber als gelben unb 
©Triften; aber ba$ ^elbifdje überwiegt burdjauS, ba§ 
Steligiöfe ftebt ^urüd. Unb bie Qfrömmigfeit be3 aqui* 
tanifeben ÄönigSfobnS ift fehlet: ©laube an ©ott, 
Bertrauen auf feine £ilfe finb ba§ 93BefentIid^e; für ben 
§auptpun!t be£ ftrcbücben ßbriftentum^, bie ßrlöfung 
burd) ßbriftum, für ba£ SBalten be3 ^eiligen ©eifteS 
fehlt ba3 BerftänbniS. Unb in SBqltberä Seele ift 
ßbriftlicbe3 unb ©ermanifcbeS noch nicht wirflicb uer* 
fcbmoljen, beibe Beftanbteile liegen nebeneinanber. 
©etoife ift ber |>elb barin ein Slbbilb feiner 3 e ^ 9 eno ffen f 
fcbwerlicb ift bie ßaienfrömmigfeit bamatö weitergegangen. 
Bielleicbt war auch bie gfrönunigfeit beS Sleruö noch 
mehr tbeo^entrifcb, wie ju 3^^ Sllcuin3 unb £raban8. 
2)ie Seelen ber Steden waren uorn ßbriftentum noch nicht 
innerlich burebglübt. ®ie 3 C ^ tum, wo ficb ba£ änberte. 

®ie religiöfe Bewegung butte fidb unter ben farolingifdjen 
öauSmeiem unb Königen wohl auSgebreitet, Äircbe unb 
^ßapft butten oiet 3förberung erfuhren. Slber ber ©luube 
blieb boeb mehr äußerlich, uutoritatiö. ®arl£ b. ®r. 
Begebungen waren junücbft politifcb unb wirtfcbaftlicb, 
Äircbe unb Slofter orbnete er feinen planen ein unb 
unter. ®r war nicht geneigt befebauliebe SBeltflucbt als 
erfte ober einzige Stufgabe be3 SDiöncbeS gelten $u taffen, 
noch weniger ju^ugeben, bufc feine |>errfcbergemalt unb 
ÄönigSftellung in turiate Slbficbten einbe$ogen würben, 
Slbficbten, bie barauf binuuSgingen, ben Sßapft als ßrben 
unb Präger be§ römifeben SuiperiumS btnjuftetten. ®ie 
Stenaiffancebewegung an feinem £ofe wirtte in gleidjem 
Sinn. 2)a3 weltliche SBefen würbe oom ßbriftentum 


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62 

nidfjt überwältigt. Sind) ßubwigS beS frommen Regierung 
änberte barmt nichts wefentlicheS, ber ftrenge tlSfet 
Settebift öon 9lniane würbe nid^t ber 9Rann, ber ]eine $eit 
wirüich beherrschte. ®ie SBirren unter ßubwigS ^Regierung, 
bie Kämpfe feiner Slachfolger brachten Äirdje unb Älofter 
in noch fchlimmere SebrängniS unb entfernten fie noch 
weiter von ihrem 3beal: bie 3eugniffe aus 5*an!reich 
unb ®eutfchlanb melben aus ber 3ett um 900 uöHigen 
©erfaß ber Älofter^ucht unb völlige ©erweltlidjung ber 
©eiftlichfeit, bie auf baS StärJfte in bie politifchen f>anbel 
unb in baS gefellfchaftliche ßeben ber 3 e ^ verflochten 
war. ®3 ift begreiflich, wenn auch bie ßaienwelt uom 
©hriftentum nicht innerlich tief ergriffen würbe. ®er 
Sangaütfche SRönch will hoch offenbar SBalther ben 
3 eitgenoffen als 3beal vorführen: Wie mag eS ba in 
SSirtlichteit auSgefehen haben! 

®ie SBanblung ber Seelen bereitete fid) aber boch 
im 9. Snhthunbert f^ on vor, tut 10. Snhthunbert würbe 
fie beutlidjer merfbar. @3 finb bie 3ah*hunberte, in 
benen in SDeutfchlanb baS ©eicht* unb ©u&mefen mehr 
unb mehr auSgebaut wirb unb bie £>erjen beeinflußt. 
Schon im Anfang beS neunten 3ahrhunbertS Jam in 
®eutfchlanb bie Sitte auf, nach ber ©rebigt eine all* 
gemeine ©eichtformel mit nachfolgenber Slbfolution ju 
uerlefen. 2Ran fieht, wie bie ®ir<he eifrig an ber ®r* 
jiehung ber ©hnften arbeitete. ®iefe beutfeßen Seicht- 
formein werben immer ausführlicher, fie leiten immer 
grünblicher ba$u an, bie $>erjen ju erforschen unb ju 
beurteilen, ©erfolgt man ihre lange 9teihe, fo fühlt 
man in ihnen baS junehmenbe Streben nach retigiöfer 
©ertiefung unb fittlicher ©elehrung. Sieben ber 
allgemeinen ©eichte führte man bamalS auch bie 
Ohrenbeichte in bie ßaienwelt ein. Schon ju ÄarlS 
3eit empfahlen fie bie ®h e °l°9 en r Saufe beS 
9./10. 3ahrhunbertS faftt fie in ber Äirche gab unb wirb 
ein ftarfeS Sftittel ber Jirchlichen 3 uc hi unb religiös* 
fittlichen ©rjiehung. 

Ohne 3weifel wuchs gleichlaufenb mit ber ©ntwidtung 
beS ©eicht* unb SufjmefenS auch baS ©emufjtfein ber eigenen 




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63 


Sünbhaftigfeit unb baS Streben nach Befreiung non 
ber Sünbe. 2Rit ber Steigerung beS SünbengefühlS 
unb bem BebürfniS ber Sünbenoergebung tritt non felbft 
Ghrifti Sßerfon unb SBerf, weiterhin bie ^eilSgefchichte 
nebft ihren £auptpun!ten: SünbenfaD, ©rlöfung, lefcte 
2)inge in ben Borbergrunb beS religiöfen SntereffeS, man 
betommt BerftänbniS für bie fachliche Sehre über biefe 
©egenftänbe. S)ie alte theo^entrijehe 5mmigteit wirb 
c^rifto^entrifc^. 2)ie frühmittelhochbeutfche Sichtung fpiegelt 
biefe äBanblung: immer unb immer mieber führt fie in 
tleineren unb größeren SBerfen ben Sefern bie ^eüSgebanten 
oor. 3m ßnfammenhang mit ber Stimmung ber ßeit wirb 
bie Sljeologie SluguftinS lebenbig, bie für bie tiefere 
©rfaffung biefer ®inge bie ©runblage gab, unb bie grofce 
Slnfchauung bon bem Sarnpfe beS ©otteSreidjS mit bem * 
SeufelSreicp als metapt)pfif=- toeltgefc^ic^tlic^en hinter* 
arunb ber fachlichen ©ebanten barbot. Slutb biefen 
yfortfehritt fpiegelt bie beutfehe Sichtung: fteHt bo(h ber 
Berfaffer beS SlnnoliebeS feinen ^eiligen auSbrüctlich in 
ben Nahmen jener Slnfdjauung hinein. 

Sie oollfommne Berweltlichung beS ftlofterlebenS 
führt bort $ur Befinnung auf bie tragenben ©runb* 
gebauten, auf bie ©ebanfen ber Befdjaulichfeit unb 
SBeltflucht, wie fie etwa bie Benebiftinerregel oorträgt. 

S uerft brang man in ©lunp mieber auf 3 uc ht nnb 
rbnung unb fuchte bie ^orberungen biefer Siegel burch* 
juführen. ©ine ähnliche Stiftung entforang burch 
©erharb bon Brogne in Slieber*, burch 3ot)anneS bon 
©or^e in Dberlothringen. Siefe beutfehe Bewegung war 
ftreng aSfetifch unb gina über bie Borfchriften ber 
Benebiftinerregel hinaus. Sie forberte bolle Nachahmung 
beS armen SebenS Ghrifti, böliige Selbftberacf)tung unb 
fcharfe ßafteiung. ©in fd^wärmerifch fanatifcher 3 U 9 
eignet biefen Sothringeru: ihre Slbficht geht mehr auf 
perfönlicheS Seben ber ©injelfeele als auf Drganifation 
unb ßufammenfehluh, wie in ©lunp. ©inen britten 
SluSgangSpuntt bot baS Älofter 3Rariä ©infiebeln 
in ber Schweig; ^irfchau tarn fpäter baju. ®ie 
Bewegung geht weit nach ®eutfdf)tanb hinein. Sie 


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führt ba gu einer umfaffenben Sleform unb bamit gu 
einer ungeheuren Belebung beS aSfetifd^en r meltflüchtigen 
©eifteS, guerft im Sftahmen beS SlofterS, bann barüber 
hinauf. ®enn bie 3^ee erftarfte unb befam halb eine 
unmiberftehliche äJtacht, jo bajj $Bifcf)öfe unb dürften ihr 
nachgeben unb mit ihr rechnen mußten, jo toenig jie ihren 
politischen Sntereffen entiprach* ßanonifer, SBeitgeiftlidje 
mußten fid) ihr beugen: baS Sggolieb (um 1060) geugt baoon. 
Schließlich bringen jene Sloftergebanfen auch in bie oor* 
nehme Saienmelt unb oerbreiten jich bort; baS mar in ber 
gmeiten £älfte beS 11. unb ber erjten beS 12. Sahrhunbertg. 

2 tuch bie Äirche tonnte jich ben herrjehenben ©ebanfen 
ni<f)t entgiehen. Sie mar jtar! in baS SBeltliche oerftridt. 
93ifchöfe unb Stbte maren ©runbherren unb SSajaüen beS 
ÄaiferS ober ber dürften, Sie hotten nicht nur meltliche 
Sefi^ungen, jonbern auch ihr QeiftlicheS Statt unb maS 
bagu gehörte, gu Sehen. S)ie Äirdje mar, menn auch 
ibeeH ber ßufammenhang mit 9tom ftetö erhalten blieb, 
hoch tatjäcplich fajt eine SanbeSfirche, fie unterjtanb, 
nicht anberS als ©rafen ober £>ergöge, bem Staate, 
ihre Seiter maren dürften. 3)ie Sifchöfe fühlten jich unb 
hanbelten als jolche: ßrieg unb $olitif nahmen jie 
oft mehr in Slnjpruch als ^ßrebigt unb geifttidjeS 
Slmt. Otto I. hotte jie noch me h r mit bem ©taatSleben 
verflochten, unb auch bie niebere ©eiftlichfeit mar ver* 
meltlicht: biete babon maren verheiratet. 3m 11. 3abr* 
hunbert festen bie ^Bemühungen ein, bie ®ird)e aus biejer 
Umflammerung burd) bie SEBelt, burch fteubalftaat unb 
Seben, h era uSgugiehen, bie alte rnahre 3bee ber ®irche 
mieber gur ©eltung gu bringen: SBißiramS ^araphrafe 
beS ^ohenliebeS (gegen 1065) fpiegelt biefeS Streben. 
@S entbrannte ber Äampf gegen bie Saieninbeftitur, gegen 
©imonie unb für ben ßölibat. ®er altchriftliche ©egen* 
jafc gmijd^en Staat unb fiirdje mürbe mieber belebt, . 
bamit ber ©ebanfe ber SanbeSfirdje, melier in 
®eutjd£)lanb h^rrfchte, gejchmächt; benn bis bahin galten 
Äaifer unb dürften als meltliche unb geiftliche SKacht* 
haber, als Herren auch übtr ihre Kirchen unb ßlöfter; 
ber Äaifer jtanb über bem ^ßapjt. 


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9Kan faßte beit ©egenfafc junädjft nidjt politifdj. 
Saifer unb fßapft, ©taat unb Sirene fteHte man 
nebeneinanber als meltlidje unb geiftlitfje 2Rad)t, jener 
mar bie SBoblfatprt ber 2Nenfd)en in bieder SBelt, biefer 
baS $eil ber Seelen unb bie ©djlüffel beS |)itmnel$ ander* 
traut. Slber an ber Äurie mar ber ©ebante beS römifdjen 
SntperiumS nie erftorben. ®r tonnte jefct im Sunbe mit 
ber mächtigen Sbee ber $t\t ^um Siege geführt merben. 
Salb verlangte bie Sirene greifet dom ©taat, ja 
f)errfd)aft über ben ©taat: ber Sßapft über ben Saifer! 

t ilbebranb, als *ßapft ©regor VII., mar bie Seele biefeS 
trebenS. Ser Sarbinal £umbert ftellte in feiner 
©djrift gegen bie ©imoniften (1057) baS Programm 
ba^u llar unb.fdjarf auf. $atte Otto b. ®r. ben ©ebanfen 
ÄarlS b. ®r., baft er als ^Jüfyrer beS ©fjriftenaolf eS, ber 
civitas dei auf drben, ©taat unb Sirene ju leiten fjabe, 
bafj ber Sßapft unb bie Sifdjöfe feine Untergebenen feien, 
in ber gorm erneuert, ba& er als Äerr beS Staates aud) 
als Sogt unb defensor für bie Äirdje $u forgen l)abe 
unb ber $apft nidjt oljne feine 3 u fti mmun 9 gemätjtt 
merben bürfe, fo änberte fid) baS in ben UnglüdS^eiten 
ber Unmünbigfeit $einrid)S IV. Ser Sßapft füllte 
fid) feitbem als Sßacfjfolger ber. römifd)en ©äjaren, 
als geiftlicfyeS unb meltlidjeS Oberhaupt ber ßljriftenf)eit, 
ja ber SBelt, als SefjnSIjerr beS ÄaiferS, aller Könige unb 
dürften. Ser ©ebante beS päpftlidjen SßeltimperiumS ftieß 
mit bem beS faifertid)en jufammen. SBieber mürbe in biefem 
3ufamment)ang ber ©ebante SluguftinS non ber civitas 
dei fyerdorgef)olt unb bie Äirdjje als baS maljrc ©otteS* 
reiefy auf ©rben ^ingefteüt, ber Staat aber, menn er fid) ber 
Äirdje nid)t unter* unb einorbnete, als SeufelSreid) derfludjt. 

Srei ©ebanten finb eS alfo, bie bamalS neben unb 
miteinanber bie ©ernüter erfaffen unb befefjäftigen: ©ünbe 
unb Sufje, SBeltfluc^t unb SlSfefe, bie Sirdje unb i^r 
Ser^ältniS jum ©taat, b. t}. bie 5 r ^ge nad) ber ©eftattung 
beS ©otteSreid|S auf ©rben. 

Siefe ©ebanfen merben nun auf baS angemenbet, 
maS feit bem 11. Safjrljunbert bie ©Triften mehr unb me^r 
erregt, auf ben Äampf gegen ben SSlam. Sie Kämpfe 

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ber graujofen mit ben Arabern in Spanien bereiteten in 
granfreicj) bie Stimmung für ben groben Äreujjug bon 
1096 bor. Sie Segeifterung fc^tua nach 3)eutf^lanb 
hinüber: fte brach 1147 im jmeiten ßreu^ug aus. Ser 
Äampf gegen bie Ungläubigen galt als eine gottgefällige 
Xat, zugleich als bie berbienftlichfte Su feleiftung, bie 
möglich mar; ber Äreu^ugSablafc mar barum ber um* 
faffenbfte oon allen, beStjalb ber am meiften erftrebenS* 
merte. Surct) Teilnahme an einem Äreujjuge mirb man 
aller Sünben quitt. Ser Job babei ift ein heilig er 
bebeutet bie bolle Nachahmung beS armen SebenS S^irifti 
unb ift zugleich ber fixere Surchgang $um emigen ßeben; 
begreiflich r baf$ fich ber ^eitgernäfte aStetijche ©ebanfe ber 
ffleltflucht in ben Greifen religiöS*begeifterter Saien leidet 
in baS Streben nach bem SKärtprertobe im ffampf gegen 
bie Ungläubigen umfefcte. Äampf gegen bie Ungläubigen, 
momöglich beren Setehrung, bebeutet aber ©rmeiterung 
beS ©otteSreicheS im fiimmel unb auf ©rben, benn bie 
Ungläubigen ftnb als folche beS XeufelS. So fchlob fich 
auch biefe 3bee leicht an. 9Jtan tonnte babei baS ©otteS* . 
reich mehr geiftig*geiftlich ober mehr politifd) berftehen, je 
nach ber Stellung, bie man ju ber fdpebenben grage 
nach bem Verhältnis bon Staat unb Äirche, Äaifer unb 
$apft nahm. 

3n bieje politifd^*religiöfe Semegung führt baS 
NolanbSlieb beS Pfaffen Sonrab, berfaftt etma 1131/2, 
hinein. Stellt ber Sangaller SRönch in feinem SBaltper 
einen SppuS bar, in bem baS ^elbenmä&ige ftart über* 
miegt, baS Neligiöfe jurüdtritt, eben einen gelben aus ber 
3eit bor ber Neformbemegung, fo malt ber NegenSburger 
©eiftliche baS entgegengefe^te Silb: baS Neligiöfe beherrjeht 
bie Seelen feiner SRecfen boUfommen, baS |)elbenmä§ige 
tritt jurüd. SaS ©ebicht atmet bie Stimmung ber 
Neformbemegung unb ber Äreu^üge. Unb legt ber 
ältere Sichter auf SarfteHung ber rechten Staats* 
gefinnung großen SBert, fo Reibet ^onrab biefe faft 
gan$auS: Neligion, ©hnftentum ift ihm bie ^auptfache. So 
mirb fein SBert für uns mertboll, meil eS bie Ummanblung 
beS ©eifteS ber ritterlichen ©efeBfchaft erfennen lä|t, 


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tveit eS in bic ©ntftepung ber Stimmung ^incinlcu^tct, 
bic halb banacp *um gtveiten Äreuggug führte. 

Ser bicpterifcpe SBcrt beS SRolanbSliebeS ift nicpt 
erheblich; eS aenrinnt bic Seilnapme beS SeferS nur als 
Reichen bcr Seit, als Reichen beS vertieften religiöfen 
SntereffeS. Sie Seilnapme erhöht fiep unb befommt 
Sebeutung für bie ©egemuart, tvenn man SünrabS SGBerf 
mit feiner 33orlage, ber frangöfifepen Chanson de Koland 
vergleicht. Set frangöfifepe dichter fiept gu ben 
Stimmungen unb fcpivebenben fragen ber 3 e ^ 9 <m$ 
anberS als ber Seutfcpe. Ser SSergleid) beiber Sichtungen 
führt fo in bie religiöfe unb politische Setveaung ber 
3eit vortrefflich ein unb geigt gang flar, tvie fepon ba- 
malS frangöfifcpeS unb SeutfcpeS Senfen gang entgegen* 
gefefcte SBege gingen, er geigt im Spiegel ber Vergangen* 
heit bie ©egenmart. Sarum behanble ich P* er auc ^ 
frangöfifepe @ebicht f beffen ©epatt bisher noch nicht voll 
verftanben ift. Mietet eS hoch, fo frangöfifcp feine gange 
politifche Sinftellung ift, nocp genug von altgermanifcp* 
pelbifcper Senfart, um auch bem Seutfchen Seilnahme ein* 
guflöfjen. Stuf bem ^pintergrunbe beS frangöfifepen ©ebicptS 
tvirb.ficp ber Sinn beS Seutfchen viel heutiger abheben. 

* 

. I. Die Chanson de Boland. 1 ) 

Ser frangöfifepe Siebter führt ben £örer in ein 
§eer von qemaltigen Sriegent piwitt, unter benen bie 
piprenben Marone pervorragen. ® r 9*bt mit biefen 
ftänfifepen ÜRännem fein ^elbenibeat. @S ift im 
tvefentlicpen germanifep. 

Sin erfter Stelle ftept ber jugenblicpe Stolanb. 
Seine Äraft ift ungeheuer: fein Scpmert fäprt bem 
©egner vom Äopf bis nieber in beS $ferbeS Stücfen; 
fein Sümpfen ift ein Scplacpten, er häuft Seicpen auf 
Seichen. Seine Seiftungen finb groteSf — fern ger* 
manifeper 3 U 9 feinem Silbe. Sie Reiben fliepen vor 

l ) Xejt öon ©röber, La chanson de Roland. Bibliotheca 
romanica 53. 54. (stra^burg, §ei|.' Überlegung öon ©. ©er|, 
IRolanbölieb. Stuttgart, (Sotta 1914 (2. 5lufl.). 

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ihm in ©d)aren, fobaß er julefct allein als Sieger auf 
bem ©djlachtfelb bleibt. gurcht feunt er nicht. ® r über* 
nimmt fofort bie gefährliche Sotfchaft an SStarfitie, er 
fpielt mit ber ©efahr, Sorge um fein Sieben, toie fie 
©uenelun jeigt, ift ihm fremb; jeben Sag toirft er fich 
bem Sobe entgegen unb hat greube am $ampf, „fo lang 
er lebt, toirb er oom ßampf nicht taffen." 

®aS Vefonbere biejer recfenhaften ©eftalt ift ein 
teibenfchaftlicher, h e ftiser, ja toilber Sinn; Stotanb täfet 
fich feiert ßinreißen unb geht leicht, ohne SJtaß ju halten, 
bis jum äußerften. ®eShalb fdjicft man ihn nicht ju 
SJtarfilie, man fürchtet, er fönne Streit befommen; fein 
Sinn ift ju ftolj unb fchlintm. ®iefe Seibenfchaftlichfeit 
fteigert baS an fich öottberechtigte ©elbftoertrauen beS 
gelben ins Ungemeffene, ja Seichtfinnige unb VerberblidE)e: 
baß er befiegt roerben fönnte, ift ihm fchlechtljin unbenfbar. 
®arum übernimmt er furchtlos unb fiegeSbenmßt bie 
Nachhut, ÄarlS, barum unterläßt er eS, fie mit Stücffidjt 
auf bie Überjahl ber Ungläubigen angemeffen ju oerftärfen 
unb fpäter, als fich bie Übermacht jeigt, Äarl burch 

t ornruf fterbei ju holen. ®er Veginn ber mörberifchen 
»chtacht (cheint ihm ein ©efchenf ©otteS. 

Stolanb fennt toeichereS ©efühl nur gegenüber bem 
ßehnSherrn unb bem SBaffenbruber. @r ift mit Silbe, 
DlioierS ©cfjmefter, oerlobt, aber er gebeult ihrer ‘nie. 
SßartneS ©efühl bricht bei ihm nur ba heroor, too er ben 
neu angenommenen SBaffenbruber tätlich üernmnbetfiehtunb 
erleben muß, baß biefer, bie Slugen oom fehlte geblenbet, ihn, 
ben greunb, mit bem ©chtoerte trifft. ®och auch ba fagt er 
nichts, er lehnt fich nur in Siebe an ben ©terbenben an. 

Olioier, ber Sohn ber eblen $erjogS Steiner, StolanbS 
©enoffe unb Vertrauter, ift auch ein ftarler $elb. 2Kit 
ben Srümmem ber jerbrodfjenen Sanje haut er bie 
©egner nieber, bem galfaron ftößt er bie Sanje in ben 
Seib unb toirft ihn oom Sattel. Stber fo ftarf toie 
Stotanb ift er nicht: bei biefem geht in folgern 
bie Sanje burch ben Steher hiuburch. Olioier ift fampf* 
gemanbt unb tapfer, er fennt ebenfotoenig gurcht mie 
fein greunb: „ging'S auch jum Sob, er freute feine 




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69 


Schlacht." Stud) er ift fofort bereit, bie gefährliche 
©otfebaft an ben feinblidjen Sönig ju übernehmen unb 
bleibt fpäter freitoißig bei ber 9?ac$)ut. ®ro^t bie Schlacht, 
fäuuit er nicht e8 märe eine ©dpad), unb oor bem un* 
oermeiblicben ®obe mag er ficb nicht bureb Hilferuf retten. 

äber Dlioier meif$ SRafe ju galten, er ift oernünftig. 
ÜRit ben germanifeben gelben oerbinbet ihn bie Über* 5 
jeugung, man bürfe nid)t um eitler @b rc mißen ober au$ 
Seicbtfinn unb smecfloS ©lut oergie&en unb ba$ Seben 
ber ©einen aufs Spiel fepen. 3n großer ©efapr $ilfe 
herbei ju rufen erjebeint ibpt ohne ®abel: Rittertum mufc 
ficb mit ©erftanb unb ÜJJaf* oerbinben. ®arin unter* 
febeibet er fiep oon Stolanb, ber mehr bem 2ppu£ be§ 
fran$öfifcben gelben entfpriebt. 

©tebt Dlioier im Slnfang beS ©ebicbteS noch merflicb 
hinter Slolanb $urücf, fo erbebt er fi<b mäbrenb beS 
SampfeS $u ibm empor, er erfteigt ben ©ipfel be£ 
£)elbentum3. Such ihn erfaßt, al$ ber fiampf nun tobt, 
bie oofle 3 u *>erficbt be$ Sieges, auch i^m gelingt ein 

§ ieb, toie fie oon Stolanb öfter berietet merben: bem 
uftin fpaltet er ba$ fiaupt, burcbfd)lägt ben Stumpf, ben 
©attel unb noch baS wücfgrat beS ©ferbeS. Stun erfennt 
ibn auch Stolanb als ebenbürtig an: er nennt ibn oon jept 
an SBaffenbrnber, ©efeß unb ©ruber. 3ntmer mächtiger 
mütet nun auch Dlioier im ^eibenbeere, er miß SRolanb 
faft übertreffen, fobajj biefer gefteben mufc: „mein SBaffen* 
bruber ift mir in StubmeStaten ooran". Sogar innerlich 
erbebt ficb Dliöier jept über ben greunb: Stolanb toirb mürbe 
unb miß ben Saifer beranrufen, aber Dlioier lehnt ab. 

£elbenmäfcig mie fein Seben, ift auch fein lob, unb 
bei bem tätlich ©ermunbeten bricht enblicf) auch einmal 
ba$ ©efübl beroor: baj 31uge oom ©lut getrübt, jdjlägt 
er ben SBaffenbruber aufs £aupt, baS Seben beS gfreunbeS 
gefäbrbenb. ©cbmer^ ergreift ihn, als er erfennt, ma$ 
er getan ^at: „ity feblug nach @ud^, moflt 3b r wir 
oergeben". ®ann lehnt er ficb an ^ cn ©niber an, „in 
foldjer Siebe, febt ihr, febeiben fie." 

?lld britte ©eftalt tritt greifbar StaimeS, ber Sapern* 
berjog hervor. Sein befferer §elb lebt am ^ofe Sta rl$, 


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70 


ftarf, tapfer, furchtlos, grimmigen Sinnes, wie bie beiben 
fcbon genannten, ein äRann, ben baS ©efüljl ber @bre 
*ur SRache an ben derräterifchen* Reiben antreibt, ©r ift 
offenbar älter gebaut, fein ©runbjug ift maßdode Slugbeit 
unb reife SBeiSbeit. 3b m fe^tt baS feurige SRolanbS 
unb DlidierS. Sari bebarf feines weifen SRateS unb lägt 
ihn barum nicht don fid). SlaimeS gibt guten SRat, er 
burcbfc^aut ©uenelunS Verrat, er juerft derftebt, waS 
SRolanbS Jpornruf bebeutet. Sor adern: er (iebt ben 
Sampf als folgen nicht. @r rät SDtarfilieS Verbieten 
anjunebmen, .benn eS fei Sünbe, ihn länger ju quälen 
unb ben großen Srieg ohne SRot weiter geben $u laffen: 
er empfiehlt, einen Soten ju ben Ungläubigen ju 
fcbicfen, unb bie grauten finben biefeit fftat weife. 

^erdorftecbenb ift bei fftolanb noch ein überempftnblicbeS 
©brgefübl. Ser SSorwurf ber Feigheit wäre ihm ber 
fcblimmfte, oon ihm würbe er auch nicht einen Schatten 
auf bem Scbilbe feiner @f)re Bulben. #t Sie ^eftigteit ber 
©mpfinbung reißt ihn aud) ba jum Übermaß tym. SaS 
leicht reijbare ©btgefübl feines ^aupthelben ftedt nun 
ber Sichter ber maßdoden Slrt DlidierS gegenüber unb 
benupt bann ben ©egenfafc ber ©baraftere, um c ^ ne 
©befrage problematifcb ju erörtern unb bamit feine 
©ebanfen über@hre barjulegen unb ju betonen. Ser 
Sßunft war bem Sichter offenbar wichtig, baber bie aus* 
fübrlicße Sebanblung. 

*uf ©uenelunS derräterifchen SSorfchlag wirb SJtolanb 
jum gübrer Nachhut beftimmt. Sari ahnt ©efabr 
unb möchte i^m ftatt ber üblichen 20000 granfen btö 
halbe $eer jur Verfügung fteden. Slber fRölanb lehnt 
ab, ftolj derachtet er bie Reiben, er ift feiner unb beS 
Sieges dödig ficßer. SRun rüden bie Reiben in 2Raffen 
an, Dlidier weift barauf hin, aber SRolanb antwortet dod 
Selbftdertrauen: „2ßag ©ott bie Schlacht gewähren 11 ; 
bie ©efabr bünft ihn ein ©efchenf ©otteS. Seine 
Siegesjuderficht bleibt unerfchüttert. Dlidier fagt barauf: 
©uenelun h^t uns derraten. fRolanb mißbidigt biefe 
Sefchulbigung feines StiefdaterS; felbft ebelgefinnt 
mag er ihm nichts JBöfeS jutrauen: w Schweig Dlidier, 


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71 


gab Stolanb ihm jut öntwort, bcnn mein ©tiefbater ift 
er, fprich nicht weiter". 

Olibier erfennt bie ungeheure Übermacht ber geinbe 
immer beutlicher. bittet er beit greuitb, fein £orn ju 
blafen unb $arl ^erbeijurufen. 3h*n ift flar, bafe bie 
jroan$igtaufenb SRitter bem ®egner nidjt nriberftefjen fönnen 
unb nufcloS geopfert würben. ®a3 ßmeeftnäfnge gibt bei 
if)tn ben 5lu3fchlag, nicht bie Sfurdjt; ber ®icf)ter fagt 
auSbrüdE lieh: „®ie 23eiben ^aben wunberbare ®ühnl)ett, 
wenn fie ju Stoffe fifcen unb in Sßaffen, ging'S auch jum 
Job, fie freuen feine ©chladEjt", Dlibier benft wie Stolanb. 
Slber biefer berfchliejjt ben berftänbigen ©rwägungen 
be$ ©enoffen fein Dh r unb offenbart nur immermehr 
fein überfeines ©^rgefü^I: „3ch täte wie ein Starr, 
berloren wär' mein 9tuf)m im füfeen gfranfreich". ®er 
anbere brängt immer ftärfer, aber nun betont Stolanb 
ben @b*enpunft: baS ®lafen beS §orneS wäre ftoräeit, 
eS würbe nic^t nur feine, fonbern auch bie ®h re feiner 
©ippe unb bie ®hre SftanfreichS befledEen. Unb unber* 
minbert bleibt feine oerwegene ©iegeSjuberficht: „®ie 
£>eibenhunbe rotten fidj umfonft, bei meinem @ib, fie 
finb bem SCob berfaßen." Dlibier entgegnet: ju blafen 
bringt bir feinen iabel, benn unfer finb wenig unb ber 
Reiben biel; eS ift nicht geigfjeit, SSerftärfung heronju* 
holen, wenn man fo in ber SJtuibereahl ift. Stber Stotanb 
berfteift fich unb fchwört: „Sticht wotT eS ©ott unb feine 
heiligen @ngel, ba| granfreich feinen Stuhm burch mich 
berliere, ben ®ob ertrag' ich dichter als bie ©chanbe." 
Dlibier warnt noch einmal: rr 931aft 3fjr nicht, fo wirb eS 
unfer @nbe." Slber Stolanb: „Sprecht nicht fo übertrieben! 
®em £erjen ©chmach, baS in ber Sruft erbittert; ftanb* 
halten werben wir an biefer ©teile." ®r bläft baS 
©orn nicht. Um feiner. feiner Sippe unb granfreiche 
©hre Willen glaubt er auf Äarls ©ilfe bereichten ju 
müffen. freilich, bie ©tü|e beS @^rgefüt)lö ift bie 
böHiae .ßuöerficht auf ben Sieg, ber ihm noch nie im 
£eben gefehlt h a ** 

3n ben Kämpfen, bie nun folgen, fallen bie fränfifdfjen 
Stitter in SJtenge, bie Äraft ber Überzahl wirb fühlbar. 


. •. .•v&igtsnfe 


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72 


9totanb mufe einjehen, bafe bie granfen bcm Untergang 
geweift finb unb nicht ftanbfjatten fönnen. ®r fiefet, wie 
bag $eer nu$tog geopfert wirb; Olirner hat recht gehabt, 
ber ©ieg ift nicht ju erfechten, Sluch je|t bleibt er ohne 
furcht unb ©orge um fein Seben, aber jeine ©etbft* 
ftcfeerheit wan!t unb bie ©iegeSjuöerfidjt. 9iun möchte 
er tun, wag er Dorfeer ftolj abgelebt hat unb blafen. 
Slber er wagt eg oor fid) fetbft nicht. Seife anbeutenb 
fragt er Dlitner: „D lieber König, warum feib 3fyr fern? 
2Bag ift ju tun, £>err Sruber Dtitner?" ®er anbere 
füf)tt, wa^ ber greunb möchte, aber er hilft ihm nicht 
weiter; jornig tehnt er eine Antwort ab, „idj weife leinen 
Wat 1 *. Slber er beutet an, wie er bentt: „Siet lieber 
fterb’ id), atg bafe man mich fcfemäbe." 2)enn nun ift 
bie Sage anberg. ®ie §ilfe beg Kaiferg !ann nicfetg 
mehr retten, bie granfen finb Oertoren; je|t ju btafen, 
wäre wirftich Feigheit: „S)ag Wäre grofee ©cfeanbe, ein 
Sorwurf wär’g für @ure Stnoerwanbten, ihr ganjeg Seben 
bauerte bie ©cfernad). 9ltg idj'g Such jagte, wolltet 3h*’& 
nicht tun, nun foHt 3h*’3 nimmer tun burcfe meinen 9tat, 
unb wenn 3h r btaft, jo btaft Sfer nicht aug Kühnheit". 
Sfiotanb ift niebergejcfetagen unb will hoch btajen, ber 
leibenfcfyafttidje SRenjd) läfet ficfe jefet üon ber ©orge all* 
juweit t^inreifeen. SDa wirb ber greunb jornig: „3h r 
wolltet nicht btajen, atg ich’g Such bamatg jagte; jefet 
gefet eg nicht mehr, benn eg fyanbelt jtcfe um unjre Shre". 
Sr will SRotanb, ben er furcfetfam glaubt, jogar bie 
Serwanbtjcfeaft auftünbigen. Unb nun macht er bem 
greunbe ftar, wie er bie ©adje beurteilt unb enthüllt 
bamit bie ©ebanfen beg $i<hterg: 

9 

greunb, 3h r tragt bte ©djulb! 

SDettn Rittertum mit Sinn ift feine £orfyeit; 

?Ke^r gilt mir toeijeg aU Übermut. 

$)ie grauten fterben ^ier burcb ©Uten ßeidjtfimt, 

Unb Äarl mirb nie rneljr ®ienfte öon un§ Ijaben. 

3um Unheil geigtet 3^r ©ure tapfer feit. 

€ 

®er 2)icfeter will jagen: eg ift nidjt feige, wenn ber 
^etb bet ooHfontmener Unterlegenheit ^itfe jucht, bag ift 


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73 


im ©egenteil Vernunft unb weifeä 3Raß. S§ ift Unfinn 
unb Sexchtfinn, Unmögliche^ gu wagen unb feine ©etreuen 
gwecflo$ gu opfern, bloß um bem eigenen ©elbftgefühf 
unb einem überlpannten Stpbegriff ©enüge gu tun. Aber 
e3 ift verwerflich, wenn man fid) töricht unb übermütig 
in ©efaf)r begeben hat, bann um ©xlfe gu rufen, bto% 
um ba8 liebe Seben gu retten. 

2Ba8 bebeutet biefe Auäeinanberfehung ber gelben? 
Sin Vlid in bie Seutfdjen ©elbengebichte gibt bie Antwort. 
SRan erinnert fich be£ $uge§, oer oft ttneberfefjrt: ber 
echte, ©eutfcfye ©elb ift frei von leichtfertiger Überhebung 
unb Abenteuerlichfeit, er fämpft nur, wenn ber Kampf 
notwenbig ift unb einen vernünftigen ßroeef hat. SBalth er 
von Aquitanien ^ält fid) gurücf fo lange er tann, er 
nimmt fogar ungezogene, beleibigenbe Sieben gebulbig hin, 
er bietet ©efchenfe an, um frei weiter giehen gu fönnen. 
3m Stibelungenlieb lehnen e§ ©unther unb ©ernot ab, 
mit bem übermütigen Abenteurer ©iegfrieb um ihr Steich 
gu fämpfen unb ohne ßweef ba3 Seben ihrer gelben auf£ 
Spiet gu fe|en. ®er alte Sßate in ber Kubrun liebt 
romantifche gahrten nicht; erft bie jüngfte ©eneration 
geigt bie verfeinerte 2)enfart, bie bloß um ber Shre 
wißen ba$ Stüfcliche unterläßt: Drtwin wiß Kubrun vom 
©tranbe nicht wegführen; im Kampf ift fie geraubt, burch 
Kampf muß fie wieber gewonnen werben — ba§ verlangt 
bie Shre. ®er frangöfifdje dichter bringt ben gufammen* 
ftoß gweier Anfchauungen, gu benen bie Sntwicflung ber. 
ritterlichen ©efeßfehaft offenbar Anlaß gegeben hatte, er 
erführt fich offenbar gegen ba$ törichte Äbenteurerwefen 
unb bie übermäßige 3 u fpi& UTt 9 be§ ShrbegriffS, wogu 
bie ©efeßfehaft feiner Rti t gelangt war, unb ba$ fich 
fpäter in ber Stomantif ber $afelrunbe be3 ArtuS fieg* 
reich nnb vielfach verfliegen auSbrücfte. ®er 9DidE)ter übt 
Kritif an einer bamalS auffommenben geiftigen Strömung 
unb gwar vom ©tanbpunft ber älteren grit aug. 
Vielleicht erflärt fid) fo auch eigentümliche ©eiben* 
ibeal, ba^ er entwirft. Sr geigt harte, wilbe Krieger, 
feine ©eiben finb mehr Schlächter atö Stifter. Sie haben 
ftarfe ©emütsbewegungen ohne mesure, fie flammen in 


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74 


Seibenfdjaft auf, meinen, jammern, faßen in Ohnmacht, 
ignen festen, fomeit fte atö SJienfchen bargefteflt merben, 
bie meinen 3^9 C Siebe i ur Ofau. @3 ift göchft 
begeidjnenb, bag bie Chß. meiegere ©efügle biefer Slrt 
nur bent SSerröter ©uenelun gufdjreibt, bie anbern gelben 
blog bem SBaffenbruber gegenüber garter empftnbeu lägt. 
Unb hoch verraten Slnfpielungen, bag ber ®id)ter oon 
ber Verehrung ber 35ame mugte. Slucg im Sfteligiöfen 
ermartet man um 1100, gleich nad) bem erften Kreugguge, 
anbere Stimmungen. Staub ber ©iegter ber ChR. mit 
ber Slnfcgauung, bie er in feinem Siebe t»ertritt, 
im bemugten ©egenfap gu ber neu auffommenben 
göfifegen, bie halb in Vornan unb ©robaborlprif 
gepflegt mürbe? ÜRan mügte ign bann bem ©iegter 
be$ 9tibelungenliebe3 Dergleichen. Stanb er auch im 
Sßiberfpruch mit gemiffen religiöfen Stimmungen ber 
3eit? 

SSegiegt fich ber dichter mit biefen Schilberungen 
auf SSergältniffe ber ritterlichen ©efeßfegaft unb i)e3 
religiöfen SebenS, fo greift er mit anbern auf3 politische 
©ebiet hinüber. 

©er Kreis ber gelben be8 ©ebicgtS ift burch Segiegung 
auf einen ßJiittetpunft, auf ihren |>errn unb Kaifer, eng 
oerbunben. SBir bliden in ein auSgebilbeteS SegenSftjftem 
hinein. ©ent Kaifer Karl ftegt gunächft ber Sohn Seiner 
Scgmefter, Sflolanb, bann ©uenelun, ber gmeite ©emahl 
biefer Scgmefter, alfo ber Schroager be3 KaiferS unb 
Stiefoater SRolanbS. ©iefe brei $auptperfonen finb 
üexmanbtfcgaftlicg oerbunben. Sieben &olanb fteht Dlioier, 
Sein $reunb: Sftolanb ift mit DlioierS Scgroefter Silbe 
oerlobt, ber Kreis ber SSermanbtfcgaft greift alfo meiter. 
Unb Dlioier mirb SBaffenbruber beS §auptgelben. 
©iefer engfte Kreis erroeitert fich guerft gum Kreis ber 
gmölf ?ßair3. finb tapfere gelben, bie eine beoorgugte 
Steflung einnehmen unb bem König befonberS nahe flehen; 
fie finb ihm perfönlich oerbunben, feine greunbe: bie 
attgermanifche ©efolgfchaft mirft barin nach- Schlieglich 
treten tpngu Sarone, bie Kart ferner bleiben: Slaimeä 
oon SSapern unb anbere SanbeSfürften, auch fold^e, bie ber 


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75 


Saifer fkh im Sampf unterworfen hat, beren ©ebiete 
ihm nun bienen rnüffen. 

Sitte biefe gelben, bie ihrem Saifer oerfdjieben nahe 
ftehen, finb feine SefjnSmannen. ©ie haben fiel} if}m burch 
bie commendatio üerpflichtet, fie fdijulben ihm amor 
(Siebe) unb foi (Irene), Service (Sienft) nnb conseil 
fSRat), fie haben non ihm ein fief (Sehen). fRolanb, 
©uenelun nnb bie anbern finb eben ©afatten Sarlgj fie 
haben wieber ©afatten, bie bann Slfterüafallen beg Satferg 
finb. Umgefehrt ift Sari als Sehngherr oerpflichtet, all 
feinen SOtannen ©chufc nnb $ilfe jn gewähren. lieg 
©anb ber geubalität hält Sarlg fReid) jufammen: fein 
SReich ift ein Sehngftaat, eg umfaßt eine große 3 a hl m>n 
ftammegmäßig gefchloffenen Sänbern unter eigenen Herren, 
eg wirb perfönlich nnb binglich jufammengehalten. 

Ser Sichter legt aber ben größten SBert auf bag 
©erfönliche: bag feubale ©erljältnig beg Saiferg jn feinen 
SRannen unb umgefehrt ber SDtannen $um Saifer fott 
befonberg herzlich erffeinen. Ser Sichter will eben einen 
Sehngftaat fcfjilbern, beffen ©eftanb wirflich fo, wie eg 
bem ©inne beg Seßngmefeng entfprad), auf ber rechten 
perfönlichen ©efinnung beruht— er will fein politifcbeg 
3beal barftetten. 

Sari hat gelben in feinem Sienft nnb junge Snappen 
an feinem fiofe. Ser ©ornehmfte ift fRoIanb. Ser 
Saifer liebt feinen Steffen über atteg, er hat ihn erlogen 
(nourri) unb ibnt bag ©chwert oerliehen. SRolanb ift 
nun fein greunb nnb Berater, beffen SBitten ber Saifer 
meift tut; er ift bie Säule beg $Reid)g. Sari ift untröftlich, 
alg ber $elb faßt, bann aber rächt er ihn unb forat 
pflichtgemäß für ein chriftlicheg ©egräbnig. ©benfo liebt 
ber Saifer feine ©airg; feiner oon ihnen barf bie gefährliche 
©otfdjaft an SDtarfilie übernehmen. Sllg fie aefatten finb, 
weint unb flagt er unb rächt ,fie. Seggleichen auch bie 
entfernteren SSafatten. ®efonberg eng geftaltet fich fein 
SSerhältnig ju Staimeg oon ©apem. Sllg biefer oerwunbet 
wirb, rettet ihn Sari unb tröftet ihn, unb biefer greunb* 
fchaftgbienft jieht nun bag ©anb jwifchen ^errn unb 
©afatt noch enger. Sari achtet bie SRechte feiner SDtannen: 


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76 


1 


bie Sörotte beruft er bei tmdjtiaen Sachen gurn SRat unb 
hört ihre SKeinung. ®rft mit ihrer SJuftimmung fchreitet 
er gur Jot; in allem tmH er mit fernen granfen geben. 
Sind) bie äftertmfallen flehen ihm nahe; mit ihnen f)at 
er ja fein SReicp erobert, er fd)üfct fte alle Jage unb fie 
fe^en in ihm ihren greunb. 

J)ie SafaHen ertmbern bk ®efühle ihrer Herren aufg 
©tärffte. fRolanb fpriept aug, wag alle empfinben: 

2öir müffen ganj für unfern Äönig fielen, 

5üt feinen §erm muß jeber SD^ü^fal fcutben 
Unb groge §ige, grobe ÄSlte tragen, 

©elbft £aut unb £aar foU er für ihn oerlieren. 1 ) 

Slucp ber geifttiche Sepngmann fpriept fo, Jurpin, ber 
Srgbifcpof: 

# 

gür unfern Äönig jiemt e$ »ohl $u gerben. 2 ) 

©ehr beadjtengmert ift ber feparfe Sefeplgton, ben 
$arl nicht feiten feinen SRannen gegenüber anfcplägt, 

& $Raimeg, befonberg Jurpin in ber ^Beratung, 
ig gab ber Saifer ihm gut Slntwort: 

(Seht, fegt (£u<h nieber auf ben »eigen Teppich 
Unb fpreegt niept weiter, bis upS ©ud) befehle. 

S)ann gegen ®uenelun: 

©uer $erg ift attju §drtli(p. 

SBeil i<p'S befehle, rnfigt 3h* bahin gehen. 

©ehr gu beamten ift ber $m r bag Sfarl alg 
£epnSperr überall felbft mittämpft. slucp ber Äaifer ift 
bag SRufter eineg Selben. ®rog unb ftarf, grimmen 
©tnneg unb tühn fürchtet er leinen Sebenben. ©ein 
eprgefüpl ift empfinblicp: er will lieber fterben als im 
gelbe fliehen. ®r ift feiner ber gürften, bie fiep gurüd* 
halten unb ihre Sehngmannen für fich ftreiten laffen. 
Siele Könige h at er fdbft befiegt, getötet unb ihreg 
Sanbeg beraubt; trog feineg h*>h en Älter« toagt unb 


*) §erg ©tr. 79. 88. 2 ) @bb. 89. 


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77 


beftefyt er beit Sarnpf mit SJaligant, bem Slbmiral; 
©uenelun irrt, wenn er meint, Sari fyänge ganz non 
SRolanb ab: audfy nadfy be$ Steffen Job bleibt ber Saifer 
ftarf, mächtig unb fiegreicfy. 

©in ftarfer Saifer, zugleicfy §elb unb gfürft, um ifyn 
gewaltige fürftlic^e Steden, SSermanbte, ^freunbe unb 
anbere SJafaflen — aße in Jreue unb Siebe ju einem 
fraftooflen ftaatlidfyen ®angen wecfyfelfeitig oerbunben, 
ein glänjenbe^ S3ilb entroflt ber Jicfyter. Stein ßweifel, 
er fcfyilbert fyier fein politifcfye8 Sbeal, wie er aucfy fein 
Helbenibeal im ©ebicfyte gibt. Unb wie bieS gewife mit 
gewiffen Slnfcfyauungen ber ritterlicfyen Öberfcfyicfyt 
feiner $eit jufammen^ängt, fo oerftefyt man aucfy ba§ 
politifcfye 3beal au3 ber 3eit, aus ber gefcfyicfytlidfyen Sage. 
©3 geigt ben franjöfifd£)en ©rofcen, Wie e§ in grantreidfy 
fein foßte, aber um 1100 eben burdfyauS nid)t war. 
J)enn e£ ift fieser, bafj jeneä glänzenbe ©emälbe ber 
SBirflicfyfeit im Steicfye ber franzöfifcfyen Stacfyfolger be§ 
großen Sari nicfyt entfpradfy. 

©cfyon unter Sari b. ©r. fyat bie Umbilbung beS 
fräntifcfyen ©eamtenftaatS in einen fjeubatftaat merflicfye 
gortfdfyritte gemacht. Unter feinen fcfywacfyen Stacfyfolgern 
würben bie Herzoge, SRarlgrafen, ©rafen, SSi^egrafen 
unb was e3 fonft für sperren gab, rnefyr unb mefyr fetb* 
ftänbig, fie riffen enblicfy faft aße ÜRacfyt be3 weftfräntifcfyen 
SönigStumS an fidfy. Aucfy unter ben ßapetingern 
(feit 987) würbe eS junäc^ft nicfyt anberS: im 11. Safyr* 
fyunbert fyerrfcfyte ber Stacfyfolger Sarte nur in einigen 
©raffcfyaften be§ StorbenS; im übrigen granfreid) Ratten 
fiefy grofje felbftänbige Sanbe3fürftentümer begrünbet: bie 
©raffcfyaft glanbern, baä Herzogtum ber Stormanbie, bie 
©raffcfyaften $loi§, ©fyampagne, 2lnjou, bie Herzogtümer 
^Bretagne unb Sourgogne, bann bie Herrfcfyaften beS 
©übenS, t>or aßem Aquitanien unb ©a^cogne finb 
fyerangewadfyfen. S)er Sbee naefy war ber franjöfifcfye 
Sönig in 5ßari§ atö ©rbe unb 9iacfyfolger Sartö im 
SBeften Sefyn§fyerr aß biefe Sänber, unb bie ßapetinger 
fyaben ibren 8lnfprudfy auf biefe SefynSfyofyeit nie aufgegeben. 
?lber tn SBirHicfyfeit fyatten fiefy bie Sänber üöflig 




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78 


unabhängig gemacht unb befdjränften bie 9Racf)t ber 
franjöfifd^en Krone auf alle SJBeife. Ser frangöfifche 
König mar in fjranfreic^ faft nur ein Saron neben ben 
anbern. Slucf) bie SSafaflen feines eigenen ©ebietS 
befchränften ihn: ber König, ber ben Slnfpruch machte, 
Erbe Karlg b. ©r. gu fein, tonnte $arig nicht öerlaffen, 
ohne auf bie flehten 2$afaflen gu ftofjen, bie überaß bie 
SBege fperrten; um meiter ju fommen, rnu&te er mit 
ihnen tämpfen. Um bie ßJcitte beg 11. Sahrhunbertg 
ftanb bag Sapetingifche Königtum an feinem Siefpunfte. 

Slber unter I-*) (10(50—1108) unb Submig VI., 

ber f(hon 1100 bie 3^9^ ber ^Regierung ergriff, hoch 
erft 1108 gurn König gefrönt mürbe, trat ber Umfchmung 
ein. Sag frangöfijche Königtum fammelt jefct feine Äraft 
in ben ihm oerbliebenen ©ebieten, eg nimmt bie Über* 
lieferungen ber Karolinger auf unb fudjt bie Sehnghoheit 
bei ben großen SSafaüen gfanfreichg mieber gur ©eltung 
gu bringen, in ©onberheit aber burch Eroberungen bie 
mirftiche 2Ra<f)t ber Krone gu ftärfen. Unter Submig VI. 
beginnt eine Entmicf lung, bie ohne erhebliche Unterbrechung 
burch bie Sahrljunberte big gu ben 3ehen Submigg XIV. 
unb meiter burchgeht* bie Sbee beg geeinten |5 ran freid^S 
mirb lebenbig unb mirffam. 

Sag ift bie $eh, in ber bie ChR. gebietet mirb, bag 
©ebicht pafjt gang gu ihr. Eg fteßt bie Sbee eineg 
großen, mcit umfaffenben, mohl organifierten Selptgftaatg 
auf, bie bielteicht idjon burch bie Sätigfeit $hü I-, *>iet* 
leidet erft unter Submig VI. in bem Sanbe ber Eapetinger, in 
Kreifen, bie bem König naheftanben, neue Kraft gemonnen 
hatte. Eg geigt, melche ©efinnung SSafafien unb Herren 
befeelen muh, menn folch ein mächtigeg ©ebilbe, mie bag 
beg Karolingifchen ©taateg, entfielen unb beftehen foß 
— eine ©efinnung, bie in SEBirflichfeit längft öerjchmunben 
mar. Sag ©ebid^t fdjilbert nicht feine 3fit, mie fie mar. 


l ) A. Fliehe, Le rfegne de Philippei. Thfcse. Paris 1912. 
E.Lavisse, Histoire de France II, 2 (par Lnchaire) Paris 1901. 
S. Dlfchti, 2)er ibeale 5Dtittelpunft granfreictyS im SJtittelalter. 
^eibelberg, SGBintet 1913. 


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79 


fonbern mie fie {ein foDte: eg gibt bag ©egenbilb gu ihr, 
ein innerpolitifcheg Programm in bidjterifdjer gorm, 
gemife um bie ffieftrebungen beg Äönigg gu förbero, 
wenngleich eg in ber Setonung ber geubalität nicht im 
©inflang mit ber nüchternen unb praftifchen sßolitif ber 
Ärone fleht. 2Bir erleben ähnlich eg halb barauf in Seutf cplanb. 
Ser „Sönig 9tother" {teilt bag SBerben eineg ibealen Sehn- 1 
ftaatg bar. Seffen Siebter hat bag Seutfche IRei^ im 
©inne, aber auch er faßt & bar, wie er eg {ich münfehte, 
nicht wie eg mar. Unb bag SRibelungenlieb feiert bie 
bie SSajaflentreue alg höchfte Sugenb, gerabe weil fie in ber 
3eit nicht oorhanben mar, unb auch beghalb, biircp ©onber* 
beftrebungen ber gürften, bag 9teid) bem Untergang gutrieb. * 
9Ran fpridjt immer am meiften oon bem, mag man nicht hat. 

Sie Sarfteflung feineg |>elbenibealg hat ber Sichter 
burch Sehanblung eineg ßonfliftg oerftärft, ein öafaßen* 
fonflitt im engeren ©inne mirb nicht behanbelt. Sie 
Seutfche Siteratur hat im SEBalthariug bie Sarftetiung 
eineg folchen. SXber ein SBafaflenfouflift ift in ein anbereg 
Problem hineingearbeitet, bag bem Sichter befonberg am 
bergen lag, uub fo ift in ber ChR. auch frag Sbeal 
ber Safaüität betont. „ 

2Ber bieg ©ebicht aufmerffam unb mit ber fiarte in ber 
$anb lieft, bem mufe ber Umfang unb bie Kntftehung beg 
meicheg $arlg auffaßen, ber Sichter macht barüber 
merfrnürbige Slngaben. * 

Äarl mar nach fr er ChR. guerft $errfcher eineg 
Keinen ©ebietg im nörblicpen granfreich- SSon biefem 
aug brachte er gunächft granfreich in feine ©emalt, big er 
ein grofeeg geubalreich aufgebaut hatte, ©eine rechte 

§ anb bei btefen Kroberunggfämpfen mar SRolanb, bie 
raufen unterfiüfcten ihn. ©o geminnt $arl glanbern, 
9lormanbie, Bretagne, ^ßoitou, -JKaine, Surgunb, $roüence, 
Slquitanien, b. h- etma alle bie großen ^errfchaften, bie 
fid) in granfreich außerhalb beg ©ebietg ber Sapetinger 
aebilbet hatten. Sarüber htnaug erobert ber Äaijer 
Lothringen, ©achfen, Sllemannien, Sapern b. i Seutfchlanb; 
meiter bie Sombarbei, aßeg Sanb oon 9tom, äpulien, 
Kalabrien b. i. gtalien; bann Äonftantinopel, ©chottlanb. 


^rCo - 




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80 


SBaleS, 3rlcntb, ©ngtanb, Ungarn, Bulgarien. 5111c bicfe 
Sänbcr »erben Sefjen SarlS, b. ber Äaifer toirb $err 
ber abenblänbifdjen ©briftentjeit. 35ann »irb genannt 
5lfrifa, unb ber fpanifdje ^elbjug ift nichts als bie frort* 
fefcung biefer ©roberungen ins ©ebiet ber Ungläubigen 
hinein. 5lucb fytx führt fftotanb, er jä^tt f elbftberou&t einmal 
bie ©roberungen auf, bie er bereits in Spanien gemacht t)ut. 

35er fpantfebe frelbjug ift alfo junäcbft ein ©roberungS* 
frieg »ie bie früheren auch. So faffen iljn bie Reiben 
auf. SlancanbrinS fragt ©uenelun: 

%tx grobe $arl ift feltfam, 

Sa$ fud&t er uns nun auf in unfern Warfen? 

5)rauf ©uenelun: 

©o ift einmal fein ©inn, 

SRie toirb ein SRann fein, ber iljm toiberftünbe. 

Unb 3D?arfiIie fagt: 

Orojj Sunber nimmt es mich, 

Sie Starl ber ©rofce gar fo alt unb grau, 

3)ur$ fo Diel £anbe 50 g er als ©rob’rer. 

trafen fo oiel gute, fäarfe ©piefee, 

©0 üiele fterrfdjer tötet' er inf gelb, 

Sann toirb er ruben benn oon feiner Heerfahrt? 

Sn ber Xat, ©roberung, ©Weiterung feines 9teid)eS ift 
ÄarlS ftid, baS religiöfe 9Jloment, ber 95efe^rungSeifer 
tritt baneben, {ebenfalls junädrft, aurücf. ©S Hingt im 
Slnfang nur leidet an unb tönt erft fpäter ftärfer oor, 
ot)ne boefy bas $olitifd)e ju fibertönen. 

Jriebfeber unb Stüfce biefer ©roberungSpotitif ift 
Stolanbj in bem SSermanbten, greunb unb erften SSafaH 
beS SaiferS fdjeint fie gerabe $u oerförpert. Stolanb 
befennt felbft: 

5Rid)t anberS toerb' icb fterben in ber grembe 
$enn al# ber erfte oon ben SRittem allen 
Unb nach bem fremben Sanb baS §aupt getoanbt; 

©0 ftirbt ein $elb als ein ©roberer. 1 ) 


*) $er| 204. 


» 


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81 


SDem etttfpredfjenb ^anbelt er aud). SllS ber Sob naht, 
legt er fid) unter etner $ßinie nieber 

Uttb roenbet nad) bem 5)eibenlanb baS §aupt: 

$a£ tat er bat um, toeil er tritt in SBatjrljeit, 

2 )a6 ftarl mit attem graitfenöolfe fage, 

$er eble ©raf ftarb als ©roherer (conquärant).*) 

Suttner mieber mirb barauf ^ingetuiejen, bafe SRolanb für 
Sari oiele Sauber „erobert" tyabt, man traut if)m ju, bie 
©roberungen noch meiter, felbft in ben Orient tjinein, 
auS$ubehnen, b. h* bie äßelttjerrjdjaft anmftreben. 
©uenelun unb bie |>eiben fehen ihn ganj oon biefer Seite, 
ohne ßroeifel mit wecht, mag jener auch im $aj$ gegen 
ben ©tieffotjn übertreiben ober gar fäljehen. 

®rei ©ebanfen fteefen in biefer SarfteHung beS 
Richters. ©rftenS: ber Sari ber ChR. geminnt burd) 
©roberung allmählich öou -ftorbfranfreich auS bie oolle 
^perrfchaft über bie ehemaligen ©ebiete beS alten meft* 
fränfifchen Sarolingerreid)3, wie eS ber Vertrag oon 
SOteerjen 870 begrenzte unb mie eS mar, na<f)bem 1033 
©urgunb an SDeutfc^tanb gefommen mar; jmeitenS: Sari 
erobert bie Sänber beS chriftlichen StbenblanbeS außerhalb 
3[ranfreichS; brittenS: Sari greift in bie SGBett ber Reiben 
hinüber unb fehieft fid) an, nach & er ©efiegung ÖaliaantS, 
beS Oberhaupts ber öftlidjen unb meftiiehen Reiben) chaft, 
bie SBeltherrfchaft an^utreten. 

SBie fommt ber SDid)ter ju biefer Stnfchauung? StuS 
©inharbS Vita Caroli, bie er offenbar fannte, §at er fie in 
ber 3fann nicht entnehmen fönnen. ®er Sefer erhält aber 
SBinfe. SarlS ©i£ ift Stachen, mie einft in ber ©efdjichte. 
©inmat aber bejeichnet ber §eibe äRargariS baS Schloß 
oon ©t. 3)eniS als ßiet jeine Kämpfe. ®ie ChR. führt 
bamit nadj f^ranfen, an ben ©ifc ber ßapetinger. Unb 
Sari ift jmeihunbert 3nh rc a tt. ®ic 3 a ht tft offenbar 
fpmbolijch, anberS hätte bie ©rfinbung feinen ©inn. 
9ted)net man üon ber 3^it beS 2)ichterS jurücf, bann 
fommt man auf bie 3^it nad| 900, bie $t\t, in ber baS 


») fcerfc ©tr. 174. 

6 





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CALIFORNIA 




82 


®efd)Iedjt ber Sapetinger gefd)icf)tlicf) Ijeroortritt. 91H 
baS mürbe bie Senben^ beS 2)id)terS oerraten, menn 
nid)t fdjon ein 931icf in bie franzöfijdEje @e|'d)id)te baS 
33erftänbniS erfdjlöffe. 

greilid), aud) tjier fdjilbert ber 2)id)ter nid)t, maS 
mar, fonbern maS er münfd)te unb mollte. 2)enn non 
biefer 9Kacf)t unb 2luSbef)nung iljreS non Karl über* 5 
notnmenen SReidfyeS maren bie Eapetinger um 1100 meiter 
als je entfernt. Slber mir mollen uns erinnern, bafj eben 
gerabe bamalS fic^ baS franzöfifdje Königtum, bejonberS 
feit Submig VI., auf feine 9KadüfteHung befann, auf bie 
nod) lebenbigen rubmooHen farolingifcfyen Überlieferungen, 
bie man aud) aus Einfyarb lernte. Unter Sßljilipp I. fe^te ' 
eine folgerecht burdjgefüfjrte EroberungSpolittf ein, bie 
barauf abjielte, ganz granfreid) & er unmittelbaren £err* 
fdjaft ber Sapetinger ju untermerfen. S)ie ©cfjilberung 
ber ChR. get)t meit über bie $iele her fran^öfifdjen 
Könige hinaus, aber fie nerrät bie Slnfprüdje, bie bie 
fräftige ^ßolitif ber Sapetinger mad) merben liefe, fie gibt 
baS aufeenpolitifcfee Programm franzöfifdjer 
Patrioten mieber: baS unter ben Eapetingern geeinte 
granfreicb unb ber fran^öfifdje Imperialismus. 3Jiöglid^, 
baf; bie ©eftalt Karls mit iferer fyelbenmäftigen 2apfer!eit 
unb ifjrem perjönlicfyen ©ictjeinfefcen ein Sob SubmigS VI. 
fein foü, ber felbft ein tapferer Kämpfer mar. 2)er 
Siebter fteHt alfo aucf) mit biefer ©djilberung ber 
Eroberungen Karls feiner $eit ein poIittfcfeeS Sbeal üor 
Slugen. S)ie @efd)id)te bis jur ©egenmart geigt, baf$ 
man it)n oerftanben tyat. 

Slber mir fragen: mie begrünbet ber 2)idjter biefe 
EroberungSpolitif EfjartemagneS ? 333ie beffen „3m* 

perialiSmuS ? ®ag baS frangöfifcfee Königtum bie Über* 
lieferungen ber Karolinger fefttjielt unb mieber*aufnat)m, 
oerftet)t ficfe ofjne meitereS; bafe eS erftarfenb ben leeren 
Slnfpruc^ mit Snljalt gu füllen trachtete, ift natürlic^. 
5lber menn baS aud) politifdje Slotmenbigfeit mar, mie 
brachte ber Siebter feiner 3 e ^ Überzeugung non 
biefer Siotmenbigfeit bei? ©laubenSeifer ftellt er nic^t 
als Iriebfeber in ben S?orbergrunb. ©uenelun fagt 







83 


bielmehr bon Saris SroberungSftreben „ itels est sis 
courages w , baS ift nun einmal jein Streben. Slber ba$ 
hiefje bie faiferliche 5ßolitif aus rein perfönlidjer SBißfür 
ableiten. Sem Siebter, ber an bie Senbung fernes SJater* 
lanbeS unb feines ÄönigSfjaufeS glaubte, liegt folche 
Ableitung fern. @r fucht bie Semeggrünbe biel tiefer, 
unb um fie flar ju machen, behanbelt er fie mieber 
problematisch. @S gefleht in ber ©rjählung bon 
©uenelunS SSerrat. 

©uenelun ^at beS fiaiferS Sdjmefter, StolanbS -JJlutter, 
jur grau. SEtomit ift er Stiefbater SlolanbS. Sie 
Sichtung fefct. nun jmifchen Stiefbater unb Stieffohn 
ein SKiftrauen, eine Spannung, an ber aber Stolanb 
qanj unfchulbig ift. ©uenelun fcheint ju fürchten, 
utolanb molle feine SJtacht unb SSertrauenSftellung bei 
bem faiferlidjen Dh e i m ^ a i u benu^en, ihm ober feinem 
Sohn, ©elb unb ©ut abjunef)men. Slufjerbem ift ©uenelun 
©egner ber ©roberungSpolitif ÄarlS. ßmar ift er ihm 
als SSafaU in Siebe unb Sreue unbebingt ergeben: er ift 
baS SJtufter eines SehnSmannS, er gehorcht bem £errn 
unbebingt, bon untreuer ©efinnung gegen ben Äaifer ift 
feine Siebe. Slber bie fortmährenben Kriege finb ihm 
berhafet, meil fie ihn bon bem järtlicf) geliebten SBeibe, 
überhaupt bon ber Sippe fernhalten, ©uenelun 
fühlt ganj anberS als ber Stiefjo'hn. Sief er benft 
in bem Siebe niemals an feine SSerlobte Silbe, fpricht 
auch nie bon ihr,, bie ihn leibenfchaftlid} liebt: 
menn er ©efühle berrät, fo rieten fie fich nur auf 
ben SBaffenbruber unb ben £errn. Slber ©uenelun 
hat fehr ftarfeS gamiliengefühl, fo ftarf, bafj ßarl 
*u ihm fagt: „6uer #erj ift aßju järtlich". Ser 
dichter arbeitet ben ©egenfafc ber beiben gelben ftarf 
heraus. ~ 

Sie ©roberungSpolitif ÄarlS fieht ©uenelun berförpert 
in Slolanb, ja ihn hült er für ben, ber ben Saifer bauernb 
m immer neuen gelbjügen aufftachelt unb bem biefer 
feinen SBillen tut; menn er tot märe, mürben biefe Äriege 
aufhören. 3® ©uenelun meint, Stolanb hanble gelegentlich 
gegen ben SBUXett feines §erm ©benfo hält er il) n 

6 * 


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IVERSITY ÖF CALIFORNIA 



für ben Sräger ber, tüie itjrn fcfjeint, überfpannten 
imperialiftifd)en ^ßolitif: 

2 )er Äaifer fafc im ©chatten geftern morgen, 

2 )o lom {ein s Jieffe hin, er mar gepanzert, 

SSon einem SHaubjug gegen (Sarcaf jonie; 

ign ^)änben hielt er einen roten 9tpfel. * 

Sßehmt, teurer §err, fagt SRolanb feinem £)^m, 

$Bon allen Äön’gen biet' id) (Such bie ftrone! 

Ser Stpfel ift Sprnbol ber Sßelt, 9tolanb bietet Äarl 
bie SBeltherrfdjaft an. 

35er Stiefoater verurteilt fold) Streben, er nennt ben 
Stiefjohn einen Soren. @r ift ihm zugleich belegen 
feinb: jurn Slrgwohn be3 Stiefoater^ fommt bie Abneigung 
be§ nad) ^rieben oerlangenben ©atten unb 3Jater3. Ser 
©egenjag verftärft ficg. 

Sie geheime Spannung bricht au§ bei 23lancanbrin§ ' 
33otfd)aft. SDiarfilie bietet trügerifch Unterwerfung an, 
SRolanb warnt: idjon oft gat ftch ber feinbliche |)errfcher 
als Verräter gezeigt, fcgon einmal gat er bie g-ranfen 
burd) eine ©efanbtfchaft berüdt unb bann Saris öoten 
oerräterijd) getötet; man foll ablehnen. Stolanb gat 
recht, aber in feiner SRebe brictjt wieber einmal ber 
fampfeSluftige £elb unb ©roherer gerüor: 

gührt fort ben ftrieg, mie einft 3h* ihn begonnen, 

Naä) ©aragoffa führet (Suren Heerbann, 
belagert ihn — unb mär'3 fürs gan^e £eben! — 

Unb rächet jene, bie ber Schuft gemorbet, 

ruft er bem Saifer ju. Seine beutlid^ fühlbare Suft am 
Äampf fcgwöcgt bte berechtigte äßarnung ab. Sie 
granfen fennen ben jungen, ungeftümen gelben unb 
jdpeigen. 9lud) fie wünjchen baS @nbe beS Krieges, 
wagen fid) aber nicht recht mit ber Sprache h^auS. 
Sa macht fich ©uenelun jurn Solmetfcher ihrer ©ebanfen. 
3egt ift and) für ihn bie üKöglichteit ba, bem Kriege, 
ber ihn non ber £eimat unb ben Seinen fernhält, auf 
ehrenhafte SBeife ein ©nbe ju machen. 9tolanb§ 
SBorte leitet er aus felbftifchen 93eweggrünben ab, fo 


85 


rat er, bag Anerbieten -iRarfilieg anjuneljmen, fdfjarf 
gegen ben ©tieffofjn augfaHenb: 

(Sr fpridjt jum ftönig: §öret feinen (Slenben (bricun) 

9tid)t mid), nid)t anb’re, Ijört auf (Suren SSorteit. 

Ser (Sud) ba rät, ben Eintrag ju öermerfen, 

2 )en fümmert toenig, mddjen Sob mir fterben. 

2 )er 9tat beg §od)mutg fott nid)t fjöljer fteigen. 

Saßt oon ben Xoren, feljrt (Such ben Seifen. 

giir il)n ift bie ganje ©adf)e nur eine (Privatangelegenheit. 
£)ent, ttue er meint, bloß petfönlid)en Sntereffe (Rolanbg 
an Srieg unb ©roberung (teilt er (eine unb ber ftranfen 
S33o^I(at)rt gegenüber. ®er alte Staimeg von Samern, 
betannt unb angefeljen megen (einer SBeigheit, aud) 
öon (Rolanbg Seibenfdjaft unb £ärte abgeftofcen, untere 
ftüjjt ©uenelun: 

Soljl ljabt 31)r'g üernontmen, 

Sag ©uenelun, ber ©raf, (Sud) Ijier ermibert. 

©Hft Seigfyeit brin, menn man iljn red)t oerftanben. 

Senn (Such 2ftarfÜie bitten lägt um ©d)onung, 

©o mär' eg ©ünbe, länger iljn ju quälen . . 

5)er große Srieg foU nimmer l)öf)er (teigen. 

®ie gfranfen (timmen ju, audj (ie (inb innerlich beg 
Srieqeg überbrüffig. 

Sari ent(d)eibet gegen SRoIanb, ein ©efanbter foU ju 
SRarfilie, bie SBerljanblungen ju führen, ©cfyliefelidj mirb 
©uenelun baju borgefchlagen unb jtnar auf (Rat 
SRolanbg. 

®iefer I)egt gegen ben Stiefvater burdfjaug feine 
fd&limme ©efinnung, er f)at feinegtvegg bie geheimen 
Abfichten, bie iljm ©uenelun ju(d)reibt, er tyält ben 
SSorge(cf)lagenen in ber $at für ben geeignetften. £at 
er fid) bocf) mit Surpin juerft felbft angeboten, bie 
Sotfc^aft auSjuricfyten Aber nad)bem eg Sari aug* 
brüdlic^ abgelebnt ^at, einen ber (ßairg gu (Riefen, 
(c^eint it)m tatfäcblid^ feiner beffer ju (ein atg ber ©tief= 
bater. ®ie granfen (inb betfelben Anfid^t: 


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86 


2 Bol)l er mag batyiit gefjen, 

ßiefet 3^r ihn jie^n, 3h r fönbet feinen beffem. 

0^nc ju ahnen, fteigert nun 9totanb burch feinen SSor* 
fd^lag bie bop^elt begrünbete Slbneigung beg ©tiefoaterg 
gum $a% ber jefet bet betn leibenfchaftlichen Temperament 
beg ©tanneö Ja!) unb oerjehrenb heroorbricht. Schon 
immer mifctrauifdj, glaubt ©uenelun, fRolanb wolle bie 
gefährliche ,@efanbtfcf)aft, bie wahrfcheinlid) $um Tobe 
führt, baju benutzen, ihn aug ber SBett ju fchaffen, um 
fein ©elüft auf feine Sehen ju beliebigen unb ben ©egner 
feiner ©roberunggpolitif m befeitigen. 

©in Tritteg lomrnt hinju. ©uenelun empfinbet eg 
atg nicht bem £erfommen entfprechenb, baf$ er, ber nahe 
SSerwanbte beg Äaiferg, ein h°chfi e h en ^ cr ® oron ' ben 
Auftrag befommt. ©eine ©tarnten empfinben ebenfo: 
„SRolanb batte nie folche ©ebanfen faffcn follen, weil 
3h** f° hohen ©tammeg feib". 2lud) Thierrp, ber für 
Äarl fämpft, fagt: „£at Stolanb auch on ©uenelun 
gefehlt" unb gibt bamit einen SSerftofc fRolanbg ju; 
auch er hegt bie Slnficht, ber Schwager beg Äaiferg hätte 
nicht oorgefchlagen werben bürfett. Ter hifetge Stolanb 
hat‘fich offenbar übereilt. 

93efonberg empfinblich wirb ©uenelun jefct burch bie 
SBahl getroffen, weil ihm burch SJtarfilieg tingebot bie 
©ehnfucht nach Seenbigung beg Äriegeg, bie ©ehnfucht 
nach SBeib unb ©ohn befonberg lebenbig geworben ift. 
SRotanbg SSorfdjlag, ber jum Tobe führen ntu{$, fchtägt 
all feine 2Bünfc3E)e hört gu Soben. 

©uenelun ift ein tapferer §elb, fein feiger, er ift 
ein treuer unb geborfamer SSafall. Slber jefct geht bem 
leibenfchaftlichen ©ianne einmal bag ©efühl burch. ©r 
gerät öor innerer Sebrängnig (anguissables) au§er fi(^, 
rei^t ben SRantel herunter unb bricht log: 

(Stiefvater bin i(h bir, bag miffen alle. 

S)rum 511 SJtarftlie rätft bu mich ju fetteten. 

©r nimmt ben SSorfchlag lebigtich atg Sntrige beg ©tief« 
oaterg, gegen bie er fich wehren müffe unb bürfe unb 
fagt barum bem anbern frei ing ®eficf)t: 


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87 


3 «h tücrbe bir ein grobes Seib erregen, 

2)ab eS bir bauern foU burdjS ganje geben. 

.Sr fünbigt alfo SRoIanb offen unb an - 

2)ie Anfünbigung nneberholt er: 

i 

9laÖ) 6aragoffa geh’ i<h zu SRarfilie, 

2 )o<h einen fdjlimmen Streif null ich üoUbringen, 

2 )aran ich biefen groben 3 orn ntag fügten. 

3mmer beutlicher wirb ber dichter. Stolanb lacht über 
bie Aufregung beS anbern. Stun Jommt ©uenelun ganz 
oon ©innen: w 3h r habt biefe ungerechtfertigte SBahl 
oerfchulbet, Such liebe ich gar nicht." 5tarl macht bem 
Sieben ein Snbe, ber ®raf erhält ben ©efehl $u gehen. 
Stoch einmal fdjiebt nun ber ©rjürnte bte ganze 
©eranttoortung für biefen Auftrag Stolanb ju unb 
gleichzeitig Olibier, weil biefer StolanbS ©enoffe fei, unb 
aßen ©atrS, toeil fie Stolanb lieben. 2>ann heifet eS: 
„Abfag* id) ihnen, £err, bor Suren Augen' 1 . ©uenelun 
brauet bie feftftehenbe, rechtliche gfaradl ber offenen 
Slbfage bor bem SehnSherrn unb bor ben gfranlen, er 
fagt fich formell unb öffentlich bon feinen SJiitbafaflen loS. 
Sr tut, was herlömmlich unb recht ift, er glaubt bamit 
alle Pflichten eines ehrlichen gelben erfüllt zu haben; er 
fteht nun mit Stolanb unb ben anbern SßairS, wie er 
meint, in offener, ehrlicher Feinbfchaft unb ift boß* 
fommen überzeugt, barauS alle Folgerungen ziehen zu 
bürfen. 

©uenelun nimmt SlolanbS ©orfdjlag als eine 
perfönliche Sntrige, ber Äarl aflzuwiflig fein Dhr leiht. 
Sr fteßt ihr gegenüber bie Stücfficht auf fein eigenes 
©ribatgefühl beS $affeS, er fteßt bie ganze ©ache alfo 
auf ben ©oben einer Sßribatangelegenheit zweier ©afaflen. 
Aber $arl fafjt ben §anbel anberS auf: als F e l°uie 
gegen ben Sehnsherrn, als ©errat an ber Staats* 
gemalt, als |>ochöerrat; er rmft bie Angelegenheit 
aus bem Äreife beS ^ßrioatrechtlichen in bie £>öhe beS 
©taatSrechtlichen, eine Anfdjauung, bie aber ©uenelun 
aus boßer Überzeugung ablehnt: 




, u 


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rrroF California 


r. 





83 


% 


3$ mar im §eere mit bem ftaifer Äarl 
Unb bient' ifjm ftetS in $reue unb in Siebe. 

3ebocf) »iolanb marf Jeinen §aj 3 auf mid) 

Unb riet einft meinen Xob unb meine ©djmerjen. 

3 <f) ?am als SBote zu ÜRarfilie, 

$urd) meine Älugfyeit bin id) Ijeil entfommen, 

3d) Jagte SRolanb meine Xreue auf (jo desfiai) 

Unb Dliöier unb allen ifjten greunben, 

$)aS Ijörte $arl mit allen granfen felbft. 

3 d) rächte mid), bod) fyier ift fein Verrat. 

Slud) fein ©erroanbter unb greunb ©inabel nebft breifeig 
Scannern auS ber (Sippe treten au£ notier Über® 
Zeugung auf feinen ©tanbpunft: fie finb bereit, fid) junt 
©otteSurteil 31 t,.[teilen, ber fidjerfte SetoeiS für bie 
Jfeftigfeit itjrer Überzeugung. 

S)ie fränfifd)eu Sarone fdpoanfen. ©ie fdjeinen 
©uenelunS 9 lnfid)t nidjt red)t ju billigen, aber ftc 
finb aud) nidjt entfliehen gegen if)n. ©or allem oertreibt 
ifynen ber Slnblid beS gewaltigen ©inabel bie Suft, fid) 
.im ®otte£nrteil für $arl unb SRolanb zu fdjlagen. ©ie 
beljanbeln bie ganze 2 lngelegenf)eit 3 temlicf) lafelic^: 

% 

6ie Jagen fid), flug ift'S baüon zu bleiben. 

Safjt ab üom 6treit, unb bitten mir ben $önig, 

2)en ©uenelun für bieSmal frei zu fprecfyen, 

SBeil er if)m bient' in Siebe unb in $reue. 

2ot ift JRolanb, il)r feljt il)n niemals mieber, 

Sftidjt ©olb nod) £abe fann iljn meljr ermedeit. 

2Ber für il)n fämpfte, mär' ein großer $or. 

2 )ie ©ebentung beS ÄonfliftS ift itjnen burdjauS Oer® 
borgen, fie finb Opportunsten. 

Äarl bleibt mit feiner Sluffaffung allein, ©ntriiftet 
ruft er feinen $ranfen S u: „ 3 l)t feit) alle ©erräter“. 
S)a tritt ber f^lanfe, zie*lid)e, fleine 2 t)ierrl) gegen ben 
ftarfen ©inabel für Äarl unb ben toten JRolanb ein; 
er allein, ©ertoanbte als SibeSfjelfer treten nicfjt auf 
feine ©eite, fie fjaben looljl z u ^ürlS Siecht fein 
befonbereS 3 utrauen * un ^ beutlid) fpric^t nun 

2 ;i)ierrt) aus, mie ber f^all zu beurteilen ift: 


1 




i 


89 


§at Siolanb auch an <$uenelun gefehlt, 

Sollt' ifyn boefj (Suer 3)icnft üor Unbill fcbüfceit. 

®tn ©cfyuft ift ©ucnclun, ber iljn öerriet, 

Sliid) gegen @ud) bat et fi<b fd)ttöb' oerfdjtooten. 

♦ 

2). b* trofc ber offenen, mieberbolten förmlichen Sluf* 
fünbtgung ift ©uenelunS lat |)ocböerrat, Verrat an 
SRolanb, Serrat am faiferlidjen £>errn. ®enn fRolanb 
ftanb im Sienfte SarlS, unb ber ®ienft beS $errn rnufc 
ben 2)iener fcbüfcen. ©uenelunS SSerrat mar nicht 
berechtigte SSefriebigung feines £affeS in einem ^ßrioat* 
hanbel mit bem Stiefiobn, fonbern ^od^oerräterifc^e^ 
miberred)tliche SSerlefcung eines föniglicben SSafaflen 
im 2)ienfte, ein Verbrechen gegen bte ©taatSgeroalt. 
Unb bie Vefeitigung StolanbS, beffen SroberungSpolitif 
©uenelunS Sßrioatmünfcbe freuet, ift ein g-reoel am 
Vertreter ber faiferlicben 5ßolitif. S)ie lat ift ein 
©taatSoerbrecben unb oerbient ben lob. ©o $arl, fo 

2)ie Sache liegt alfo folgenbermafjen: berechtigte 
^ßriüatracbe ober fchmähHcher £)ocboerrat? Wohlfahrt 
beS Sinjelnen, b. h- 3?riebe un ^ f äuSlichcS behagen, ober 
höhere Sßotmenbigfeit, b. h- oerluftreiche, blutige Kämpfe 
infolge ber faiferlidjen ©roberungSpolitif unb beS 3nt* 
perialiSmuS. Äarl flogt auf ^ochüerrat: für ihn ift 
alfo jene bolitif erfannte Siotmenbigfeit, mag fie auch 
über baS ©lücf oieler babinfehreiten. ©uenelun, feine 
Sippe, auch bie anbern 5 ran * en benfen anberS. ©ie 
ftetten baS Sßrioatintereffe beS einzelnen bafatten über 
jene ^ßolitif, benn fie halten ©uenelunS 2at für berechtigt, 
ober Derselben fie boeb, meil er bie oorgefebriebene gorm 
inne gehalten bat. ÜJteinung ftebt gegen ÜReinung; 
offenbar taucht im ©ebanfenfreife jener äKenfchen etmaS 
9teueS auf, bem fie ratlos gegenüber ftetten. 2)enn marum 
ift ÄarlS berhalten notmenbig? 

®er dichter antmortet: SKenfchen fönnen baS fernere 
Problem nicht löfen, fyex hilft nur ©ott. Unb ©ott 
entfeheibet im ©otteSurteil für Äarl unb gegen 

©uenelun unb alle anbern. ®. h- hinter ÄarlS unb 




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StofanbS politifcbem §anbeln ftebt ©otteS SEBifle. 3)ie 
franjöfifdje ©roberungSpolitif unb bcr franjöfifcbe 3m* 
perialiSmuS finb gottgemoßt, fie entfpringen nicht, tote 
©uenelun einmal anbeutete, perfönlicber SBififür. Unb 
nun öerfteben mir auch bie ©tefle £erfc, ©tr. 172. Sari 
mirb eines lageS öon ©ott burd) einen ©ngel baS ©cbmert 
2)urenbal überbrac^t mit bem 93efebl beS £erra, es einem 
tapferen giibrer ju febenfen. Sari gürtet eS bem gelben 
Stotanb um. Unb mit biefem ©cbmerte erobert nun Stolanb, 
mie er ficb felbft rühmt, bie Sanbfcbaften granfreicbS, 
3talienS, $eutfcblanbS, ©nglanbS famt 3*lanb, Son* 
ftantinopel, „ba$ SarlS Sehen marb", b. b- er erobert 
baS ganje cbriftlidje Slbenblanb unb übergibt eS ber 
ßebnSmacbt ©barlemagneS. ®er ©ebanfe ift !lar: bureb 
baS ©cbmert erhält Sari öon ©ott ben Auftrag ju 
erobern, ju erobern fcblecbtbiu, um unter feiner Ober* 
berrfebaft ein einheitliches, meiteS Steicb ju grünben, baS 
©otteS fei. 3)aS SJJotiö ber ©laubenSauSbreitung fpielt 
hierbei feine Stoße, benn afle bie Sänber finb ja bereits 
cbriftlicb. ®rü(fen mir bie SJieinung beS franjöfifdjen 
2)icf)terS begrifflich !lar aus, bann bebeutet aß baS: ein 
©taat bon ber SSergangenbeit mie ber ber ©apetinger bat 
nach göttlichem SBiflen baS Stecht, ja bie heilige Pflicht, feine 
SRacbt su gebrauchen unb, mie es febon einem Philipp I. 
unb Submig VI. borfchmebte, bis ju ben biftorifeben alten 
©renjen auSjubebnen. 

Slße ©bnften foßen in einem groben Steiche oereint 
merben, fo miß eS ©ott. Sber im ©otteSgericht befennt 
ficb ©ott auch i ur ®toberung Spaniens, ju ben ©roberungS* 
tämpfen gegen bie Ungläubigen. Sllfo nicht blo& 
bie ©briften, auc ^ bie |>eiben foßen in jenes grob« 
Steich hinein treten, natürlich nachbem fie belehrt 
unb Sßiberftrebenbe totgefchlagen finb. ®ie ganje SBelt 
ein cbriftlicheS Steich; mobl ein Steich ©otteS, aber nicht 
ein geiftigeS ober geiftlicheS, fonbern ein Steid) unter ber 
Siegierung beS SaiferS ©b ar l em ogne, beS ^errn beS 
„ffi$en ^ranlreicbS", b. h- beS franjöfifchen SönigS, als 
feines StechtSnachfolgerS. ©in Programm üon unerhörter 
Sübnbeit, baS Programm beS franjöfifchen 3ntperialiSmuS, 


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91 


unb baS ju einer $eit, wo ba£ franjöfifche Königtum 
faurn irgenb tueld^e ©tad)t befag. 

Siefe religiös begrünbete Sbee ber franjöfifchen SBelt* 
herrfdjaft gibt nun auch ba§ SerftänbniS für bie Sebeutung 
beS Steligiöfen in ber ChR. überhaupt. 

Sie ChR. ift ihrem eigentlichen ©ehalt nach weltlich, 
ba£ Sieligiöfe ober gar kirchliche fteht tro£ aller Reiben* 
fämpfe unb ^eibenbefehrung nicht im Sorbergrunb. 
immerhin, eS ift ba: WaS erfährt man barüber? Sßie 
fteht ber Sichter ba$u? 

Sie religiösen Sorftellungen ber Sichtung finb fetjr 
einfach unb naio. ©ott, ber alle Singe, baS ©olb wie 
bie Säber oon 2la<f)en gefd)affen hat, waltet über ben 
©tenfchen unb ihrem Sun, inSbefonbere über bem kriege. 
@r fdjüfct feine gelben, gibt ihnen ©tut, behütet fie oor 
©djanbe unb jagt ihre geinbe in bie glicht. 3m ©otteS* 
urteil bringt er baS Stecht an ben Sag, er hat alles, waS 
gefchieht, eingerichtet unb öorauSbeftimmt, er leitet ben 
©ang ber ©reigniffe. Sarum !ann er auch in oorauS* 
beutenben Sräumen feinen Sieblingen bie ßufunft offene 
baren. 2lber ©ott ift mächtig, barum ift er nicht unbebingt 
an feine SorauSbeftimmung gebunben; er tut auch äBunber, 
bie ben gewöhnlichen Sauf ber Singe unterbrechen: auf 
Sitten karlS lägt er bie ©onne ftiH ftehen, bamit bie 
©chlacht ooHenbet werben fann. Surd) feine ©ngel 
oerfehrt er unmittelbar mit feinem Siebling kart; bem 
©läubigen, ber ihm recht gebient, ber t>or bem Sobe 
gebeichtet unb Slbfolution empfangen hat, öffnet er ben 
Fimmel: gleich nach bem Sobe lägt er feine ©eele 
heimholen, gür ©hrifti Sßerfon unb SBerf ift fein 
SerftänbniS: ©ott ift freilich ber ©ohn ber ^eiligen 
Sungfrau, bie auch einmal angerufen wirb, aber ©hriftuS 
wirb nur formelhaft erwähnt. Sie grömmigfeit ber 
Steden ift tf)eo$entrifch. 

©d)licht ift auch Serljältniä be§ gelben ju 
©ott. Ser .fjelb ift ©ott burch bie Saufe als feinem 
§errn oerpflidjtet. Sft er fromm, fo übt er feine fird}lid)en 
Pflichten pünftlich aus. 6r hört ©tette unb ©teffe, er 












92 


% 



feiert bie fircfylidjen gefte, er betet banfeub ober preifenb 
ju ©ott imb befreugipt fic£> Dor bem Äarnpf. 93or bem 
£obe beichtet er unb läßt fief) abfoloiereu, fpenbet $löftern 
©efcfyenfe unb ftirbt bann in ber begrünbeten ßuoerfic^t, 
baß feine Seele frei non Sünbe gen Fimmel fahre. 
@in djriftlkheS 93egräbni3 muß ben £eib in ber Erbe 
bergen, loenn möglich nahe einem ÜRünfter ober in ber 
Äirdje, in gemeinter ®rbe, bie oor bem Seufel fiebert. 
^Reliquien ftärfen ba§ Vertrauen, ber @ib auf fie f)at 
befonbere Äraft. ©otte§ Schu£ im fieben, ba3 |)eil ber 
Seele nad) bem 2obe — ba£ finb bie beiben 3)inge, auf 
bie e3 ben gelben allein anfommt unb bie fie burd) 
legale^ Verhalten gn erroerben trachten. 

S5or allem aber muß ber ßhrift an bem mähren ©ott 
feftl)alten, er muß „glauben". 2)er ßhtiftenglaube ift 
beffer al3 ber t)eibnifcpe. 933er ben ©lauben hot, b. t). 
mer anertennt unb befennt, ma§ bie ®ird)e lehrt, ber ift 
eben be3t)olb fcboit mehr mert al£ ber .Jpeibe, ber ben 
rechten ©lauben nicht hot. ©b r tft hot twfft bie 
Reiben hoben unrecht, ba§ 933ort feßrt oft mieber. 
@3 ift ein äußerliche^, autoritativ ©b r i^ en ^ um / ber 
©lanbe ift gleicbfam eine Pflicht unb eine frembe Sache, 
moran man oertrag3ntäßig fefthält. 

S)er Sbjrift fteb)t, eben meil er ßhnft ift ohne meitere£ 
über bem Reiben. 2)em entfpredjenb mirb ber §eibe 
eingefchäpt. 

®er £eibe hot unrecht, meit er £>eibe ift. 6r ift, 
eben al§ peibe, übermütig, ein Schuft, Verräter, Sügner, 
fjreffer, |)unb, ein ßinb be3 2eufel3. 933eil er £eibe ift, 
belaftet ihn Schulb, feine Seele oerfäßt nach bem Sobe 
ohne meitere§ ben jeufeln. ®arum erzählt bie ChR. 
oiel üble^ t)on ben Ungläubigen. Unter ihnen ift Siglorel, 
ein tauberer, ber in ber |)ölle mar; bie 93erben finb 
ein 3?olf, ba§ ©ott nicht liebt, bie Don Saliba finb ein 
2$olf, baö niemals ®ute§ miß, bie Äananöer finb garftig. 
So mirb Don Sänbern unb Sölfern ber Reiben 
gern Schlimme^ berichtet: in ÜRunigre mohnen Teufel; 
ein 9Solf ift fchmarg, hot große SRafen unb lange Ohren, 
ein anbere£ bide Söpfe unb auf bem SRücfeu 33orften mic 


93 


Schweine ufw. Surj, eg ift eben ein ÜRangel unb eine 
©d)anbe, $eibe $u fein, nicht ben richtigen ©lauben ju 
haben. ©elbft ber treffliche $eibe — baß eg folche 
gibt, leugnet ber Dichter nicht — felbft ber reicht an 
ben einfachen ©hriften nicht heran: „®ott meid) ein 
SRitter, wär* er nur ein ©hrift" heißt cg öfterg, 
unb einem Reiben fchulbet man Weber grieben noch 
Siebe. 

«uch ©ott liebt ben Reiben nicht, weil, er ben 
falfchen ©lauben h a t; 3Rahum unb 3lpoQ anbetet, @r 
gibt ihnen barum Seib, ben ©hriften aber ©ieg. SEBenn 
fich jeboch bie Reiben belehren, bann finb fie fofort wahre 
©hriften, bann wirb ihr SEBert gleich ein anbrer, auch 
vor ©ott. Darum ift eg ein oerbienftlicheg SEBerf, Reiben 
bem ©hriftenglauben ju geminnen: man Derfcfjafft ihnen 

baburch bie ©eligfeit. Die ^Belehrung ift einfach, eg 
genügt bie laufe, bie rein äußerliche Aufnahme iu bie 
Äirche. ©ie verliert nicht an SBert unb firaft, wenn fie 
ZWanggweife gefehlt: bag ©aframent wirft alg folcheg 
magifch. 9tach ber (Eroberung non ©aragoffa werben 
bie Reiben jur Daufe getrieben. SBer wiberfpricht, wirb 
gehängt, üerbrannt, erfragen. Die ©etauften aber, eg 
finb oiel mehr alg $unberttaufenb, finb nun „wahre 
©haften". $loß bei ber Königin Sramimunbe, bie 
freilich in ihrem ^etbnifc^en ©lauben fchon burch bie 
©reigniffe erschüttert ift, macht man eine Slugnahme: 
fie fott „burch Siebe" belehrt werben, ©ie wirb ©hrtftin 
aug Überzeugung. 

SEBer im Äampf gegen bie ©arajenen fällt, erwirbt 
©ott gegenüber ein Serbienft: er wirb SWärtprer unb 
erhält bag *ßarabieg alg Sohn. 

©g ift bie einfache, hanbfefte, autoritative ^römmig* 
feit von Äriegem ohne feinere Silbung, bie ftch in ber 
ChR. augfpri^t. @g ift ben gelben fd^werer ©rnft mit 
ihrem ©lauben unb ihrem ©ottegbienft; ihr ©hriftentum 
hält, ftärft unb tröftet fte in Slot unb Dob, ihr Sefehrungg*' 
eifer ift ehrlich unb fteigert fich gelegentlich zum 
ganatigmug. Slber wenn wir bebenfen, baß um 1100 
bie Steform fchon jweihunbert Sahre gftanfreich bewegte, 


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bafc toir um 1100 bereits in ber SBlüte ber Sdjolaftif 
unb 2Rpftif fteben, bafc auch bie Saienfreife öon ber 
neuen grömmigfett ergriffen mären, mufj uns biefe 
ftrömmigfeit ölten ©tileS in ber ChR. bocb tounbern. 
@3 ift noch ganj bie grömmigfeit ber ©eijtlichen unb 
Jb^ologen aus ber $eit ber erften Sarolinger, ber Sftänner 
mie fflonifa^, Sllcuin, SRaban. 33on ber Seränberung ber 
alten grömmigfeit burch bie Reformer ift nichts ju finben: 
nichts oon bem peinigenben ©ünbengefühl, nichts oon ber 
meltflüchtigen Stimmung. ©3 fehlt aud) ber ©ebanfe oont 
©egenfafc unb Santpf beS ©otteSreichS gegen ben Jeufel. 
©ott befämpft burd} bie ^raufen bie falfdjen ©ötter, 
ben fallen ©lauben — baS ift ber ^muptgebanfe. 
S)ie Seelen ber Reiben oerfallen mohl, eben meil fte 
Reiben finb, bem Jeufel, aber ber Jidjter fpannt ben 
Sampf ber Sljriften unb ©arajenen nicht in ben Stammen 
ber Slnfchauung ein, bie Sluguftin barbot, ben ©egenfafc 
ber civitas dei unb diaboli. 

Unb bann: eS fehlt ber ChR. jebeS firchlidje, 
^ierarc^ifc^e Sntereffe. J)ie Sämpfe SarlS in Spanien 
finb ©roberungSfämpfe, bie ber ©rmeiterung feines SReichS 
bienen; oon ^ßapft unb Snd)e hört man babei fein 2Bort, 
faum bafc Ißapft unb ©eiftlidjfeit überhaupt ermähnt 
toerben. Slber bafür bidjtet ber SSerfaffer J)inge, bie auf 
eine gerabeju feinbliche ©tellung gegen bie ^terard^ifc^en . 
Seftrebungen ber ßeit beuten. 3n jmei ©eftalten brücft 
fid) bieS flar auS: Jurpin unb Sari. 

Jurpin, ber ©rjbifchof oon SfteimS, toirb atlerbingS 
in ber ChR. gefeiert als ein Sßropfjet, toie feit ber $eit 
ber Slpoftel ferner aufgetreten fei, geeignet ben 33unb $u 
galten unb 9Kenfcf)en ftu befe^ren. ©r f)at manche fdEjöne 
^rebigt gegen bie ^eibenfcfyaft gehalten. 3n ben lebten 
Sümpfen fegnet er bie getöteten $air3 unb abfoloiert 
bie granfen öor bem Sampf, inbem er ihnen zugleich 
als fünftigen ÜKärtprern baS 5ParabieS in ^iuSficbt fteßt 
unb ihnen als 93uf;e für ihre ©ünben ben Sampf auf** 
erlegt. Slber Oon ber fpefulatioen Sraft berer, bie fich 
in SluguftinS X^eologic oertieften ober begrifflich benfenb 
bie Sirc^enlehre oerftänblich machen toollten, unb oon ber 


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©eltflucht ber $eit finbet fich in ber (Seele biefe« Kirchen* 
fürften nichts, ©eine foömmigfeit ift bie ber anbern 
aud}, alten Stile«. Safür ift ber ©rjbifchof ein ftarfer, 
ftreitbarer £elb, ohne gurcht, ein hochgefchäfcter Kämpfer, 
ganj teie SRotanb unb Diimer. „SRie fang fold) 
ein Sonfierter je bie äReffe, ber mit bem £etb folcjh 
£elbenteerf oollbracht." Sud) innerlich ift Surpin meit 
mehr £>elb als ©ifchof: ber fiat fe SJtann, ber fRitter 
hat bie fßflicht füt^n ju ftreiten, „im Kampfe foö er 
milb nnb tapfer fein, fonft ift er maljrlid) nicht t)ier 
geller teert/ nur ber ©chteadje gehört nt« Klofter: 
„SRönch foti er teerben bann, in einem Klofter für 
unfre ©ünben beten lag unb -Macht." Sa« finb 8ln* 
fidjten, bie burd)au« nicht ber teeltflüchtigen grömmigfeit 
ber ^Reformer entfprechen. 

%xä) Surpin« ffierhältni« ju Karl teäre nicht nadj 
bem ©mne ber Anhänger ber fachlichen SReformbeteegung. 
Surpin gehört ju ben Sßair«, bie bem Kaifer perfönlich 
nahe fielen, teie einft bie germanischen ®efolg«leute, 
er ift auch 33afaH be« KaiSer«. 3m Krieg unb SRat 
fteht er al« Solcher Seinen SDtann, er oerfünbigt begeiftert 
bie Pflicht be« öafallen: „gür un{ern König jiemt un« 
teohl ju fterben.“ Kur$, ber ©r$bifchof fteht unb lebt 
in ber ©eit ber geubalität, er hanbelt unb benft teie 
ein teeltlicher 83aron. 

Ser Sichter, ber biefe © eftalt fdjuf, fyattt babei 
natürlich feine Slbficht, er nimmt mit ihr ©teUung 
jur 5Ref ormbeteeguna, infonberbeit ju ben a«!etiSd)* 
hierarchischen ©ebanfen, jur Sßolitif ©regor« VII. unb 
Seiner Rachfabren. @« ift ber ©egenbrud be« Jriegerifchen 
©eltmann« unb be« ©taatspoliiifer« gegen bie Reformer. 
Ser Sinter fteht beutlich auf ber ©eite be« franjöfifd)en 
Königtum«, ©efdjichtliche ffierhältniffe Spiegeln fich in 
ber Sichtung. Ser ©r^bifchof non fReim« tear ber 
mächtigfte Sifchof in bem ©ebiet ber ßapetinger, er 
tear zugleich ber höchfte Kirchenfürft granfreich«. ©eine 
©tetlung tear in ben Kämpfen ber ^Reformer mit bem 
Königtum befonber« gefährbet, in ben ©treitigfeiten 
©xegor« VII. mit I. fpielt er eine SRolIe. S« 


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ift befannt, baft biefer franjöftfche ^errfcher, unterftüfct 
bon einem Seile beS ©piffopatS, ben gorberungen ber 
$urie SBiberjtanb leiftete unb fogar — aflerbmgS megen 
eines unerfreulichen @b^cinbel§ — um bie SBenbe beS 
11./12. Saqvhunbertö längere $dt unter bem Sanne lebte. 
Subroig VI. t)ielt im mefentUchen bie Stb^ängigfeit ber 
Sifdjöfe bon ber firone aufrecht, menn er auch ber $urie 
in ber gorm 3 u 9 c f^ n ^ n iff e machte: er berichtete ohne 
folch grofjen Äampf roie in Seutfchlanb auf ben fteubaleib 
ber Sifchöfe unb auf bie Selepnung mit bem geift* 
liehen 8lmt. 3 ur 3 e ü ShÜtypS I. unb ber {Regentschaft 
SubroigS VI., jur 3 e tt ul« ber Äönig im Sanne lag, 
zeichnet ber franjöfijche Sichter bie ©eftalt feines Surpiit, 
eben ben SppuS eines SJeubalbifchofS alten ©tileS mit 
faft antimönchifcher ©efinnung. @r fchilbert ih n mit 
SBohlgefaßen, Surpin ift für ihn baS Sbeal eines &irdjen* 
fürften: ber Sichter ftebt eben nicht auf ber ©eite ber 
{Reformer, ber ©regorianer. 

Unb bie ©eftalt ©harlemagneS? Sluch fie ift für 
ben aufmerffanten Sefer auffäßig genug. Sie Äreujjüge 
gegen bie Slraber in Spanien unb bie ©arajenen im 
SJiorgenlanbe mürben bor aßem bon ber $irdje betrieben: 
bort mar eS baS Älofter £lunp, hier bie Äurie, bie 
eingriff; man benfe an Urban H. in ©fermont. ®S 
faßt fehr auf, baft bon ben firchlidjen SRächten in ber 
ChR. feine {Rebe ift. SaS ©chmeigen ift berebt. Safür 
erjählt baS ©ebid^t, SJarl i\abt baS Sanb bon {Rom, 
aufeerbem ßombarbei unb ©übitalien burch ©roberung 
in feine ©eroalt gebracht, b. h- er höbe ben {ßapft fiep 
untergeorbnet unb feinen ©ip politifch eingelreift. Ser 
Sichter fpricht abfichtlich berhüflt. Slber man bebenfe, 
maS eme foldje SBenbung um 1100 bebeutete! Sen 
^ohenftaufen foflte eine ähnliche {ßolitif berberblich 
merben. 

Unb meiter: $arl fteht fein Seben hinburch unmitteb* 
bar mit ©ott in Serbinbung, er aßein bon ben dürften, 
©ott fd)icft ihm baS ©chmert Surenbai, er gibt ihm 
borbebeutenbe Sräume, er lägt ihn burd) ben ©ngel 
©abriel bemachen unb fegnen, im fiampfe fehlen unb 


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97 

ftärfen; burcf) einen ©ngel lägt er ihn am ©chlu§ ju 
neuem Sarnpfe aufforbern. Sari ift beutlidE) ber befonbere 
Vertraute unb $iener ©otteS, fein SBerfyeug, baS baS 
©otteSreich auf ©rben einrichtet, auSbreitet unb befjertfdjen 
fofl, bor allen anbern 9Jtenfd)en einzigartig begnabet. 

9iodh mehr: Sari fegnet mit ber Rechten bie fHitter 
bon Poitou unb Slubergne, als fie ftdj zur ©dEjlacht 
bereiten, er entfenbet ©uenelun zu SRarfilie in S^rifti 
unb feinem eigenen SRarnen, nacfjbem er ihn felbft ab«* 
foloiert unb befreuzigt ^at. Sari trägt hier ohne 3u?eifel 
gerabezu priefterlid^e 3üge. ®amit ftimmt gut über*» 
ein, baf$ ber Sajfer fdjön unb lange beten tann, mie 
ein Sßriefter. ®er ^errfdEjer ber ^ranzofen erfc^eint 
beutlich als ein prtefterlidher Söntg nadE) Slrt beS 
SDtelchifebef. 

2)er ©djufcljeitige ber gfranfen ift nicht ©t. SKartin 
ober ®ionpfiuS, fonbern ©t. $eter: ihn unb ©ott ruft 
Sari an, als er in ben Sampf geht. 3)er ©df)ar ber 
fränlifdEjen Varone, bei ber ber Saifer färnpft, trägt 
©ottfrieb bon SInjou bie Driflamme boran. ©ie gehörte 
einft bem £1. $etruS unb Ijiefj bie römifdE)e. Sllfo unter 
bem 3eicf)en ©t. VeterS, als fein, befonberer $iener, zieh* 
ber £err ber $ranzofen in bie ©d£)Iad^t gegen bie 
Ungläubigen, unb in biefem Sampf übergibt ©ott ben 
granten, bie Sari führt, fein 9iichteramt (juise). 2)tan 
benft bei aHebem unmißfürlidE) an ben fßapft, bon bem 
baS ©ebidht faft bößig, offenbar abfidjtlid), fdjmeigt. 

Raffen mir aßeS z u fummen: beS $ranfenherrfdE)erS 
unmittelbarer Verfehr mit ©ott, feine fpmbolifdfj aus* 
aebrücfte Veziehung zu VetruS, ber Vefi£ bon 3tom unb 
Italien, feine priefterlidje ©eftalt unb gunltion, feine 
2el)n£f)errfd}aft über ben ©piffopat, ba3 ©d^meigen bom 
$apft — er toirb nur einmal ganz tut Vorbeigehen 
ermähnt — Sari als Seiter ber fmbenfämpfe unb 
görberer, ja Vegrünber, bann §errf(^er beS Sleid^eS 
©otteS auf @rben, aß baS läfet ben ^errfdher ber 
gfranzofen als politifdieS, melttich=geiftlidheS ©egenbilb 
ZU bem Sbeat erscheinen, baS ©regor VII. bom ^5apfttum 
hatte. 2)enn biefem gemaltigen SJlanne fcfjmebte baS 

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98 


33ilb beS 5ßapfteS bor, als beS geiftlidf)*weltlichen ^errjcherS 
ber ©hriftenheit, ja ber ganzen Sßelt, bem alle dürften ber 
©hriftenheit unb überhaupt ber ©rbe als SSafaUeit hulbigen 
faßten, bem bie 33ifd)öfe unmittelbar unterstellt finb, als 
beS $errn beS ®otteSreich3 auf ©rben. 

SaS ©ebicht unterftreid^t biefen ©ebanfen baburd), 
bafj eS Sari als beutlidtjeS beibnifd^eS ©egenftüdE ben 
Slbmiral 33aligant ! ) gegenüberfteHt. Ser ift in ber Sßelt 
ber Ungläubigen baSfelbe, waS Sari in ber ©hriftenheit 
ift: weltliches unb geiftlidjeS Oberhaupt in einer Sßerfan. 
@r ^crrfc^t in Sabpton, ber $auptftabt beS ^eibenlanbeS. 
Uralt unb grau, eine fambolijche ©eftalt, wie Sari, 
ftammenb aus ber Reit Römers unb SirgilS, ift er in 
feinem ©tauben ein weifer 2Rann.' ®r führt bie ^ah ne 
SKahumS unb SerbagantS, ein Reichen, bafj er in ihrem 
Sienfte fteht. Rugteich ift er Lehnsherr SRarfüieS unb 
aller h^bnifdhen Sänber, wie Sari ein tapferer £etb. 
Ser Sampf mit bem Saifer ift fambolifd}: bie chrifttiche 
unb heibnifche ßJtacht treffen in ben ^Jerjonen ihrer 
tneltlich^geiftlichen Häupter jufamtnen. SaligantS 9?ieber* 
läge erfdjüttert fdjneU ben ©lauben ber Reiben an bie 
•äKadjt ihrer ©ötter, baS ©hriftentum triumphiert, ihm 
gebührt bie Sßeltf)errfchaft, bem fReid^e ©otteS auf ©rben 
fügen fich bie hetbnifchen Sänber ein — beherrfdjt aber 
wirb eS bon Sari, bem priefterlichen Sönig beS füfjen 
SJranfreichS, ju beffenSroberungSpoliti! unbRmperialiSmuS 
fid^ ©ott bon Anfang an befannt, ja bie er gewollt hot. 

Sie Slbfidjt unb Slnficht ber Sichtung ift flar: ber 
franjöfifche |>errfcher ftatt beS SßopfteS weltliches unb 
geiftlidjeS Oberhaupt ber ©rbe, Senfer beS ©otteSreichS 
auf ©rben, bieS gebadfjt als burdh ©roberung begrünbeter 
unb wohtorganifierter geubalftaat. ©in Programm, für 
bie Reit um 1100 oon gewaltiger Sühnheit, aber ein 
SJeweiS für ben Politiken SBiflen unb bie politifche 


0 $)iefe 93aligantepifobe ift ber ChR. Dort einem anbem 
S)ic^ter, aber mit üottem SerftänbniS für ben ©eljalt beS Oriainatö 
jugefe^t. ©ie bemeift, mie ftarf bamalS fd)on in gemiffen feeifen 
ber imperialiftifche ©ebanfe mar. 


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99 


Sraft, bic fdfjon bamatö in bent Keinen Sanbe ber ©apetinger 
befdE)loffen lag. 2)a8 Programm ift bauernb, wenn aucty 
mit Seränberungen, verfolgt worben: eS ift ber tieffte 
fiern ber franjöfif^en ^olitif auch in ber ©egenwart, 
granfreicb Ijat feinen 2)idjter oerftanben: nic^t umfonft 
ift bie Chß. bort burdj ©autierS Sluggabe ©cbulbud) 
geworben. 

n. Das Bolandslied des Pfaffen Konrad. 1 ) 

®ie franjöfifd&e Chß. ift ein tyelbenmäßigeg unb 
poIitifd^eS ©ebidf)t, national burdj unb burd), ganj ein» 
gefteüt auf ben ©ebanfen' an bie ©röße beg eigenen 
Saterlanbg unb bie weltweite Slugbeljnung feiner 9Jcad)t. 
@g ift djriftlidj, unb ber altdE)riftlicf)e ©eoanfe oon bem 
9leidf)e ©otteg, ben Sluguftin oertieft unb fpelulatio aug» 
geweitet bot, ift in feinen ©eljalt eingegangen, aber fo, 
baß bag Nationale unb £>elbifcf)e burdjaug oorßerrfdjt. 
®ie Chß. bebeutet wirflief) eine tttücffebr ju ben Sbealen 
Sarfö beg ©roßen, fie fteljt im ©egenfafc jut ttteform» 
bewegung: bag Ähnliche fefytt i^r. 

©tma in b # en Sauren 1131—32 bearbeitete ber ®eutfc^e 
Pfaffe Äonrab bag frangöfifc^e ©ebidEjt. ©r lebte am 
$ofe ^einrid&g beg ©toljen oon Samern, in beffen §aupt» 
ftabt tttegengburg. Äonrab benufcte eine Raffung beg 
Driginalg, bie ber Dyforber nidf)t in aßen ©in^elleiten 
gleicht, eine Raffung, bie oielleidjt fdf)on jüngerem ©efd&macf 
©influß oerftattet tjat: bag ftärfere £>erOortreten mobern 
t)öfifdE)er ßüge im SRoIanbglieb mag fdfjon auf bie Duette 
äurücfget)en. Slber auch ot)ne bieg Ijat ber 35eutfdE)e ben 
©eßalt beg Urgebidfjtg oottfommen oeränbert, babureb 
oerbunfelt, ja jerftört. @r f)at einen gang anbern ©eift 
in ben Stoff gebracht, ©runb ift: Sonrab fteljt ftar! 
unter bem ©influß ber ttleformbewegung. @r intereffiert 
fidj nidEjt für bag $elbifd£)e unb *ßolitifcße feiner SSorlage, 


’) Sluögabe oon 93artfd), $)ag 9tolanbgUeb. 2)eutfd)e 
?)icf)tungen beg SftUtelalterg 93b. 3, Seipjig, 93roc!f|aug 1874. 
Überfettung üon 5t. (£. Ottmann, iag föotanbglieb beg Pfaffen 
Äonrab, Seidig, 5teclam 1890. 

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100 


all baS fd^iebt er beifeite; aber ba£ SReligiöfe brängt 
er in ben Borbergrunb unb fdjafft bamit ein $enfmal 
ber religiöfen ©rregung feiner ßeit: fünfge^n 3fal)re nach 
feinem äöerf beginnt ber jtoeite Äceu^jug. 

®ie gelben ber ChR. finb toadfere Streiter, beren 
Seben Äampf unb SRegierungStätigfeii ausfüllen, ihre 
^Religion befteljt im einfachen. Vertrauen auf ®ott. 
6f)riftuS unb fein ©rlöfungStoerf, bie 333irffamfeit beS 
HL ©eifteS ^aben für fie in 333irflicf)feit feine Bebeutung 
baS kirchliche tritt nicht fef)r fyernor. Bünftliclje Beob¬ 
achtung ber fird}tid)en Pflichten fiebert ©otteS ©nabe unb 
Hilfe hier unb bort, aber ber ©cfjroerpunft be£ 2>afein3 liegt 
im SieSfeitS. 2)er Siebter backte ebenfo. 333ar er 
©eiftlicher, toorauf feine gelehrte Bilbuna unb kenntniS 
hintoeift, bann backte er toie Xurpin. — konrab aber ift 
©eiftlicher mit burchauS t^eologifd^cm Sntereffe: auch 
QfpiftuS & er ®^öjer, ber $1. @eift finb für ifjn iebenljjge 
Borftellungen. 2)a3 kirchliche tritt feljr ftarf h e ^ or - 
Bifchöfe unb ^Sriefter toerben in feinem ©ebicfyt gebührenb 
berücffichtigt, Bifchof SohamteS, ein rein religiöfer, gar 
nicht belbenmäfjiger SppuS, toirb eingefügt, auf baS 
Sdjlüffelamt beS $apfte£ toirb angefpielt. Bor allem 
aber fteht ber 2)eutfdje ganj unter bem altdjriftlidjen 
©ebanfen ber Söettfluc^t, ben bie SReformbetoegung juerft 
bem kleruS, bann ben Saien toieber ins Betoufjtfein 
gebraut ^atte. ®iefe£ Seben ift ein Nichts im Bergleich 
^um Seben nach bem $obe, man muft e$ fliehen unb 
ba£ jenfeitige fuchen — baS ift ber ©runbton, auf ben 
konrabS ©ebidjt geftimmt ift. 

2)enn erft oer job bringt bie grudEft beS ÜRenf^en- 
lebenS. 2)urch ihn gelangt bie Seele toieber in ihre 
urfprüngtiche ^eimat, ins SßarabieS; mer ftirbt, h«t g^nbe 
im §immel, benn bort toirb er ©ott feinen |>errn fehen. 
3)er 3tne(f beS SDienfchenbafeinS liegt alfo im SenfeitS. 
®ie Arbeit beS SebenS bient nur baju, ©otteS ^>ulb, 
baS Himmelreich, baS B ara ^ e ^ i u ettoerben. 333er babei 
für ©ott ftirbt, gelangt in ben ©h° r & er SWärtdrer. 
9tolanb fucht in bem fpanifchett ffelbjug nur feine 
Seligfeit; auch Surpin. Um biefen toahren 3^^ 


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101 


be3 JafeinS ju erreichen, foH ber SJtenfch ©ott ju Siebe 
feiner ©ippe unb allem meltlichen 93efi$ entfagen, alle 
meltlichen Sorgen aufgeben, fein Seben opfern unbShrifti 
3od), b. i. Stot, Jrübfal unb Job auf fid) neunten, 
©o Ijanbelt Siolanb, fo auch Jurpin. jer oerlieb, fo 
heifjt e§ oon ihm, äße greube ber SBelt, ©efip unb 
SBermanbtfcpaft unb gab julefct fein Seben l)in. J)enn 
bie ©eele ift bie §errin, ber Seib bie SJtägb. 

J)iefem perfönlichen, ganj unpolitifdjen @eficht£pun!t 
unterfteßt Sonrab aud) ben $ampf. Job auf bem 
©djlachtfelb ift ber ©ingang in§ mafjre Seben. jarum 
find Staime^ gelben gern* bereit fterben; Stolanb 
unb bie *ßair§ moflen ihre ©eele bem ©rlöfer mieber* 
geben, ja fie bitten ©ott um ben Job, bamit ihre ©eele 
in ben Rummel fomme. fi’arlS üRannen ftreben nach 
bem Job, t)in ju bem Jljron, ben ihnen ©ott im emigen 
Seben al§ SKärtprer geben foß. J)ie jrnölf $air§ ftnb 
djriftgläubig unb auSermählt, fie magen ifjr Seben um 
ber ©eele mißen unb münfdjen nichts fe^nlidjer, al£ 
ju fterben unb burdf) ben SJtärtprertob ben Fimmel ju ; 
erlangen. Stotanb ruft begeiftert: „9lch, märe id) erft 
bei ©ott! ©ott ift um meinetmißen gemartert morben, 
barum bin ich-bereit, um ber ©eele mißen ju fterben." 
J)eSl)alb ift Äampf unb ßrieg für bie gelben nichts 
fchredlidpeS, im ©egenteit, fie freuen fiel) auf bie Schlacht 
mie auf ein ©elage, mie auf ein geft; in brüderlicher ©in** 
trac^t eilen fie bem Jobe entgegen. ftür Jurpin ift ber 
JobeStag ein fjreubentag. J>er Sifajof 3ohanne£, eine 
©eftalt, bie Äonrab felbftänbig in fein ©ebicht eingefügt 
hat, ein alter ÜJZann mit grauen Soden unb lahm, 
möchte afö 2Riffion§prebiger nach Sllmarie gehen, um 
ben SRärtprertob unter ben Reiben ju erleiben. Seiben* 
fchaftlidje ©ehnfucht nach bem Sutärtprertobe erfüßt 
überhaupt bie gelben Äonrab§. t 

J)ur^ ©ebet bereiten fidj bie Steden auf ben Job 
oor. ©ie bitten nicht um ipr Seben; unb bie hintmlifche 
©char freut fich, bafe jo oiele heilige SJtärtprer ihrem 
©chöpfer nadhfolgen, bab fo oiele, mie einft bie un* 
fchulbigen Äinblein, fterben merben. J)er ^>1. ©eift aber 


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102 


fcfjenft beit. SRittern bic Äraft jutn Sterben unb fd^ü^t 
tlbrc Seele oor ©ünbe. Unb bic gelben fallen alg 
SKärtbrcr. $Run finb fie rein, wie bie unfdjnlbigen 
Äinbtein, bie £erobeg töten lieg, weiger atg ©cgnee; 
fie finb ing ©ueg begßebeng eingefdjrieben, ifyre ©eeten 
geljen ju ®ott. ©or iljm finb fie Qfürfpredjer ber 
ßgriften, SRatgeber ©otteg; it)re ©ebeine aber finb Zeitig. 
®ag ift ber ©egen beg ßreujjugg gegen bie Ungläubigen. 

2)i!rdfj niete SBunber befennt ftdfj ©ott bei iljren 
Sebjeiten $u it)nen. ©eine Sraft bewirft, bag juerft 
nur wenige ßljriften, aber niete Reiben falten. ®r lägt 
— wie fdjon in ber ChR. — bie ©onne ftittfte^en, 
bamit ber ®ampf bauern fann, er füt)tt öftere ben 
egrifttid^en Kämpfern bie £ifce. 2IIg Dtinier ftirbt, geljt 
ein ©tanj non if)tn aug, bei SRolanbg Xob bebt bie 
@rbe, bet ber Stnbatfamierung ber Seiten gefcfjefyen 
Seiten. Äurj, wir ftegen im ©ebanfenfreig unb ber 
Stimmung ber ÜRärtijrertegenben mit igrer ©iebetjige 
retigiöfer ©egeifterung unb äobegfreubigfeit. ®g tjerrfct)t 
im SRotanbgliebe eine ganj anbere Stimmung atg in ber 
ChR., in ber bag Seben alg fotcfyeg noef) feinen Sßert 
unb feine Slufgabe tyat, wo man wot)t an ben §immet 
benft unb fieg für it)n norbereitet, wo man aber weit 
entfernt ift, bem lobe freiwillig unb begeiftert entgegen*' 
juftreben. SKärt^rerftimmung fet)tt im fran^öfifegen 
©ebidjt burdE)aug. 

®iefe wettftüd^tige, martyriumgfetige Stimmung unb 
Sebenganfdjauung jerfe|t nun bei ®onrab ben ©ef)att 
beg Originale öoltfommen; bie ©ebanfen beg granjofen 
• ftegen etgenttid^ nur noct) atg ftofftidEje Sftefte ba, fie 
wirfen faft frembartig in bem neuen 5Raf)men. ßerfe^t 
Werben junädfjft bie ©ebanfen ber ChR. über ^etbenart 
unb ^etbenpftic^t. 

Slud^ im fjtotanbSüebe ift 9iotanb ein gewaltiger 
SRedEe, bem niemanb gteid^fommt; aud^ ba fc^tägt er 
. 9Mann unb $ferb burdE), ja fogar mit Überfteigerung 
ber ©ortage, big in bie @rbe tfinein, aueg ba tötet er 
SJtaffen oon ßeiben in furjer ßett. Stber ffionrab betont 
boeg bie rettgiöfen 3ü9 c fo, bag fic^ bag ©ilb beg 


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103 


\ 


leibenfchaftüchen, felbftfidjeren , nicht feiten mafjlofen 
jungen ÄrieaerS unb ©robererS merfiich oeränbert. Ser* 
gleichen paßte offenbar nicht red^t jum ©anjen beS 
d)riftlichen SRitterS unb ßRärtprerS. 33or bem Äampf 
befennt SRolanb anaefichtS ber ©enoffen laut feine ©ünben 
unb äußert ©ehnfucht nach bem Sobe, bie Seele ju 
retten. Stolanb marnt, ßRarfilieS Anerbieten anjune^men.. 
Sn ber ChR. öermutet er, mit SRedfjt, SSerrat unb Oer* 
langt $ortfe£ung beS SriegeS — unb toär’S fürs ganje 
Seben! 93ei Äonrab I)at er oor allem Sorge um baS 
^riftentum. @r fürchtet, SRarfilie toolle bie ©Triften 
nur burcf) ©olb jum Abjug oerleiten, um bann überall 
baS 93ilb SRadfjmetS auf Juristen, jum Schaben beS 
djriftlichen ©laubenS; bann mären alle bereits jum 99eften 
ber ^Religion erlangten Vorteile bahin. ®r fügt Ijingu, 
©olb brauche er nicht. AIS er ben S e ^i u 9 ungetreten, 
habe er fein Seben geopfert; er Ijoffe, bab (Sott bie 
Seele in ben ©imntel neunten merbe. SaS ©eiftlidje 
oerbedEt baS ©elbifche. 

Ser oernünftige, mafcooHe dinier toirb bei Äonrab 

einem billigen, mit bem 2Borte oorfchneHen gelben, 
mie SRolano einer ift; ber @egenfa£ ber beiben ©enoffen 
faßt eigentlich meg. ®S fehlt im SftolanbSliebe, bafe 
dioier allmählich SBaffenbruber SRolanbS unb an Säten 
ihm gleich mtrb: bie ©ntmidEtung biefer ?ßerfönlid^feit 
hat ber Seutfche Sichter nicht bemerft, fie hätte ja auch 
für feinen geifttichen ß^edE feine SSebeutung gehabt. 

Auch SurpinS ©elbengeftalt, in ber bie ChR. baS 
©eiftliche ftar! jurüdEtreten läßt, mirb im Sinne ber 
©runbanfchauung oeränbert. ©emifj ift Sürpin auch 
bei Äonrab Sßair, ein getoaltiger Kämpfer, ein fühner 
SRedEe, ber immer im bidEften ©emühl oiele ©eiben tötet. 
Slber baS ©eiftlidhe übermiegt im fRolanoSliebe hoch 
bebeutenb. Ser Sifdhof — nur einmal SS. 6400 f)d$t 
er ©rjbifdhof — ift oor allem ber göttlid^e Sehr er, ber 
heilige Sröfter ber Seelen, ben fein ©err, mo es geht, 
öon politifchen Angelegenheiten frei macht. 9tur baburdh 
rechtfertigt fich baS ßriegerifche biefer ©eftalt, bafe 
Surpin feine ©elbenfraft ganj in ben Sienft ©otteS, in 


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104 


beit ®ienft beS SReligiöfen [teilt: bie greube, bie ber 
franjöftfdje Srjbifcbof am §elbenmefen ^at, fehlt bem 
®eutfcben. ®iefer oerläfct ade greube ber 38elt, fein 
Erbe, feine ©ippe — nicht um bem SebnSberrn ju folgen 
unb für if)n ju fterben, fonbern um als (Streiter ßbrifti, 
als ®ienftmann ©otteS feine ^ßflic^t ju tun, Reiben ju 
belehren unb baburcb jeine ©eele ju retten. ®enn 9^ot 
unb ®ob ift 9iad)fptge ß^rifti, unb bie gibt ®etoäbr ber 
©eligfeit, ber ©emeinfcbaft ber Engel: mit Segeifterung 
gebt ber Sifcbof in ben SRärtprertob. ®ann aber führen 
ihn bie Engel in ben Ebor ber äRärtprer, unb @ott 
empfängt ityn mit ben SBorten: Procede et regna. 
®aS 9teicb biefeS Sircbenfürften liegt im Simmel. 

Slarl ift fdjon in ber ChR. fetyr geiftlicb gebalten. 
3frömmigfeit, ®laubenSeifer, frommes Seten toerben ihm 
nad)gerübmt. Äonrab fcbiebt biefe ®inge in ben Sorber* 
grunb unb färbt bte b>elbif(^e Sßerfönlicbfeit beS SaiferS 
ganj um. Äarl ift auch bei ibm ber ebelfte SKann, 
ein tapferer, furd)tlofer S^Ib, ber felbft feine ©djaren für 
ben Sampf orbnet unb felbft mit fämpft. Sr toeif 3 ficb 
ju beherrschen, ^5rt jurüdhaltenb erft, maS bie anbera 
jagen, liebt auch nicht, toenn bie gelben leibenfchaftlich 
unb in SBorten jäh finb. Slber ber geiftlicbe Seftanbteil 
ift bocb im Verhältnis jur ChR. ungemein gefteigert. 
Sei $onrab fpricht ber Äaifer t>on EhriftuS, bem 
Erlöfer . oon ©ünben, oom £1. ©eift <*18 bem rechten 
Serater, er braucht geiftlic|e lateinifche SBenbungen. 
Er trautet nicht nach ©olb, er oerachtet bie Sügner, 
baftt bie SRiebriggefinnten, liebt Seftänbigfeit, eble gudjt, 
®emut, ©eborfam, er fd^ont bie h^ibnifchen ©efanbten, 
toeil fie, toie einft ©briftuS, S fl I men in ber Sanb 
tragen: Äonrab betont baS Ethifcbe in ber £errjcber* 
geftalt. Äarl b^t ein febr ftarfeS ®efübl feiner ©ünbe, 
befonberS an einer trägt er fehler unb betet immer 
nachts um Sergebung bafür: alles Unglücf ift nur 
©träfe feiner SJtiffetaten; beS ÄaiferS ©ünbengefübt toirb 
berüorgeboben. @r entläßt bie Soten mit frommen 
©egenStoünfdben unb betet oft unb innig ju ®ott. @r 
ftebt in bauernbem Serfebr mit ®ott, meit mehr als 


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105 


bic anbcm Selben. 2Rit SftedEjt: aud& ©ott t)at ein 
befonberg nabeg SSerljältnig gu iljm. 2)enn fd)on im 
SRutterleib ift Sari oon ©ott gurn fönest ermäfylt. 
SRiemanb !ann iljm f^aben, benn ©ott felbft ift immer 
mit iljm unb gibt if)tn Sraft, ©erftanb unb (Starte. 
Sßenn Sari gu ©ott betet, ift et unbefiegbar. ©ott Ijilft 
ißtn oom Ijimmel burd) Sßunber. 3n oorbebeutenben 
träumen geigt er iljm, mag gefdjeljen mirb, oft fc^ictt 
er feinen ©nael gu it)tn. ®arum Reifet Sari mtt 9ted)t 
„Ijeiliget Saifer", „gefegneter Saifer". 

2Ug er non bem Unglauben ber Reiben in Spanien 
Ijört, ift fein |jauptgebanfe, bie Reiben gu befetjren, um 
fie bem jeufel gu entgief)en. @r bittet ©ott barurn, 
baß eg i^m gelingen möge, unb ©ott erhört fein ©ebet 
9tun faßt ber Saifer ben ©ntfdjluß, bie ^eibenfcfjaft 
gu belehren unb bag ©fyriftentum auggubreiten; er ift 
©otteg Dienftmann unb füljlt fidE) bagu oerpflid)tet, 
©ott Ijat ja ben gelben barurn ein fdtjöneg ßeben 

gegeben, baß fie bdfür ben fdjulbigen ®ienft leiften, 

Unb ber ©ebanfe ber |>eibenbefet)rung bleibt für if)n 
ber midjtigfte: in Spanien fieljt er mit 3 orn / toie bie 

t eiben fic| burd) ©ebet gu iljren Abgöttern für bie 
dE)lad)t rüften. ©enelun gürnt er, meil er bie ©Triften 
betraten Ijat, er miH lieber fterben alg erleben, baß 

ÜRarfilie über bie ©Triften fiege, unb bie 33otfd)aft beg 
Sönigg freut iljn, meil er baraug entnimmt, baß bie 
Reiben bereitg ©ott erlernten unb lieben mollen. 2)arum 
ift aud£) ber mefentlidje Snljalt feiner Sotfdjaft nadj 

Saragoffa, ber Sönig foHe fidf) fofort belehren, anbern* 
faHg merbe er auf einem ©fei nacf) Stadien gebracht unb 
bort getötet. SBag bie ChR. alg eine ßüge ©uenelung 
ergäljlt, nimmt Sonrab für ©rnft, meil eg gum 
©runbton feiner S)arftellung paßt. 3n Spanien' belehrt 
Sari biele §eiben, — ober tötet fie. 2Kit folgern ©ott 
mo^lgefäHigen 2un fotgt er gugleidfj für fein Seelenbeil: 
benn mer für ©ott Jämpft, mirb felig. 2lud) Sari 
mürbe gern um ©otteg mißen fterben. 

$em geiftlicßen ®id^ter fe^tt natürlich aud^ bag 
Sntereffe für bie Probleme ber ^elbenet^i!. Stffo 


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106 


gerftört Sionrab burch Einfügung rein religiöser 23emeg* 
grünbc auch ben ursprünglichen Sinn beS Streites 
gmifchen SRolanb unb Dlioier über baS 93tafen beS 
£>orneS. 

3n ber ChR. Sorgt fid) Dlioier megen ber Über* 
macht ber Reiben unb forbert ben ©enoffen auf, fein 
$orn gu blafen, bamit ber Äaifer gurüdfeljre; benn 
gegen Übermacht |>ilfe gu holen, ift ihm fein Sabel. 
Srnmer mieber ermahnt er Stolanb bagu, religiöfe 
©ebanfen fehlen gang. Slber fionrab gieht bie gange, 
OerhältniSmäftig lange unb erregte Erörterung in ein 
trodeneS 3 tt, i e 9 e ^ r ^ c h ^ufammen unb oerfehrt beren 
Sinn auf ©runb feinet £auptgeban!enS gang: Dlioier 
lobt ©ott bafür, bafj eS gum Sampf mtt ben Reiben 
forntne, benn bie grojge SÖJenge ber Reiben fd^abe ben 
©h r iften nicht, ©ott toerbe oom §immel halfen. Slber 
DlioierS Stanbljaftigfeit bauert nicht, halb forbert er 
SRolanb auf, baS §orn gu blafen, bamit Äarl gu |>ilfe 
!omme, höfifd) mahnt er ben ©enoffen babei an leine 
Sdjmefter Silbe, um berentmiüen möge er hoch feine 
Scannen fronen! Slber SRolanb ift ber gläubige ©hrift. 
Er oertraut auf ©ott: ®aS fei ©ott überlaffen. ®ie 
Reiben finb oon ©ott felbft oerurteilt, ©ott mirb fie 
alfo oernidhten. Slufjerbem ift ber ®ob im Stampf, ber 
SRärtprertob ben Ehriften h e ^f am * „^Sollte ©ott, bafc 
ich mürbig märe, ben tarnen eines SRärtprerS gu oer* 
bienen, ©lüdlich ber, ben ©ott beS SobeS in feinem 
®ienfte mürbigt." 0für Sonrab h a t in biefem Auftritt 
nicht Dlioier, fonbern Stolanb 9ted)t. ®iefer mirb als 
ber gläubigere über jenen, ben 3Ban!enben, erhoben. 
SRur leife Hingt ber urfprünglid)e Sinn ber Stelle in 
ber gmeiten Segrünbung bur^, bie Sftolanb für feine 
SBeigerung gibt: „SBegen biefer faulen Slfer oon Reiben 
blafe i(^ nid^t, fie fönnten glauben, ich fürchtete mich öor 
ihnen". Dlioier miberfpricf)t nicht. Unb an ber gmeiten 
Stelle, bie bie SReinungSoerfchiebenheit gu ©nbe bringt, 
Oerfdjminbet bann bie gange lange, mistige Erörterung 
über bie Pflicht ber Ehre unb oernünftigeS ^elbentum. 
Sind) bie gmeite Stelle mirb in ein mageres ßtoiegefpräch gu* 



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107 


famnten gezogen, bag nun mieber nidpt gumSeginn beg gangen 
©efpräcpeg pafjt, benn pier erfcpeint, mie in ber ChR. Dtfoier 
ntö ber Überlegene. Surpin aber fc^netbet ben SBortmedpfel 
ber gelben eqt geiftlicp mit ben SBorten ab: „Sorgt 
für Sure arme Seele, baf* fie Sftupe befomme". Sie ChR. 
pat aucf) pier nidjtg ©eiftticfjeg, fie bleibt gang im 
£elbifcpen. 

Ser frangöftfcpe Sinter fdEjilbert an Karl unb feinen 
93afallen ein ibealeg fieljngoerfjältnig, er ftellt einen 
ibealen £epngftaat alg innerpolitifd^e§ Programm bar. 
Sen Seutfcpen intereffiert bag ^olitifcpe nicpt. SRatürlidfj 
gibt auch im Sftolanbglieb bie SSafaHUät ben ^intergrunb 
per, aucf) bei Konrab fefen mir, Karlg gelben mollen 
efjer fterben alg ipren £>ernt neriaffen. Ser Kaifer fe|t 
aern fein Seben für feine SOiannen aufg Spiel, er miH 
feine Seute nicpt opne Slot untergepen laffen, er beflagt 
innig ben SSerluft ber Sßairg unb pilft Slaimeg perfönlicp 
im Kampf. Stber eg mangelt im Slolanbglieb burcfjauä 
bag Streben, biefen fiepngftaat atg oorbilblicf) fjin* 
gufteCten; benn Konrabg gelben finb in erfter flinie 
Sienftmannen ©otteg, nicpt beg Kaiferg. Ser öater* 
länbifcpe ©eficptgpunft feplt gang: ber Segeifterung beg 
ftrangofen für bag „füfje gfranfreicfj" entfpricfjt nicfjtg 
bei bem Seutfcpen: ber fümmert fiep nur um bag SReidj 
©otteg. ©g ift äufcerft begeicpnenb für Konrab, ben 
Pfaffen, baf$ er bie begeifterten SBorte beg ©rgbifdpofg 
Surpin unb beg ©rafen Slolanb , l ) beg oornepmften geift* 
lidtjen unb beg beften meltlidfjen SJafatten Eparlemagneg, 
ftreicpt. 2tm §ofe beg mächtigen Sapernpergogg £einricpg 
beg Stolgen mar fein Sinn für ibeale Sreue beg 
93afaUen gegenüber bem Kaifer öorpanben, unb ein 
StugbrudE mie „bag füfee Seutfcplanb“ mar bort unerhört, 
ja nieHeidpt gang unüerftänblicp Ser Unterfdfjieb 
in ber Stidptung ber politifdfjen Kräfte g ron ^ 
reidpg unb Seutfdjlanbg tritt ^ier fjanbgreifli^, ja 
fragifdp gu Sage. Samit pängt eg mopl audp gu* 
fammen, bafe im Stolanbglieb bie SSafallen felbftänbiger 


J ) ©ie^e oben ©. 76. 



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■ ■ * ’CÄtl’FOFfrflA 


. .! 

■b 


108 


finb als in ber ChR.: megen 9RarfilieS 93otfc^aft 
galten fic eine befonbere 9tatSöerfammlung ohne 
ben Saifer ab unb laffen ihm bann i^rext ©prudfj 
burch einen ®eiftlichen, ben Sifdjof 3of)anneS, mit 
teilen. 

Sllfo auch ber ©taatSgebanfe, ber in ber ChR. im 
Sftittetpunft fteht, mirb von Äonrab jerfe|t. 

®ie ChR. brachte neben bem innerpolitifdf)en 
auch ein aufienpolitifdEjeS Programm, baS Programm 
ber Eroberung granfreichS, ber Ehriftenheit, ja ber 
ganzen Sßelt. Eharlemagne unb feine gelben fämpfen 
im ©inne biefer Sbee, bie trofc allem 33ef ehrungseifer 
junächft eine politifdje ift. S)ie fränfifefjen Herren 
füllen fief) in erfter Sinie als SJtannen beS ÄaiferS unb 
Reifen ilpn, it>re eigenen ÜSBünfche hwtanfe|enb, feine 
politifchen 5ßläne au^ufü^ren — ©uenelun ausgenommen. 
Stuch biefe politifche Sbee fehlt im 3ftolanbSlieb. 
93egreifficE>, benn ber ®eutfcf)e tjatte feinen ©rmtb, ben 
franjöfifdjen Äönig ^u verherrlichen. Slber fionrab hat 
eS and) unterlaffen, ben ©ebanfen beS ^ranjofen finn* 
gemäfe auf baS 3)eutfd)e SReidf) unb fernen Äaifer $u 
übertragen. 933ieber fel)r begreiflich, benn am £>ofe 
beS SBapernherjogS Heinrichs beS ©tollen badete man 
anberS als ber Sichter ber ChR. SBie man badete, 
oerrät ber SSorauer Stle^anber, über ben noch i u 
fpredjen ift. 

3Darum nimmt ber SDeutfd^e dichter ben politifchen 
SBeftanbteil aus ber ©eftalt beS £errfdt)erS ber Qfranfen 
heraus; fein $arl ift eine faft rein geifttidje gfigur. 
Ohne Bmeifel benft er babei an ben ®eutfchen Statfer. 
®arl ift jmar alt unb grau, aber bie fpmbolifche 3 a ^ 
Bmeifjunbert fehlt. Er beherrfdjt baS $eutfcf)e Gleich als 
Äönig von 9lom; SRorn unb ßateran finb ihm unter* 
morfen, alle Äöntge ber SBelt müffen ihnt untertan fein, 
ber Äaifer fteht über alten christlichen fiönigen — eS 
finb bie 2KadE)tanfprüche beS SeütfdEjen S’aiferS. ®ie 
Slngaben ber Quelle, bie ©t. ®eniS, $ariS unb Stachen 
als 9tefibengen nennen, ftetjen unvermittelt baneben. Stber 
gerühmt mirb von $arl nur, bafe er ber freigebigfte 



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109 


S err bcr Seit fei, freunblich gegen bie SRiebrigen, 
djüfcer ber Sitwen unb Saifen, ein geredeter fRic^ter — 
oon politijchen planen nichts. Sohl bringt auch bei 
Sonrab ber ©ngel ©abriel bent Saifer ba? ©chwert 
®urenbarte non ©ott, aber nicht etwa, um ju erobern, 
nein — um Sitwen unb Saifen ju fdh innen! 3)er fo 
mistige 6roberung?gebanfe ift geftridjen. Unb al? 
Slancanbrij fragt, warum Sari feine gelben nicht 
heim jiehen laffe, fagt ©enelun: „Seil ©ott ihm bie 
Sreu^fahrt geboten hat, weil ©ott biefen Stieg Oon ihm 
oerlangt." 2)iefelbe Slntwort gibt ©enelun bem SRarfilie 
auf eine ähnliche $rage. Sei Sonrab fehlt aud) bie 
Senn$eidjnung SRolanb? al? ©roherer, wenigften? in ber 
©terbefeene. S)ie Sbee, Sari l)abe oon ©ott bie Aufgabe 
befomnten, fein Saterlanb ju einigen unb fid) bie Seit 
ju unterwerfen, oon biefer Sbee ift bei bem 2)eutfcfjen 
nicht? mehr geblieben: feine geiftliche ©efinnung unb jein 
^ufantmenhang mit bem batjerifdjen ©tamme§f)erjogtum 
finb ber ©runb. 

$em geiftlidf)en unb unpolitischen 2Renfd£)en [teilte 
fid) auch ba? Problem oon ©enelun? Serrat ganj anber? 
bar al? bem granjofen. 3n ber ChR. ift e? ein ftaat?* 
politische^: Sa? geht oor? ®ie Sohlfahrt be? ©injelnen 
unb bie SßflidEjt gegen bie ©type, ober bie Sßolitil be? 
Saifer? b. h- bie Pflicht gegen ben ©taat? ©ott 
entfdjeibet [ich für bie lefctere. Slber bem Pfaffen bebeutet 
jener Sonflilt nichts: auch jene ©rjä^Iung jerjefct er 
burcf) feine geiftliche 2)enfart. 

Sonrab oerftärft junäd^t bie ©ehnfud)t ©enelun? 
nach feiner Familie, bie ©orge um fein Geben, fein 
Siberftreben gegen bie Sotfdjaft an 2Rarfilie: er fe£t 
baburd) ben Serräter gleich oon üornherein herab, ohne 
Serftänbni? bafür, ba^ bie ChR. in ©uenelun nicht 
etwa einen ängftlidjen unb weidf)licben 9Renfdjen jeidhnen 
will: ©uenelun? J5en!art b a * \ a SReinung ber 
granfen burc^au? etwa?. für fief). Seim Serrat felbft 
aber fietjt Sonrab bie eigentliche ©chulb be? ©rafen 
barin, bafe er burch feine Untreue ©h r ^ en f SRenfchen 
be? wahren ©tauben?, an bie Reiben, bie Sinber be? 


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110 


SEeufetS öerfauft fjat, jo mie SubaS ©ßriftum an bie 
Suben. $ie ©ünbe miber bie Sf)riftentjeit ift bie 
eigentlid^e ©d)utb beS Verräters. ®er Seutfdfje Siebter 
füfyrt bie parallele mit SubaS eigene ein, nm feine 
Slbfidfjt redjt beuttidjj ju machen. S)er Urfprung biefer 
©ünbe aber liegt in ber böfen SRatur ®enetunS unb in 
bem fdjtimmen 9tat be£ XeufelS — bie ©adje mirb audfj 
in ben 33emeggrünben gan$ geifttid) aufgefaßt, ber ebte 
SSafaö ©uenetun mirb junt fdjtedEjten 2RenfdE)en. ®arum 
jagt ®art in ber ©eridjtSöerljanbtung: „SßaS 
bebürfen mir weiterer Erörterung? ©enetun ßat offen 
befannt, baß er bie (Stiften in bie ©ematt ber Reiben 
-gegeben ßat." S)ie SSermanbten beS Verräters geben 
bie ©cßutb otjne meitereS ju: „©eljr groß ift feine 
©djutb", fie bitten nur, ©nabe oor fRedfjt geljen ju 
laffen, meil nun einmal ba$ Ungtütf gefdEjet)en fei 
unb bie Soten nidfjt mieber fornmen, meil ©enetun boeß 
ber ©atte öon ßartS ©djmefter unb oon oorneljmem 
©taube märe. Äart teßnt ab: „2)ie ßfyriftentjeit muß 
an bem Verräter geragt merben." ®a£ Problem ift 
ganj toerfeßoben 

©ine 5ftecf)tSfrage, ein ftaatSpotitifdfjer ßonftift, ber 
über ben SJerftanb ber 9Renfd&en ginge, braudf)t atfo bei 
Sonrab niefjt mefjr entfliehen ju merben, bie ©adfje liegt 
ja für bie Parteien ooHfommen !lar. iroßbem erjäfytt 
auct) baS 9totanbStieb ben ßmeifampf, ber überhaupt nur 
©inn £)at, menn ein Problem bloß burcf> ©ott JU löfen märe. 
@r ftef)t bat)er ftörenb in bem ©djtußteit beS ©ebid£)tS, 
nur äußerlich mirb er mit bem ^pauptgebanfen uerbunben: 
Sirricß befdpitbigt ©enetun, er tjabe für ©olb £>odfyoerrat 
geübt unb außerbem — biefer ©ebanfe fteljt t)ier natürlich 
an jmeiter ©teile — bie ßßriftentjeit in§ Serberben 
geftürjt. ®a§ teuere, für fionrab bie §auptfad^e, mirb 
aber oon niemanb geleugnet: Jirrid^ bemeift in ber %at 
nur baS erftere — unb ba§ intereffiert fionrab mieber 
nießt. 2)a§ ©otte^urteit ^at im 9tolanb£lieb feinen ©inn 
oertoren. 

$ie ChR. ßat ein großes d^riftticßeS 3teicß uor 9tugen f 
in baS aud^ bie Reiben na(| itjrer Se!et|rung aufgenommen 



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werben fallen; beljerrfdjen fall e8 ©^nrlemagne, ber $err 
beS fügen SranlreicbS. @8 ift gebaut at8 ein @otte$« 
reicg auf (frben, boc| mit weltlicher <Spi|e. Srinnert 
man fid^ ber Slnfprücbe ber großen ißäpfte wte SRicolauS1, 
ober ®regot VIT., an beren 3bee eme8 (brifttidjen ÜBelt» 
teidjS unter ber Seitung be8 SRacbfolgerS 23ctri, fo ift 
flar, bafj bie ChR. im ©egenfa| ju folgen fjorberungen 
ftet>t. Äber Sonrab ^at auch ber 3bee be8 cbriftlicben 
SBeltreichS bie politifdje ©pi|e abgebrochen: nirgenbS 
legt er feinem Saifer Sari foldje Slbficbten in ben Sinn, 
Wie ‘ber granjofe feinem ß^arlemagne. ®od) er ift auch 
nicht ©regorianer. SRirgenbS fpricbt er tion ber ÜBelt» 
fjerrfc^aft be8 ißapfteS, nirgenbS oon feiner $errfcbaft 
über weltliche dürften. Sonrab Oertritt ben fircf)ltcben 
3mperiali8mu8 nicht. ffür fan ift ber ißapft —» 
ba8 jeigt er burd) ba8 SBilb auf ©ottfriebS gal)ne 
beutlicb an — lebiglidj ber 3nt)aber ber geiftlidfjen 
©ewalt, ber bie Seelen binbet unb löft. Saifer unb 
ißapft fielen ihm nebeneinanber, jener als fpert im 
SBeltlidjen, biefer im ©eiftlicgen. SRirgenbS gat im 
SRolanbSlieb bie Surie eine potitifcbe SRoße, nirgenbS ruft 
fie jum Sreujjug auf ober greift ein. 2)a8 ift immerhin 
auffällig, wenn man an ba8 Auftreten Urbans II. in 
ißiacenja unb Gtermont benft. 

Sari will im SRolanbSlieb nichts anbereS als ben 
cbriftlicben ©lauben ausbreiten unb ©ott bienen; ba8 
SReicb, bas er anftrebt, ift wefentlid) ein ibeateS, geiftlidjeS, 
®em Sßerfaffer ber ChR. l)ätte e8 im Sinflang mit 
©ebanlen ber $eit wobt nabe gelegen, ben Sampf ber (Sgrifterr 
unb Reiben als ben Sampf ©otteS gegen ben Jeufet 
aufjufaffen, fan in ben großen gefc^i^tsp^ilofopfafc^en 
ßufammen^ang ber Seljre oon ben civitas dei einju* 
rüden. 3)er ffranjofe tut ba8 aber nid)t. 3n ber ChR. 
banbeit es fid) nur um ben altfübifcb altteftamentlidjen 
©ebanlen beS @egenfa|e§ jwifcben wahrem ©ott unb 
> falfcben ©öttern, wahrem unb falfchem ©lauben, nidht 
um ben fpätjübifcb neuteftamentlidhen oom ©otteSreidj 
unb fReich beS JeufelS. Sonrab bagegen' führt gerabe 
ben le|teren in fein ®ebid)t ein. @r fafa ben Streit 


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112 


ber g-ran!en unb ©arajenen ate einen irbifcfjen Jeil beg 
Sampfeg jmifdjen (Sott unb Jeufel, alg einen 2l!t in 
bem großen SBeltbrama, bag Sluguftin in feinem befannten 
SBerJe bargefteüt ^at: aud) hierin jeigt er ftc^ beeinflußt 
oon ben ©ebanfen ber fRefortnbemegung. Smrner unb 
immer mieber meift bag Stolanbglieb burd) ©rmäßnung 
beg Jeufete unb ©otteg mit feinen ©ngeln auf biefe 
©runbanfchauung Ijin. 

J)ie ©djulb ber Reiben ift bei fionrab, baß fie 
Slbgötter anbeten. Slber barin offenbart fid) nur ber 
Jrug beg Jeufete: 93redjmunba ift oon ißm Tange 
betrogen, fo baß fie falfche ©ötter oerehrt. Jie ganje 
£>eibenfdjaft ftet)t un itf ber ©ematt beg Jeufete, bte 

S eiben finb Äinber beg Jeufete, oon ©eburt an jur 
öHe beftimmt. ©ie finb Jiener beg Jeufete, ber ©djtoarm 
beg Jeufelg, mie bie Eßriften bag Sngefinbe ©otteg. 
Jag ganje Geben mirb bef)errfd)t t>om ©atan. Sn ben 
©öfcenbilbern ber fieiben mohnen Jeufel unb fpredjen 
Bügen aug i^nen geraug, in ihren 33ett)äufern häufen 
foldje unb oerleiten ju allen ©chänblidjJetten, ju 9laub 
unb Sranb; fie geben oerberblidjen SRat. Jer Jeufel 
Jommt felbft mit feinem |>eere jurn Sarnpf ber Reiben, 
um bie Sänften iijreg ^eiligen ©laubeng ju berauben. 
Seim Äatnpf um Jortofa ftnb bie Jeufel jugecjen unb 
nehmen bie ©eelen ber gefallenen Reiben mit ftdj, bag 
£jeer fiefjt fie am SBerfe. Unb mie in ber ChR., 
paffen fie auf bie ©eelen ber ©efaHenen auf, um fie jur 
$ölle ju füßren unb brennenbem $ed) ju überantmorten 
— etloag, bag Äonrab oft ermähnt, ©o fleht hinter 
allem Jun unb Baffen ber ^eibenfchaft bie Jeufetemadjt 
Slud) ©enelung Serrat ift ihr SBerJ. Sn feinem &erjen 
mohnt ber ©atan, er h^t einen böfen ©eift bei fich, fein 
Serrat bringt bem Jeufel oiele ©eelen ein, benn oiele 
Reiben müffen infolgebeffen iht Beben taffen, ©enelun 
mirb SKittel, bur<h bag ber ©atan fein Gleich ermeitert 
— unter biefem ©efidjtgpunft ficht ber Jeutfche ben 
^ochüerräter beg $ttmjofen. 

SBie auf ©eite ber fieiben ber Jeufel eigentlicher 
Beiter unb Stnftifter ift, mie bie Reiben in feinem Jienfte 


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113 


ftefjen, fo ftebt auf ber anbem ©eite ©ott, in feinem 

2) ienfte bie granfen. ßart *ft ber ©ottegfneebt non 
SKutterleibe an, ©otteg 2)ienftmann; unb mie ®arl, fo 
auch feine gelben. Sie motten ihrem ©d)öpfer bienen 
^alg fein ^eiliges Sngefinbe, jum $ing für bag feböne 
*ßeben, mag er ihnen gegeben bat- ©ott ift eg, ber non 
$arl ben fjetb^ng gegen bie Reiben unmittelbar netlangt: 
biefer befommt ben 33efet)t nom |>errn, bie Reiben $u belehren, 
©eine gelben helfen ihm gern bei biefem SBerfe. Slud) 
SRotanb gebt auf ©otteg Sefet)t mit, er fämpft für 
©bnftug, für ben regten ©tauben. 3m ffampf ftebt 
©ott feinen gelben nom £>immel her bei. ©nget geleiten 
bie ftranfen jum Äampf unb fc^üpen,.fie, ©ott unb 
©fjriftug nertei^en ihnen Äraft gegen bie Übermacht, ©ott 
mit feinen ©ngeln behütet $arl. ©o fönnen bie Stiften 
bie 2ttad)t beg ©atang ju ©djanben machen. 2)er 
fpanifdje gelbjug ift ein bitter Äreu^jug: bie granfen 
bezeichnen fid) mit bem Äreuj atg bem SBappen iljreg 

3) ienftberrn, in ber ChR. tun fie bag nicht. ®ag ift 
für ben SCeufel fcblimnt, eg ift bag größte Unglüd für 
ihn, benn menn er bag fireuj fiebt, mu6 er fließen. 

Sßeil Sonrab im ©egenfafc zur ChR. rein religiöfe 
$iele bat, fallen auch aug ber ©eftalt beg ffaiferg Sarlg 
alle .Süge meg, bie ihn jum ^ßriefterfönig unb ©egenbilb 
beg Ißapfteg machen: auch biefe 3bee ber ChR. tnirb 
Zerftört. Stirgenbg befreuzigt ober abfolniert bei Äonrab 
ber Äaifer feine gelben; bie ©emalt ju löfen bat allein 
ber $apft. Äonrab meift fpmbolifcb barauf hm* Stuf 
ber gab n e $arlg, bie ©ottfrieb führt, fiebt man ©bnftug 
alg xBeltricbter, $u feinen fjüfeen aber ben £1. betrug, 
bem ©bnftug bie ©emalt, bie Seelen ju binben unb ju 
löfen, bag ©cblüffelamt übergeben b a *- ® er ^f a n e 
Äonrab übt Äritif an feiner Vorlage, er lann fid) bie 
^[uffaffung nicht aneignen, bajs ber Saifer — mie einft 
fiari ber ©rofee — meltlicbeg unb politiiebeg £aupt beg 
©ottegreicbg fein folle. &ber er berührt biefen beifein 
5ßunft nur leicht: ber $apft mirb in bem ganzen ©ebid^t 
nirgenbg ermähnt, er mirb auch an ber einigen ©teile 
meggelaffen, mo ihn bie ChR. nennt (SS. 1776). Slm 

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114 


|>ofe Heinrichs waren begleichen ©rörterungen Vermutlich 
nicht opportun. Unb $arl ha* 9tom unb Sateran in 
feiner ©emalt, er ift eben römifc^er Äaifer; aber ber 
Sichter vermeibet eS ber ChR. nach gu erjagen, $arl habe 
baS ßanb von 5Rom erobert unb baburd) ginSt)aft: biefe 
Eingabe ber Vorlage wirb 33. 6835 geftridjen; ber* 
Saifer foH nicht als £err beS sßapfteS hafteten. Sarum 
geigt auch ÄarlS gähne SßetruS im S3efip beS ©chlüffel* 
amteS, ben *ßapft als bem Saifer gleidjgeorbnete geiftliche 
äRacht. Ser Äampf ÄarlS mit 33aligant ift natürlich 
hier wie bort fpmbolifch, aber er ift im SRolanbSlieb bem 
©roberungSgebanfen, ber imperialiftifchen Sbee entriidt 
unb rein geiftlid) gemenbet. 

©einem ©runbgebanfen getreu, mufcte Äonrab auch 
bie ©eftalt beS ©rgbifdjofs Surpin gang veränbern. ©r 
tonnte ben SppuS beS feubalen, jtarf aufs SCBeltlid^e 
gerichteten geistlichen £>errn, ber mehr ^elb als Seelen* 
hirt war, ber poütifch burchauS gurn Äaifer hielt unb 
fid) ihnt als 33afaH böllig unterorbnete, nid)t gebrauchen, 
©o macht er ihn gu einem $ßriefter mit einigen halben« 
haften 3^9 en » ä u Einern gelben, ber burchauS nur als 
Streiter ©hrifti für baS überirbifche ©otteSreich fämpft.— 
Ser Pfaffe Äonrab ift fein unbegabter Siebter, aber 
ber breite, oft ins *ßrebigtmäf$ige übergehenbe ©til, bie 
rein geiftlid) anfeuernbe unb belehrenbe Slbficht feines 
SBerfeS machen baS SRotanbSlieb gu einem ©ebicht von 
mäßigem tünftlerifchen Sßert. Slber es ift wichtig burch 
ben Seift, ber aus ihm fpricht @S offenbart mit 
ooHenbeter Seutlidjfeit ben politifdjen Siefftanb bet 3eit. 
3n ber ChR. fprid^t ein grangofe, ber mitten in bem 
Auftanb ber größten 9Jiad)tlofigfeit beS frangöfifchen 
Königtums unb mitten in ber 3^fpütterung ^^nfreichS 
ben ©ebanten ber alten Saiferhcrrlichfeit, ber ©inheit beS 
5Reid)eS, ber alten SBeltgeltung fefthält unb begeiftert für fein 
33aterlanb, baS füge JJranfreich, |>od)giel ber 3 Us * 
funft, oerfünbet. 3m SRolanbSlieb prebigt ein Seutfcher 
Pfaffe, für ben Äaifertum unb Saiferhcrrlichteit wenig 
bebeuten, ber im ©ebanfenfreiS ber reichSfeinblid)en 
33eftrebungen beS ©tammeShergogtumS fteht, in beffen 


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115 


#erjen bie SBortc „ba$ füfce SSaterlanb" feine $odf)* 
gefügte erregen. Slber bafür müffen bie gelben feinet 
©ebidjteS ©ippe unb greunbe, fiab unb ©ut öerlaffen, 
unt ba3 SReid) ©otteö, ba8 fia) über bie 9Renfcbf)eit 
erftredEt unb bie ©rennen ber Nationen nidjt fennt, &u 
erweitern unb in üerbienftlidjem Äampf für bie« geiftige, 
überiröifc^e SReidE) ben Job ju erleiben, ben Job, ber 
ifjnen bann ba$ eigentliche, im ©runbe ganj perfönlidje 
Biel it)re3 SebenS unb Strebend bringt: ber Seelen 
©eligfeit. — 

J)a$ fReligiöfe fielet im SSorbergrunbe beS SRolanbS* 
liebes, ba$ ^elbenmäfjige wirb ii}m unter** unb ein** 
georbnet, ba$ ^ßolitifc^e fefjlt faft. Slber bie ftzit fam, 
wo bie politifdje Sefinnung notmenbig mürbe, eine 3^t, 
nicht unähnlich ber, aus ber bie franjöfifcfye SReoolurion 
herüortouchS. Jer Jichter be£ „Äönig Iftother" tritt 
neben ben SSerfaffer beä franjöfifc^en ©po$. SRan 
erfennt ben gortgang & er Politiken ©ntmidElung. 


8 * 


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Äöntg Stolzer. 1 ) 

i r: ®er „jfönig Stoiber" enthält t>or allem bie ®ar* 

! ftellung ibealer Safallität, er läfet einen großen ßefyn* 
ftaat, mie er fein foH, üor unfern Singen entfielen. 
®amit getjikt er in jene ftaatSredjtlidje Sntroicflung 
hinein, bie gur ©infüljrung in ben ©ebanfenfreiS beS 
SBaltljariuS aegeidjnet morben ift. Slber fie genügt nodj 
nid)t gurn SerftänbniS. ®enn ber Stotfyer murgelt") 
fidjtlidj in beftimmten gefc^ic^tlid^en • 93er^ältniffen beS I 
£ergogtum3 Samern. ®er Sinter lebte bort, erj 
ermähnt ba^erifd^e Äbetegefc^Iec^ter: eS märe tnerfmürbig, 
menn fein Sßer! ofyne iöegieljung gu bem toäre, maS 
barnalS um il)n fyerurn borging, toenn man bem 
©ebidjte nidjt eine Stellung in ber Steilje ber literarifdjen 
®enfmäler anmeifen fönnte, bie bie lebhafte poütifdje 
SSeroegung Riegeln, meldje im 12. 3abrfyunbert 33apent 
burdjflutete. 

__ fiarl ber ©rofee Ijatte 788 ®affilo abgefept unb 
^bamit baS StammeSljergogtum in Sapern oernidjtet. 
3m ^ranfenreid) mar nun bie SKadjt ber £ergöge bößig 
befeitigt: Xräger ber SlmtSgeroalt blieben auein bie 
©rafen unb SÜtarfgrafen. 

Slber unter bem ®rucf ber Ungarneinfälle entfielt 
au? ber SRarfgraffdjaft ber Strnuifinger in Saijern 
mieber ein StammeSfjergogtum. @3 entmiefett fidj 
fräftig. Unter £einrid).I. bon Saufen (919 — 36) 
beftanb eS faft als Steid) für fid): ber £ergog bon 
Sapern patte beinahe ÄönigSgematt in feinem ©ebiet. 

*) fi. SRüdert, Äönig föottjer petauSg. ($eutfd)e 2)i(btungen 
beS 3JHttelaIterS # 1). Seipjtg, SBrocfljauS 1872. 


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117 


2)aS 89anb bcr Bafallität, baS ihn als 2Jtarf grafen 
an ben Sönig feffclte, behinberte ihn menig, eS Der* 
finnbilblichte nur eben bie ßugehörigfeit jum Steich. Otto I. 
Zieht bie $üget fdjärfer an: bie Srnulfinger öerfteren 
baS Herzogtum, ihre Nachfolger treten in ein ^Beamten* 
berhältniS junt Äönig. Slutf) oerbinbet ber Äaijer baS 
£anb enger mit ber$rone: DttoS Srnb er Henrich toirb 
^erjoaöouJöa^ern. 

Slbefbie Erinnerung an bie atte 2Racf)t unb ©onber* 
fteüung Sa^ernS reijt auch baS neue $erjog§gefc^led|t f 
fich ^öfjere $iele 8 U ftcefen: Hejrmc^H., ber gänfer, 
jtiftet ein e gjerfftm ör unci gegen ßaijer Otto II., macht 
jpäter fogar Snfprudje auf mF"SFrime. Samern erreicht, 
mag jeine ^errfdjer ehrgeizig erftrebten, burch Heinrich II.: 
biejer befteigt 1002 ben Königsthron. 

93oit nun an mechfelt Samern mehrfach ben ^errn, 
hat im SReicbe aber immer eine ausgezeichnete Stellung. 
Unter Heinrich IV- l omqten bie SBelfen jur ^enjehaft. 
Stuf SEBelj I. (1070—1101) folgt Sßelf II. (1101—1120), 
biefem fein S3ruber Heinrich ber ©chmarze (1120—1126). 
Deffen ©ohn Heinrich ber Stolze (1126—1139^1 bringt 
bie 9J?acht beS Herzogtums auf ben ©ipfel. Er mirb 
©chmiegerfohn beS KaiferS £otf)ar bon ©upplinburg, 
er erttnrbt bie ©üter beS SWarfgrafen non Efte in 
•Jiorbitalien, baS ÜJJathilbifche Erbe, bie SJRarfgraffchaft 
TuScien. SRach bem lobe SotharS fallen ihm bie 
©upplinburgifchen SlBobien unb bas H^ogtem ©od)fen 
ju. „SS mar eine ungeheure, noch nicht bagemefene 
fiirftlidje ÜRacht, bon ber SRorbfee bis bor bie Tore 
SRomS reidjenb; Hrnrndj felbft rühmte fich, . bafj_ fid) 
feine 9Jtad)t Don Tänemar! bis Sizilien erftrede. ... 
®amit mar ©tolze über bie Stellung eines 

®ahernherzogS hwauSgemachfen" (S)öberl). 

®aS ©elbftgefühl biefeS H er ä°9^ ihn meit über 
bie anbern dürften hinmeg: Otto oon f5 re ^P n 9 fp^i<f)t 
uon feinem befannten H oc ^ mu tf ber ihm auf bem 3 U 9 
nach 3talien ben H a f$ aller übrigen Teilnehmer z^ 
gezogen höbe; bie Sfrrche betradhtete ihn mit aRifctrauen, 
meil er fie mit feiner äRacht einfehnürte. Sr h^6 ttic^t 


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118 


umfonft „ber ©tolje". Selbftüerftänblich, baf$ ein ftürft 
mic er als ßief feines ©trebenS bie ®eutfcpe Äaiferrrone 
nor fid) jap. 

3n bie Stimmungen unb Hoffnungen beS ehrgeizigen 
SRanneS, ber fiep nicht mehr in bie Stode eines lönig* 
liehen Safaden fügen mochte, lägt, mie ich glaube, ein 
l®ebicpt ^inetnfc^auett, baS um 1130 an feinem Hofe 
nerfafet morben ift: ber Stlejanber beS Pfaffen 
ßampreept, unb jroar in ber 3 orm r bie bie Sorauer 
jmnbfcprift l ) bietet. ®er Snpalt liegt jebenfadS ganj 
in ber Dichtung ber politifchen Seftrebmtgen Heinrichs. 

®aS ©ebicpt.ift freilich nur bie leicht überarbeitenbe 
Übertragung einer franjöfifchen Vorlage, ift im Inhalt 
alfo in adern SBefentiicpen unfelbftänbig. Stber ßampreept 
hat baS SBerf SllbericpS oon Sifinjo eben nur beShalb 
überfept, rneil fein ®ebanfengepalt unb feine Stimmung 
ganj ju bem politifchen Streben am baperifepen H°f e 
pafcte. ®enn baS fran^öfifepe SBerf erzählt, mie 
Sllejanber non 9Ka$ebonien feinem mächtigen ßepnSpernt 
®ariuS oon ^ßerfien ben ßinS, ben er als ®afad fcpulbig 
mar, öermeigert, fiep mit H eere 3nwcpt gegen ign erhebt 
unb feiner ßepnSuntertänigfeit baburch ein @nbe macht, 
baft er ben H errn w ber Schlacht felbft tötet. 9tun 
mirb Sllejanber ber mächtigfte Äönig beS Altertums, 
ber gemaltigfte ader Herrfcher. 

®aS ®eöicht ift ber politifchen Sfticptung nach ber 
ChR. gerabe entgegengefept. ®er Sorauer ®e£t fehltest 
mit ber SJeftegung unb ©rlegung beS SßerferfönigS 
®ariuS burep ben dßajebonierfönig, feinen 93afaden. 
®aS ®ebicpt ift üodftänbig, nic^t, mie man melfacp im 
Hinblicf auf bie Sllejanbergef (piepte unb *©age gemeint 
hat, unoodenbet. ®enn ber ©cplufe beS ®ebicpteS 
erflärt fiep aus ber politifchen Slbficht 3llberich*ßamprechtS. 


*) Ä. Ä i n 5 e l, Sampre^tS ^Hejaitber ttad) ben brei heften 
mit ben fjraamenten beS 3llberic öon 93efan$on unb ben 
lateinifcpen Quellen perauSflegeben. ©alle, 5Üaiienpau3 1884. — 
9t. (5 Dt t mann, $a$ faejanbetUeb be3 Pfaffen ßampreept 
in npb. Überfefeung (SBorauer unb ©trafeburger $ejt). $aUe, 
Otto $enbel (wibliotpel ber ©efamtliteratur). 


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119 


SariuS fiel ja befanntlidj nicht burcb SllejanberS $anb 
in ber Schlacht bet ©augamela, fonbern mürbe erft fpäter, 
330 o. ßbr., t>on bem Satrapen SeffoS ermorbet. 

2)aS Unternehmen beS majebonifcben SiönigS bebeuteT] 
nichts anbereS als Sluflebnung gegen ben ßebnSberrnJ 
reine ©mpörung. Senn bie ßebnSabbängigfeit ber 
9JZajebonier beftebt, mie ßamprecbt auSbrücflicb angibt, 
fdjon feit bunbert Sabten, ift alfo redbtticb feft begrünbet 
Slle^anberS ©rbebung ift barurn ein fernerer Serftop 
gegen bie feubale ©tbif, bie — 6ilbebtanbSlieb unb 
S BalthariuS le hr en eg Ka r — ■ Jinbebtnqte ^reuF\ g egen 
b eiTSerrn~~~fo rberIe] 2Bie fann ber Siebter, ber 1)ter 
ficberltcb int Solbe feinet fper^ogS febrieb, baS miber* 

. rechtliche Unterfangen rechtfertigen ? @r tut es, wie ein 
Stürmer unb Sränger beS acbtjebnten SabfbunbertS, mit 
bem Stecbte ber ftarfen, aufcerorbentlicben Sßerfönlicbfeit 

Slte^anber wirb als ein echter Übermenfcb bargeftellt. 
Son oontebmer, recht faiferlictjer Slbftammung ift er. 
Slucb ben Slnforberungen ber ßeit an 9iitterbürtig!eit 
leiftet feine Slbfunft ©enüge: fepon fein ©rofwater mar 
ein guot kneht, ein mitter. Stol$ unb Streben 
nach Unabbängigfeit liegt bem ©efdjlecbt im Slute: 
fein Ob e i m bi e f$ ÖUC ^ Äfejanber unb moUte feinem 
Äönig als SSafaK untertan fein. 

Sei Slle^anberS ©eburt gerät bie SRatur in' 2luf* 
regung: bie ©rbe bebt, ber Sonnet rollt, mächtige 
SRegengüffe raufeben b e ™i e & e *r ber Fimmel oeränbert 
feine garbe, bie Sonne mirb bunfel. Sie Sßelt foH 
merfen, bafc eine „munberlicbe", b. b- munberbare $erfön* 
liebfeit in fie bwrintritt- SBunberbar gebt auch bie 
©ntroiefiung be§ ÜReugebornen dor ficb: in brei Sagen 
wäcbft ba^ ®inb mehr al3 anbere in brei äKonaten. 
SBunberfam ift fein Sufeere^: baS $aar glattjt rot unb 
fträubt fid), mie bie ÜRäbne eines ßömen. 2)aS 

eine Sluge ift bläulich u *tb toie baS einer Schlange, baS 
anbere fcpmarj unb mie baS eines ©reifen. Sie über*- 
menfeblicbe Sntmidlung bauert an: in feinem erften 
Sabre mäcbft Sllejanber mehr Äraft unb Serftanb ju 
als anbern in brei. 


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I 


120 , 

Ser übergeroaltigen Statur entfpricf)t ber 5t)ara!ter: 
ber Änabe ift leibenfdjaftlich t)eftig. 2Benn etroaS 
gefettet)!, maS er nid)t gern t)ört, bann blieft er milb 
mie ein Sßolf, ber über feinem g ra 6 e fleht. 

Sllejanber geigt glänjenbe Anlagen, gelben unter** 
meifen ihn in ben ritterlichen fünften unb in ben 
Pflichten beS perrfcfjerS. ©Seife ßehrer geben ihm bie 
geteerte ©ilbung ber freien fünfte, fo bafc er auch nach 
biefer ©eite hin °ß e übertrifft. SaS ©ilbungSibeal 
£ampred)tS ift im mefentlichen baSfelbe, mie baS @cfe* 
harbs. @S entroicfeln fich nun bie Sigenfdjaften beS 
Seutfchen gelben, bie mir aus §i(bebranb3üeb unb 
ÜEBalthariuS fennen: Sraft, 9Jlut, ÄrtegSfunbe, Kampfes* 
luft ujro. 2lber jS fehlen ÜBäfeigung. unb reltgiöfe. 
Stimmung. Ser Sichter legt eS barauf ab, in~fetnem 
gelben nur bie berförperte elementare Sftaturfraft $\x 
geigen, bie fich in gewaltigem Srange um jeben ©reis 
burchfepen will. 5Ränner ber Slrt mag bie ßeit auch neben 
Heinrich bem Stollen nicht wenig herborgebracht haben. 

9£eue geilen berfiinben, baft ber ßnabe p ©ro^em 
beftimmt ift; er ift in^mifchen fünfgehn Sabre alt 
geworben. 3m Stalle feines ffiaterS fleht ein munber* 
bareS milbeS 9to| ©ujifal. ©Ber eS bänbigt, wirb 
nach ^5t)ilipp fiönig bott 9JJa$ebonien, wetfc man. 
SRiemanb fann es reiten, feiner barf ihm nahen. Slber 
bor ©llejanber beugt eS feine Snie unb läfet ihn leicht 
auffteigen: baS Sier erfennt unb berehrt in ipm ben 
fünftigen $önig. 

9iun regt fich in bem Süngling bie angeborne 
^elbenart: Satenbrang fchtnellt ihm bie ©ruft. @r 
läfet fich bereits mit fünfzehn 3nh ren tnehrhaft machen 
unb gief)t auS, §elbemnerfe ^u berrichten. @r roill 
erobern unb fich baburch ben 9?amen eines ÄönigS 
erft berbienen. Sdhnell befiegt er ben Äönig 
9ZifolauS unb nimmt ihm bie ßrone ab. Sann erobert 
er Slntonia, eine Stabt, bie bom ©ater abgefallen ift. 
@r rächt Unbill, bie feiner SWutter miberfährt. So 
bereitet er fich ^ auf bie ©rofetat feines SebenS: 
©erroeigerung beS unb 2lbfcf)üttelung ber SehnS** 



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121 



Oberhoheit beS ^ßerferfönigö. ®enn fcbon lange öerbriefjt 
ihn, bafc ber SSater ftinZ gablt. Irofc bem lange 
beftebenben 9ted)t3t>erbältni$ empfinbet er e$ fdjlecbtroeg 
als eine ©cbmacb, SBafafl eines £errn gu fein. 

Sin tjodjabliger, leibenfcbaftlicher, ftolgcr, gewaltiger 
elb, ein Übermenfcb wie Sllejanber — baS will ber 
icf)ter fagen - fann nicht bie gweite ©teile einnebmen; 
traft feiner ^$erfönlid)feit tjat er baS Siecht, ficb auf bie 
erfte gu fcbwutgen. 

2BaS er wiu, gelingt: bamit erwirbt ber SRagebonier* 
tönig ben größten Slugm. @r wirb baS erftrebenSwerte 
SSorbilb für alle, bie in gleicher SESeife füllen unb bon 
ben geffeln firfw^PerbanbeS gebrücft werben. 

fta mprecfat, h er (Sjpiftliche, perteibigt alfo unoerbpblen 
baS Siecht ber ftarfen fBerfönllchfett. öon ber un* 

- ' “lor J- ~ - • *'- 1 - 

Irene 


erj^ütt erlichen 
m~. ber 2reue7 


beS &t)nSmannS~ geilen feinen £errn, 
>te £)ilbebranbSlieb mib SBalt^ariü^ 

pfeifen, lafet_er_|ixd}tö verlauten. SEBir blicfen burcp 

feine Sichtung in bie SEBelt ber fürftlidjen Sßolitit, wie 
fie wirüid) war. 

Slacb bem lobe £otbarS erwartete £>einricb ber 
©tolge bie Ärone: fein ©cbwiegeroater ^atte ihm bie 
5Reid)Sfleinobien übergeben unb it>n gu feinem Slacbfolger 
beftimmt. SaS 3* c l ®apernbergogS fcpien erreicht. 
Slber ba erfolgte ber Umfcpwung. Ser Sirene unb ben 
SleicbSfürften freien bie SJlacbt beS SBelfen, inSbefonbere 
bei feinem febroffen, berrifdjen SEBefen gu gefährlich. 
SJian w ählte 1138 ffo nrab III_pon_©ta.UKß, Heinrich 

^ fKeicf)öinfxgmen TjerauSgeben. SBiberftanb nüfjte 
nichts, er Würbe geächtet, unb beibe £ergogtümer 
fflapern wie ©aebfen, Würben ihm 1138 abgefprochert. 
©ein ©ot)n Heinrich ber £öwe befam 1142 ©aebfen 
jurücf: um Sapern rang er oergeblich, Slber bie alten 
Seftrebungen unb ©efinnungen ber SBelfen blieben. 
®uf fie weift, wie idp glaube, bie Srjählung bom 
^ergog Stbetger, bie oer SSerfaffer ber Äaiferdjronif 
in fein SEBerf aufgenommen h^t- @i e beutet gang un* 
PerhüHt auf $apern unb bie politifchen QkU feiner #ergöge 
hin. ©ie ift jünger als ber Sllejanber. 


mußtTble 


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*1; 


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Vf. 


SiPlNIVERSITY OF CALIFORNIA 



I 



Slbelger ift ber ebetfte $err, bcr je auf baherifdjent 
£[)rone fafc. @r ift ein vortrefflicher |>elb. Um ihn 
fielen ^ablreid^e Vafallen, toie e£ fid) für einen fo 
großen dürften ^iemt. @3 finb feine Herren: fd)lanf 
t>on ä33ud)3, elegant/ non fd)öner roei|er Hautfarbe, 
non ftoljem unb nornebmem Auftreten entfprechen fie 
fd)on bem ritterlichen 3beal ber 3 e ^ um bie SUiitte be§ 
12.3af)rhunöertg. ®er ^er^og ift ein freigebiger, ixl* 
nerlöjfiger §err: er märe inert, felbft Äönig $u fein, 
fagt bie ®id)tung nicht ohne Slbfidjt. ©ein Stuhm 
breitet fid) meit über bie ©rennen Vapernä fym au£. 
Unter ihm fommt ba» |)er3ogtum jur • böchften 93Iüte 
nnb üJtad)t. 

Slber biefer mächtige unb glän^enbe $err ift nicht 
unabhängig: er ftebt al3 Vafall unter bem römifchen 
Könige ©eoeru§, er hat fein Sanb non ihm Sehen, 
mufc ihm ßinä jahlen. SIbelger erträgt biefe Slbhängig* 
feit feptoer; er panbelt oft gegen feine Sehnspflid)t, in 
unberechtigter 333eife, mie ber dichter ohne weiteres 
jugibt;.. eS ift einfad) ©mpörung. 2)er ßönig fann 
biefe Übergriffe nicht bulben unb läbt ihn nad) Storn. 
Slbelger ift fid) feiner ©cpulb loopl betonet. ®r fürchtet, 
man führe am ßönigSpofe etwas gegen ihn im Scpilbe. 
®er Vefepl feinet £errn macht ihn unruhig: er nerfpürt 
feine Suft, bie Steife anjutreten. Stber baS märe offener 
Vrud), ben wagt er hoch nicht. Sluf ben Stat feines 
alten Vafallen unb Vertrauten geht er nach 9tom. 

@r hot richtig geahnt. SeoeruS empfängt ben ^er^og 
gornig. @r roill ihn töten laffen jmb. fein Sanb einem 
anbern geben. Slbeiger hot feiner eupfltdjfr nicht eifütlt, 
baS gibt bem ^errn baS Stecht, fein Sehen ein^ugifhen. 
Slber nun rettet ben Vapernhewg fein perfönlicpeS 
Verhalten al§ Sehn§l)err: feine ^ot tt)nt 

auch in Stom 5 reu obe gemadjt; biefe fe|en burch, bafe 
er begnabigt luirb. SIber ber Sönig läfet Slbelger feinen 
Ungehorfam hoch nicht gan$ hingehen. 6r entehrt ihn, 
inbem er ihm fein langet §aar megfehneiben unb ba§ 
fange ©emanb für^en lä^t, fo bafc e§ nur bi§ 51t beu 
finieit reicht. SBütenb geht ber £>er$og oon bannen. 




123 


Slber bic Klugpeit feinet alten ©afatten fcridjt ^ cr 

©epmaep bie ©pipe ab: baS gange ©efol^e unb fcpließ*' 
lieb alle ©apern in ber §eimat nehmen biefe fiaar* 
unb Kleibertradpt an unb befreien bamit ihren f>errn 
au« feiner ©ereingelung. ®er König berföpnt fiep am 
®nbe mit Slbelger, unb beibe geben in greunbfepaft 
auSeinanber. 

®S bauert nicht lange, ba gergept bie ftremibfcpaft 
beS Königs unb beS ^pergogS lieber, ©egner beS 
lepteren berflagen ipn bei $ofe wegen angeblicher neuer 
Übergriffe. SDieSmal fühlt fich ber Slngefcpulbigte aber 
fcpulbloS. SBieber wirb er borgelaben: offenbar miß 
man ipn töten. 3m Sewußtfein feiner Unfcpulb weigert 
fich ber £ergog gu fornmen: er lehnt je^t offen ab. 

©eberus witt ben unbotmäßigen ©afatten mit ©ewalt 
gu feiner Pflicht gurüdgubringen. @r giept mit einem 
großen $eere über ©erona burcpS ©ifadtal gegen ©apern 
peran. Slbelger gept ben ^Römern bis ©rijen entgegen. 
®in gewaltiger Kampf entjpinnt fiep, baS römifepe 
|>eer wirb gefcplagen. 911S ©eberuS fiept, baß er nijpt 
mepr ftanbpalten fann, wirft er fein ©cpwert weg, gibt 
fiep befiegt unb ruft: „SRorn, biep pat ©apern in großen 
©epaben gebracht. 3cp witt niept mepr leben." ®r 
Wirb barauf bom fja^nenträger SlbelgerS getötet. 

2)amit erlifept baS SepnSberpältniS gwifepen ©apern 
unb SRom. 3 um 3 e ^ en btä ©iegeS eignet fiep Slbelger 
baS 2anb bon ©rijen als 2Jiarf gegen baS römifepe 
SReidp gu. 

3Der ©ebanfe biefer ®rgäplung ift bem beS Stlejanber 
nape berwanbt. 

Slucp in biefer ©rgäplung paben wir baS Sßotib: 
ber ©afatt fcpüttelt bie Dberpopeit beS Königs ab. 
S)abei beutet ber Snpalt faft unberpüttt auf baS ©er* 
pältniS ©apemS gum 9teicp. greiliep wagt ber SDicpter 
niept fo fraß baS 9tecpt ber außerorbentlicpen ©erfönlicp^ 
feit gu berteibigen, aber eS wirb boep gugegeben, baß 
fiep ber |>ergog anfangs Übergriffe erlaubt unb feine 
©fliepten als ©afatt niept erfüllt pat. 3Rag auep bie 
©age in iprem gweiten ©tüd urfprüngtiep auf bie erfte 


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124 


4 

Vefiebtung beS EtfchtaleS burd) bic Sägern gefeit, mag 
ihr erfter Seit ursprünglich ben ßtued gehabt paben, 
eine baperifche ßanbeStracpt ju erflären: als ©anzeS 
brüeft bic Erzählung Stimmungen aus, bic an bem 
©of ber ehrgeizigen SEBelfen perfömmlich toaren. 

Um__SlQufen unb 2Beljen zu perjöpnen, um baburch 
be m SRei cfte.iiie-lftuhe toteber zugeben, gab Varbaröffa 
ll56 ßeinrirfi bem SotbeiTlBaUer n aurücf. VoiTTKö 


bi§ 1165 lebten bann beibe, ÄatfeFTmb Herzog, im 
beften ©inoernehmen: biejer unterftüpt ben Äaifer in 
bem Kampfe mit ben norb italienischen ©emeinben unb 
bem *ßapfte, jener ben Herzog in Seinen (Streitigfeiten 
mit ben geglichen unb toeltlicpen ©rofeen beS öftlicpen 
/ SachfenS. 3)aS Verhältnis zmiScpen fVriebrid^ unb Seinem 
i mächtigsten Vajatlen Schien ganz Sbeal ber geubalität 

S entsprechen; Heinrichs beS Stolzen Veftrebungen 
ienen ber Vergangenheit anheimzuSaUen. 

• Stt Jbkkifo hre Säflt ber , f fföni q gtotfrer“, ber Zweifel* 
IoS in Vapern geschrieben iftT^SoHten fiep bie politischen 
Verhältnisse in ihm nicht Spiegeln, mie fte fiep im 
Vorauer Sllejanber gejpiegelt hüben? Sollte bie 2)ar* 
ftetlung unb Verherrlichung beS ®eutfcpen SReicpeS als 
ßepnSftaat ohne Veziepung auf baS gute Verhältnis 
ZtoiSchen VarbarofSa unb bem ßötoen geschrieben Sein? 
Sch meine, man borf ben Söm^otper, toie-in bie 
ßinte ^er’JfaatSredjtlichen^ntimalung, jo auch in bie 
ber aefc^id^ilLdöen ."SSoTgänge in jBapern einorbnen. 
Silber fein ©ebanlengepait bilbet baS ©egehftücf zu Seht 
beS Vorauer Sälejanber unb ber Erzählung oom ©erzog 
Slbelger. 

SßauluS, ®iaconuS erzählt in Seiner ßangpbgrben** 
geS<±)ict)te_ t»on Sluthari unb SDheobelinbc. Sluthari, fiöntg 
ber fiangobarben, toirbt burdp ©eSänbte um Xpeobelinbe, 
bie Sochter beS VapernherzogS ©aribalb. ®er Vater 
ift mit ber ©eirat einoerftanben. äutpari möchte aber 
bie Vraut oor ber ©ochzeit Sepeu. ÜJZit einigen toenigen 
ßeuten gept er unbefannt an ben ©of beS Vapern unb 
lä&t fiep ipm als Voten SlutpariS oorfteHen. @r bittet 
um bie Erlaubnis, SEpeobelinbe z u Sehen unb aus ihrer 



ssasSÜz 


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oogie 


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125 


föanb einen Drunf SBeineg ju empfangen. Die 3ung*» 
fr au reicht itjin ben Sedjer, ber König trintt. Seim 
Rurüigeben beg Sedjerg berührt er leife mit bem ftinger 
Dfjeobelinbeg §anb. Die 3ungfrau errötet Dor ©d)am 
über bie Sertraulidjfeit beg gremben un b erjä^tt it)rer 
Slmme, mag fie erlebt. Diefe fagt: „6g muß rooljl ber 
König, bein Sräutigam, felber gemefen fein, ©onft 
tjätte er eg nidjt gemagt. ©djroeige, baß eg bein ©ater 
nidjt merft." Unerfannt reitet Slutljari mieber meg, 
aeleitet Don ben Sapern. ®rft an ber ©renje beg 
JBanbeg gibt er fid) m erlernen. 

Diefe. Srautmerbungggefcbic^te ift ber alte Kern 
unterer ©nä^tung. Sin ©teile Stut^arFg trat fpater 
ber SangoDarbenfönig_9tptjarT (636—652), ber ein 
berüljmteg ©efefcbud) hatte oerfafjen laffen. ©ejdjidjt** 
ließe ©reigniffe fcßloffen fid) an: j. 93. ber Übergang 
beg Sangobarbenreidjg auf Karl ’ ben ©roßen (774), 
©efdjeßniffe unter Otto L unb II., bie Kreujfaßrt 
Sßelfg I. Don Satjern (1101). ©o entmidelte fid) über 
mehrere ©tufen meg ein ©toff, ber in uuferm ©ebießt 
Dom König SRotßer feine lefcte unb augfüßrlicßfte 
Darfteßung gefunben ßat. 

Sßieber fretfen bie ©ebanten beg Dicßterg um bie 
Dreißeit: ^)ßcr} önlic^fcitöibeal r ©taatggefinnung unb 
^Religion Dag gmeite fteßt bureßaug im ©orbergrunb. 

SRotßer ift feßon bureß feine Slbfunft Dom ©ater ßer 
jum SDtufter eineg 3$ r ft en unb Seßngßerrn ooraug* 
beftimmt: er mäcßft in einer guten fürftlicßen Über** 
lieferuna auf. Der ©ater beßanbelt feine ©afaflen ftetg 
freunblicß. ©näbig Dergibt er ißnen, menn fie einmal 
etroag Derfeßen. SBie eg fieß gehört, nimmt er 3tat Don 
ißnen an. Dem treuften feiner üRannen; Sercßter Don 
SJieran, übergibt er ben Keinen ©o^n mx ©rjießung. 

Diefer rechtfertigt bag Senrauen. Dag unb Siacfjt ift 
er um ben Knaben unb erjie^t i^n mie feinen eigenen ©of)n. 
Dag ergibt Dom Slnfang an ein ^er^üc^eS Serljältnig 
beg jungen tyx'm jen *u feinem Safaßen. @g bleibt banernb jo. 

©erdeter erjie^t feinen ©cßü^ling entfprecßenb ben 
Sbealen ber ßeit. ®r erjie^t i^n §u einem ecfyt Deutfc^en 


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126 


gelben. ®r lehrt ihn bic Rührung ber SEBaffen unb bie 
Shtnft beS ihriegeS. SRotfjer geigt fid^ perfönlid) tapfer, 
bo<h liebt er eS fehr, fich burch Sift aus ber ©efaljr gu 
giepen — ein $ug, ber häufig mieberfehrt, auf ben ber 
dichter alfo SDSert legt. ®S ift baSfelbe, maS mir öon 
S93altt)er hörten, ©elbft ber Fatalismus ber alten gelben 
fel)lt nicht. 9Rother h e *f3t barum wigant „Kämpfer", 
degen „©efolgSmann", helet „$elb", recke „Verbannter" 
— eS finb bie Vetoörter, bie ben gelben auSgeidjnen, 
mie er mtS im £ilbebranbSlieb, SEBalther unb Vorauer 
Slleyanber entgegentritt, ben gelben älteren ©tileS. 

Slber feit ben ßeiten Heinrichs beS ©tolgen hatten 
fich bie ®inge in Seutfcplanb aeänbert: baS mobeme 
ßlitterroefen mar non granf reich per, befonberS feit bem 
gmeiten Äreugguge, meiten Greifen ^ befannt gemorben. 
2)arauS erllären fiel) noch anbere ®igenfd)aften, bie ber 
®icpter feinem ^flbeh beilegt. 

fRother Reifet fchon mehrere SJtale ritare „9titter" 
ober, maS baSfelbe befagt, göt knekt ®er |>err unb 
Äönig trägt felbft ben tarnen, ber .eigentlich nur ben 
Vafaßen begeidjnet, ber als ßteiter im ^eereSbienft fteht. ®er 
Vegriff geht alfo bereits über baS Xechnifche hinaus: 
ber Sönig fofl als SDtitglieb beS neuen ©tanbeS unb ber 
mobern höfifchen ©efeßfcpaft erfcheinen. 3totf)er geichnet 
fich im ritterlichen SBaffenfpiet auS: feiner magt eS, barin 
mit ihm aufgunehmen. @r beherrfcpt bie formen ber 
guten ©efeßfdjaft (hövescheit), befonberS ben ®amen 
gegenüber: er rneifj mit ihnen gu nerfehren, mie eS ber 
gute 2on forbert — aßerbingS nur in erlaubter 333eife. 
®enn er fennt bie Slufpaffer, er meifj, bafc bie ffämmerer 
verbotene Vefuche oerraten. ßur Unterhaltung trägt er auch 
bei: er fingt unb fpielt bagu bie £>arfe. @o ift Sftother nicht 
nur ein t^elb, fonbern auch c * n Sitter: altes gelben*, unb 
neues ßtittermefen oerbinben fich bei ihm gu fchöner Sinljeit. 

@r mirb non Verchter auch ju djriftlicher ^ömmigfeit 
unb firchlichem ©inne ergogen. ®ie Velegfteßen gieren 
fich ^ urc ^ 9 an i c ®ebkht hinburch. 

.©o umfängt bie Vafaflität oon Anfang an beftimmenb 
unb fchüfcenb ben fünftigen ^errfcher. 


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127 


9?un befteigt SRotber ben Syrern: er wirb römifeber 
König unb empfängt bie Kaiferfrone. Seine SRefibenj 
ift Sari ober auch SRom. ©ine gewaltige SRacbt wirb 
fein: 72 Könige, oiele £er$öge unb ©rafen bienen ifjtn; 
biefen unterfteben wieber SRitter. @r felbft Ijat oon 
niemanb ein fielen. Sag ©ebiet feineg SReicbeg ift 
Seutfcblanb in feiner größten 2Rad)tentfaltung, oorgefteUt 
alg bag ibeale Imperium beg Slbenblanbeg. Sie meiften 
Seile baoon werben genannt — nnb barüber binaug 
noch granfreicb, Spanien, Sdjottlanb, Slpnlien unb 
Sizilien. @g ift !lar, bafc ber Siebter bei feiner 
Säuberung bagSeutfcbe SReicb unbbagSeutfcbeKaifertum 
im 2luge bat. 3m {Rotier biirfen mir beg^alb bie ©eftalt 
beg Seutfdjen Kaiferg unb ben Umfang beg SReictyeg' 
ibealifiert fdjauen, fo wie fie ficb ber Sidjter münfd)te. 
Sag beutet auf politijebe 2lbfitf)ten Sßie in ber ChR ber 
fran^öfifebe Sntperiaiigmug oertreten wirb, fö je§t im 
fRotber ber Seutfdje: bie Sßolitif ftriebricb Sarbaroffag 
wirft ihren Schein auch auf bieg ®ebid)t. 

Ser junge ^errfeber bewährt fiel). 3nt Sanbe Waltet 
er gerecht, wie ein König foU: er febü^t SBitwen unb 
SBaifen. 3nt Kriege bat er @!ü<f: er unterwirft bie 
äBenben reebtg ber ®lbe. Ser gelb*ug ift zugleich ein 
Kreu^ug gegen bie Reiben, ein Semeig feineg fireblicb* 
frommen Sinneg. 3m SReicb febeinen politifebe ©egen- 
fä^e ju befteben: ^pabamar oon Steffen lebt mit SRotber 
gejpannt. Slber ber König hält feine ©egner nieber: 
erft wäbrenb feiner 9lbmefent)eit in ©riecbcnlanb betommen 
fie auf einige $eit bie Dberbanb. 

Sen |muptnacbbrucf legt ber Siebter auf bie 
Scbilberung ber feubalen Serbältniffe: für bie Segiebungen 
beg £errn gum Sebngmann, beg Sebngmanng jum |)errn 
ift ber £of SRotberg bag glänjenbe Sorbilb. Senn um 
ben König ftebt eine Schar ebler Safallen. Sie 
bebeutenbften baoon finb mit ihm oerwanbt ober befreunbet: 
mäge unde man, vriunt unde man. Sie beiden tiure 
Wigande, helede, volcdegene; auch göte knehte: alt*- 
belbifcbeg unb mobern-ritterlicbeg mifebt ficb & en 
^Jerfönlicbfeiten biefer Herren. 


128 


9Jiaitd)e bon ihnen leben faft in ber S33etfe ber alt* 
g’ermanifchen ©efolg3leute am $ofe: erfahrene Slltherren 
unb junge ©rafen. ®iefe werben wobl am §ofe erjogen 
unb tun (jöftfdjen ®ienft; ihr äReifter fcheint ©raf Süpolt 
ju fein, Setter unb Safatt ^Hot^er^. 3)er weitere Ärei3 
weilt nid^t in ber SRähe be3 Sönig3. 35iefe tommen nur 
an §oftagen nach Sari ober fRorn. ®er herborragenbfte 
barunter ift Serchter, ^er^og bon SReran, Sater 2üpolt3, 
Oheint be3 ®önig3. >Reben ihnen treten politifch ftarf 
heroor Slbelger bon Sengelingen famt feinem ©ohne 
SBolfhart, auch fie entfernte Serwanbte 9totf)er3. 

Sitte biefe |>erren fabelt wieber Safallen: göte knehte 
ober Wa3 ba3felbe bebeutet, ritter. ©ie finb mit ihnen 
gu £of* unb Heerfahrt berpflichtet. ©erabe beim Heerbann 
tritt bie gfeubalität beutlich in Srfcheinung, benn ihn 
bilben im ©ebicht eben biefe fRitter unter Rührung ihrer 
Herren, ber Äronbafatten. 9113 e3 gegen ftonftantin geht 
gibt jeber gfürft an, wiebiel fRitter - er ftetten tann 
Nachher bringt auf: Serchter 20000, Süpolt 20000, 
SBolfhart 50000 ufw. 

Sluch ber ftarfe ©influfc ber äRannen tritt herbor: fie 
beftätigen bem ©ohne 5Rother3 bie ßerrfcfmft nach bem 
Sobe be3 Sater3. 

S33ir bliefen in ein au3gebilbete3 genbalfpftem bon 
Safatten unb Slfterbafatten hinein, ein ©hftem, ba3 ber 
Serfaffunij be3 Seutfdjen $Reiche3 entfpradj. 

S)a3 tnnere Serhältni3 ber ^eubalherren ä u ihrem 
$önig ift nun, fo fdjilbert ber ®i<f)ter, nach jeber ©eite 
hin borbilblid). @3 ift eine feiner ^auptanfichten, ba3* 
felbe gläinenb $u jeichnen. 

Sie SBafatten wahren fRotf)er gegenüber „bie alte 
3ud)t M , wie fie jeber feinem £>errn fchulbet. SBerben fie 
ju $ofe gelaben, tommen fie unberjüglich: feiner bleibt 
weg. 2Ran erinnert fich 2lbelger3: ber gehorchte eben 
nicht. 3tn fRat finb fie ftet3 auf bie ©h re it) reg $^rrn 
bebacht unb helfen ihm bei jeber ©elegenljeit: bi3 an3 
@nbe ber SBelt woßen fie mit ihm gehen. 2Ba3 ben 
Äönig befümmert, befümmert and) fie. Unwanbelbare 
^reue hinbet fie m ihren. §errfcher. . 

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129 


Siefe Sreue oerförpert fid^ förmlich in jmei 3Jläntiern: 
Serchter unb Süpolt, beibe jugleich eigenartige 2iuS* 
Prägungen beS ßelbenibeals unfereS Sichters. Sener ift 
bereite fünfzig Sa^r alt. Sein grauer SSart mailt iljm 
nieber bis jum ©ürtel, aber babei ift er noch jugenblich 
riiftig unb leibenfdjaftlichen SßefenS: bern ^erjog, ber 
gegen bie gfahrt nod) ©riechenlanb fpridjt, fdjlägt 
er mit ber 3?auft in3 ®efidf)t. ©in treuer Äamerab 
SlmelgerS, ein erfahrener, in aßen ÄriegSliften gemanbter 
Ärieger, ift er noch &er &elb ölten ©tilS. 2Bof)l mich 
feine feine ©rjiehnng auch &en bauten gegenüber 

gerühmt, hoch fehlen bet ihm bie eigentlich mobileren güge. 

©rjieher 9totherS hot er fich feine ölte SertrauenS* 
fteßung bei ihm bemahrt. Unb er oerbient fie, benn er 
ift oon auSermählter Sreue. ®r mar oon Slnfang an 
geboren jum aßertreuften SKann, ben je ein Sönig gehabt 
gat — fo melbet oon ihm bie Sichtung. Smmer mar 
er $ur f)ilfe bereit. 3h n h^t nie &er 3fn>ft beS SBinterS 
oom Sienfte feines £errn ab, mochte ihm auch 

ber Sort nafe merben oon Äälte ober Stau. Stets 

fteflt er feine Safaflen bem Könige jur Verfügung. 
@r entzieht fich niemals feinem SehnSherrn. ©ehorfam 
gibt er jebern ©ebanfen beSfelben f5°l9 e r &i e £>ölfte 

afleS Übels nimmt er auf fich. 'Unb mte er felbft, fo 
bient fein ganjeS £auS. ßmölf Söhne hot er, aße ftehen- 
in fRotherS Stenft. ©iner berfelben, ^elferich, ift bereits 
im Kampfe gegen bie SBenben gefaflen, fieben* anbre 
gehen ohne Steigern auf bie gefährliche SBerbungSfahrt 
nach ßonftantinopel. 3mmer' hot er unb einer feiner 
Söhne teil, menn ber Äönig etmaS ©efährlicheS untere 
nimmt. Safe er ber getreufte 9tatgeber feines £errn ift, 
oerftefet fich &on felbft. 

fiüpolt fleht bem ®ater in feiner pflichtmafeigen 
©efinnung nicht nach. ftehenbeS Seimort lautet 

„ber getreue 2Rann". ®r mar ber treufte 2Rann, ben 
je ein römifefeer Äönig hotte, er mar bie ©runbfefte 
afler Sreue. SaS bemeift er bei ber SEBerbung in 
©riechenlanb. SRuhig geht er ber fixeren ©efahr entgegen, 
er bulbet baS Schlimmfte * ohne ju murren, ohne auch 

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nur einen SSortuurf gegen ben taut werben ju taffen, 
ber ihn in biefe 9lot gebracht ^at. 

©otche Jreue ber SSafaöen berbient natürlich ihren 
ßohn: Ireue um ßohn ift ein ^auptgebanfe ber ®id)tung. 
Unb ßohn wirb ben Safatten in reidjftem äRafce. 35enn 
finb SRotfjerS SKannen ibeate ßehngleute, fo iftberÄönig 
ber ibeale ßefynSt)err. 

ßebtjaft füt)tt biefer bie 33erpflicf)tung gur grei* 
gebigfeit (milte) unb teilt in gütte fein ©olb aug. 

©eine SafaUen behanbelt er auggefudjt höflich- 2Ug 
fein ©rjie^er 23erdhter an ben |>of fommt, nimmt er ihm 
fetbft bag Sftof* ab: ber £err teiftet ^ier bem ßeljnSmann 
ben 2>ienft, ben biefer bem §errn fd^utbet. 2ltg bie 

ffiafatlen einmal wieber nach ^)aufe gelten wollen unb 
SRot^er fie galten möchte, befiehlt er nicht etwa: er fällt 
ihnen ju unb bittet flehentlich. 6r ringt bie 

£änbe, alg fidt) SBerfer berabfchiebet. 35er Siebter trägt 
Die garben ftar! auf: man fieljt, wag er non einem 

ibealen £errn berlangte; bie ChR. benft barin anberg. 
2)er ©eift beg SSorauer Sltejanberg unb beg £ersogg 
Slbetger lebt nid^t in feiner Sichtung — aber offenbar 
brof)te er in ber SEBirflichfeit, ber ber dichter einen 
©pieget borhatten möchte. 

©in §err barf nicht nad£j SBUIfür hanbetn: er muft 
guten Sftat bon feinen -JRannen annehmen. 3tother tut 
bag ftetg unb h at & nie i u bereuen. @r folgt ber 
SSerfammtung, feinen SJafatten, er hört auf ßüpolt, ber 
am £ofe lebt; bor allem täfet er fid) gern bon bem alten 
33er(|ter beraten. ©g gibt nicf)tg, wag er nicht mit ihm 

befpräche, unb immer tut er, wag biefer fagt. 

Stn bem ©efchidE feiner Scannen nimmt er herjlichften 
Slnteit. Sltg er ein Saht bon feinen ©efanbten nidjtg 
gehört bat, ringt er bie |)änbe, brei Sage unb brei 
Mächte fi^t er betrübt auf einem ©tein, ohne mit jemanb 
SU fpretfjen. ®ann entfchliefet er fidh, fetbft ju |)ilfe 
SU fommen. ©r erfüllt bamit bie Sreupflicht beg $errn: 
Xreue um $reue. Äein S33unber, wenn bie SSafallen 
für einen foldhen Äönig mit Segeifterung su 5rfbe sieben 
unb feinen SRuhnt taut berlünben. — 


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131 


SRotherS £>of ift jugleich ©iß eines glänjenben 
gefellfc^aftlid^en SebenS, ein Kittelpunft beS fftitter* 
roefenS, toie eS fich nach bem jtneiten Sreujjug in 
Seutfchlanb immer glänjenber enttoidelte. 

Ser Jtönig reftbiert ju Sari unb SRom in großer 
^errlicßfeit. ©ein SReichtum erlaubt itjm einen glänjenben 
fjofhalt mobernen 3ufchnitt3 führen. Sie Herren, 
bie bort ein* unb auSgehen, finb nic^t mehr bie berben 
SRecfen ber älteren 3 e it. ®S finb elegante ©eftalten mit 
fcßlanfer Saitte. ©ie finb im Sefiß DoUfommener höfifcher 
Silbung, ja eS finb Diele auSgefuchte |)ofleute barunter. 
Siefe ©efettfchdft meiß oorneijm aufjutreten. ©ie legt 
2Bert auf fdjöne tnoberne Äleibung: feibene $emben, 
Käntel mit Sbelfteinen befeßt, golbene Spangen baran, 
toftbare Küßen, golbene ©efcßmeibe tragen biefe ^err* 
fd^aften unb tragen fie mit bem Setoußtfein, fich baburcß 
als obere Schicht Don ben anbern SolfSgenoffen ju 
unterfdjeiben. 

9lm $ofe ehrt man bie S amen unb meiß fich ihnen 
gegenüber ju benehmen. Sie fRitter entbieten ihnen 
ihren Sienft, man ma^.ißBen in ber Semenate Sefucfje 
— aber npr ^erlaubte, nic ht heim liche bennj Solche 
b ringen Tn" Übeln SRuf. unb Teilen bTe Slufpajfer. Sluch 
einen gemiffenTSultuS ber Same fühlt man burdj: um 
ber vrouwen mitten läßt man fogar Don harten politischen 
Kaßregeln ab: bem Sönig Sonftantin fchenft SRotßer baS 
Seben, toeil er unter ben Samen feines§ofeS heranreitet 
unb um ©nabe bittet. 

Kan pflegt in ber ©efettfdjaft ©efang unb ©aiten* 
fpiel, braußen ritterliche SBaffenübung unb galfenjagb. 
Ser Sönig ift ber glänjenbe Kittelpunft beS ganjen 
SreibenS. @r nimmt an allem teil. 

©inen 3 U 9 möge man ™ bem Silbe fRotherS nicht 
überfeinen. 3ftother ift nidht nur gegen feine -Kannen 
freigebig, er^beljanbelt überhaupt jeben SRitter fo, mie eS 
biefem ^tanbe jutommt. @r nimmt fich in Sonftantinopel 
aller berer an, bie burcf) SriegSbienft in SRot geraten 
finb, feine Sleiber noch Sferb höben, ©r ftattet fie aus, 
Dornehme Herren, mie ben ©rafen 3lrnolb ober einfache 

9* 




132 


SRitter, fo baf$ fic ftanbeSgemäh auftreten fönncit. SS 
ift nicf)t blofee $olitif, bie ihn bagu veranlagt, eS ift 
©tanbeSgefühl. SRother, felbft Witter, fid) mit jebern, 
ber gur ritterlichen ©efedjchaft gehört, verbunben, auch 
über bie ©renge beS eigenen SßolfeS hi ntüe 9- ®in neuer 
$ug, ber mit ber internationalen Entmicflung beS SRitter* 
mefenS gufammenhöngt. 

Sie £mnblung beS ©ebid)tS beleuchtet nun bie gange 
helbijch s ritterlid)e ©efedfchaft, König unb Safadcn, non 
ben verfchiebenften ©eiten unb läf$t ihren ©lang, auch 
burdh Einfügung mohlberechneter ©egenbilber, immer 
herrlicher erftrahlen. 

SRother macht feine Slnftalt gu heiraten. SaS Seben, 
baS er führt, fd)eint ihn gang gu beliebigen. 91ber bie 

t erren am £ofe münfdjen eine Königin unb raten bem 
önige, ficf) eine ®emal)lin gu mahlen. Sluch bei biefer 
Sache, bie unS rein persönlich fcheint, unterfteht ber 
Sehn^herr bem Einfluß feiner Scannen. 9?otl>er lehnt 
guerft ab. Er mag bei einer SBerbung fein Seben nicht 
aufs Spiel fe£en, auch weift er feine $ rau > bie ä u ih m 
paffe. Sa nennt ihm Süpolt KonftantinS Tochter. 
Unb mirflich paftt biefe nach ber ©chilberung beS Sid)terS 
vortrefflich gu SRotfter unb feinem ritterlichen Kreis. 

©ie ift von fönigtichem ©efchledjt, baS fchönfte 
SRäbchen, baS je gelebt tjat. ©ie leuchtet vor anbern 
grauen> mie ©olb aus ber ©eibe, mie bie Sterne aus 
bem Sunfel beS Rimmels. 3h re ©eftalt unb ihr Sßefen 
entfprechen ben gorberungen ber mobernen ©efedfdjaft: 
ihre Saide ift fchlanf, fie verfteht fich £)öfifch gu 
benehmen, mit ihren Samen vornehm aufgutreten. ©ie 
meift, baft eS Pflicht ber dürften ift, fröhliche unb 
prächtige gefte abguftalten. Slber fie meift aud), fich 
gurütfguhalten: verbotene Siebelei liegt ihr ebenfo fern, 
mie empfinbjame $iererei. höflich, freunbjjd), natürlich 
verfichert fie fpäter 9totf)er — als er um fie mirbt — 
ihr SBohlmoden, jagt ihm fd^licht, bah fie ihn vor aden 
anbern gelben jd>ä^e. Slber fie mirft fich n ^t 
meg: betrat unter ihrem Stanbe fommt bei ihr 
nicht tn betracht, heiraten fann fie nur ben 







133 


König, fclbft wenn ihr §erg für ben< VafaHen füllen 
fotttc. 

Sie ift gutljergig unb mitleibig, aber babei flug 
unb borfidjtig. ©xe läßt fid) burd) ihre Steigung nie 
ju unbefonuenen ©dritten fortreifeen. ©b ift fie eine 
frifdje, überaus fpmpathifche SJtäbchenfigur — baS SJtufter* 
bilb ber jungen 2>ame, wie eS bem $icf>ter borfchwebte. 
@S ift noch bie fjrü^geit ber gefeUfd^aftlic^en (Sntwicflung, 
bie in ber Siteratur ber ältere SKinnejang unb VelbefeS 
®neibe Spiegeln. 

Stother überwinbet in ben ^Beratungen mit feinen 
Vertrauten bie Abneigung gegen eine Vermählung. 
3artere ©efüfjle wachen in ihm auf, mehr unb mehr 
feffeln ißn bie ©ebanfen an bie jcf)öne Königstochter 
— bie Stomantif ber Siebe hält ihren ©ingug in bie 
2)eutfcf)e Sichtung, Schließlich fchidt er ©efanbte an 
Konftantin, um gu werben. 

®ie Voten werben in ®ried)enlanb, wie alle Vewerber, 
graufam behanbelt: fie tommen in ben Kerfer. 211S 
bie Stachricht oon ihnen lange auSbleibt, entfließt fidj 
ber König, felbft gur £ilfe auSgugiehen. Unter bem 
falfdjen Stauten Dietrich, angeblich bon Stother berbannt, 
führt er fid) mit feinen SJtannen bei Konftantin ein unb 
gewinnt jein Vertrauen. 

$ie Königstochter wirb neugierig: ber frernbe Stitter, 
bon bem alle SBelt fpricht, fängt an, ihre SinbilbungS* 
traft gu bejehäftigen. Sie jchmoHt, baß er ihr noch 
feinen Vefudj gemacht höbe. Schließlich berliebt fie fich 
in ihn — ohne ihn überhaupt gejeßen gu haben. S33ieber 
ein ßug, ber in bie grühgeit beS SJfinnefangS weift: baS 
SKäbchcn wirb guerft bon Siebe erfaßt, ©ie tut auch 
bie einleitenben Schritte: fie bittetj&ietrich gu fich unb 
weiß ihm trofe ber ©chwierigfeit ben SBeg gum yfrauen* 
gemach gu bahnen. 

2lber Tawohl ®ietrich^3tother wie bie Königstochter 
bewähren fich als SJtufter höfijeher 3 uc ht* entbietet 

jie ihm burch ih rc ®otin.halbe SJtinne, berfi^ert, fie 
fei ber Siebe untertan unb erfuc^t ißn, ^eimlic^ gu ihr 
gu fommen. Slber alles gefd^ieht in ©h ren aon ihrer 



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r ffTra?R*lTY Ö 






©eite ohne ©interlift. Sietricb^Kotber lehnt juerft ab: 
folc^ Sefucb »erftofje gegen bie gute 1 Sitte. 9lber 
fd)Iief}tid) gebt er boeb fym. 3nbeffen bleibt er höflich 
jurücfbaltenb. — baS 2Kufter eines ehrbaren KitterS, 
wie eS bie 3Birftid)feit »ermutlicb nid)t immer jeigte. 
2)ie ©ünbenflagen laffen bie ßebrfeite biefeS SebenS 
erfennen. 

Kotber leiftet ßonftantin einen großen 5)ienft: er 
befiegt unb fängt ben ^eibnifc^en Äöntg |)melot, ber ben 
©riechen mit gewaltiger ©eereSmacbt befriegte. SDiefe 
Ääntpfe geben bem Siebter ©elegentjeit r feinen gelben 
als glämenben Kämpfer ju jeigen. S)ann raubt er mit 
Sift bie SönigStodjter unb fomrnt mit ihr in bie ©eünat. 

Slber ber unfreiwillige ©djwiegeruater gibt nicht nach- 
$urd) einen ©pielmann lä|t er bem ®ntfiif)rer bie 
©attin wieber rauben. Sie jurüdfjugeminnen fährt 
Kotber mit großem Slufgebot feiner SSafaüen nach 
©rieebentanb. ©at er früher feine 3-reunbe bei ber 
Sßerbung in ©efaljr gefebidt, fo nimmt er je£t perfönlidb 
alles auf fidf). ®er Sinter will fagen: fein ©elb ift, 
Wie ßböt^wagne in ber ChR, feiner »on ben dürften, 
bie ficb aurücfbalten unb ihre Scannen für ficb leiben 
laffen. Kur »on ©erdeter begleitet fdjleidjt er fid) in 
SonftantinS ©aal. @r wirb erfamtt, gefangen unb fott 
gehängt werben. 2)a rettet iljn feine frühere gfreunWicb* 
feit unb ^reigebiafeit gegen ben ©rafen Slrnolb unb bie 
Kitter am ©ofe ÄonftantinS — im ©runbe fein ©efübl 
für ritterliche ©tanbeSeljre. Siefe ©errentugenb finbet 
alfo ihren fidleren ßobn. Strnolb mit ben Stnbängern 
KotberS in Sonftantinopel befreien ben ßönig, baS im 
©interbalt liegenbe ©eer bricht b^öor, unb ber ©efangene 
ift befreit. 

KadE) ber ©eimfebr belohnt Kotier alle feine SSafallen, 
bie ihm fo treu unb willig geholfen haben. ®r »erteilt 
feine ßänber als Sehen unter fie unb begrünbet fo einen 
großen SeljnSftaat. Süpolt wirb Äönig unb erhält 
Harlingen, baju Slpulien unb ©ijilien. @rwin befommt 
©panien, SBolfrat »on £engelingen Öfterreich, Böhmen 
unb fßolen; StSprian unb bie Kiefen KeimS unb 



VjO 



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135 


©chottlanb. 9Rit ßothringen, Trabant, gtieSlanb uttb 
fioßanb »erben toier ^erjöge belehnt, 4 bie ihn auf bem 
3uge begleitet Ratten uf». Sei biefer ©chilberung foß 
ber 3^örer natürlich an ba$ ®eutfche SReicf) benfen. ©o 
fefjaut e3 ber Siebter afö Sbeal: gegrünbet auf bie unbebingte, 
»edhfelfeitige, erprobte ireue bon Äönig unb Dürften, 
fammengetjalten burdj bie fittlichen Sanbe gegenfeitiger 
ipilfSbereitfcfjaft unb ^reunbfehaft, roeit au§gebet)nt 
über bie ß^riftentieit *— $eutfd)er 3mperiali8mu8. 

®ie in ben fünften färben gehaltene ©chilberung 
be8 bafaßitifchen unb gefeflfchaftUchen ßebenS, ber petbifch* 
ritterlichen 9ßerfönlichfeiten be§ SönigS unb feiner Scannen 
»eife ber $id)ter ^ird&ben ©egenjak ju h^beu. SBie 
©tfeharb bem ÄönuJSfohn SBalfger ben Äönig ©untrer 
unb feine SRanuen entgegenfteßte, fo unfer Siebter 
nRotljer unb ben ©einen ben Äönig Sonftantin unb bie 
^riechen. 2)iefer ift ber ßehnSherr, »ie er nicht fein 
foß, feine ßeute Safaßen, bie bem 3beal nicht entfpred)en. 
Sie tonnen fich mit jenen SRotljerS in feinem fünfte 
meffen. SlnbererfeitS: ber feinen höfif^en ©eftttuug 
SRotherS unb feinet SreifeS tritt gegenüber bie Unfultur 
2l3prian§ unb ber SRiefen, bie mit §umor gezeichnet, atö 
reine ÜRaturburfchen oft • eine ergöfcliche fRofle fpielen. 
25er ganze Stolz auf bie neue geschäftliche Silbuug 
fpriept fiep in biefer ©egenüberfteßung au§. 

SönigSonftantinift mächtig unb reich, aber fRother 
übertrifft ihn hoch in biefer |>inficht. Stud) um ben 
griechifchen §errfcf)er fteljt ein ®rei§ bornehmer Sermaubter 
unb Safaflen: ^erzöge, ©rafen, greiherrn, bie gelegentlich 
ju fjofe gelaben »erben. Slber Könige fehlen barunter: 
SRotper bienten auch folche! 

2)er ©riech« i ^9* obfto^enbe 3^9 e - Äonftantiu ift 
Ibon 5Ratur unb übermütig. 2Ber fann e^ »agen, 
mich anjugreifen, prahlt er. @r hält ftd) einen ßö»en, 
ber bei £ifche ^crumget^t unb ben Herren bie ©peife bor 
bem 3Runbe »egnimmt: ber Sönig beluftigt fich au &er 
Serlegeuheit feiner ©äfte. Äonftantin geigt fid) felbft^ 
füchtig: bie iodjter foß nicht tyixattn, er möchte fie 
immer bei ftdh h^en; barum läfet er aße Se»erber töten. 


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136 


« 


StnbererfeitS plagt ipn gurcpt: oor ben Stiefen, oor ben 
pereinbrecpenben 33abplonient pat er ungeheure Slngft. 
(Sr ift fein £>elb: in ben Kämpfen mit 2)melot toeift er 
fid^ nicfjt ju Reifen; beim jmeiten Singriff toirb er fogar 
fcpimpflid) gefangen unb muf$ nun feine Sodpter bem 
Sieger übergeben, ©r ift aucp niept fepr fing: Stotper 
!ann ipm mit Sift feine jocpter entführen. ®ie SEocpter 
überliftet ben SSater mehrfach, unb fcpliefclicp entgie^t fiep 
ipm ber gefangene Stotper toieber burcp Sift. 

Segreiflicp, baf$ ber König an feinem £ofe eine 
fläglicpe Stolle fpielt. ©emütig entfcpulbigt er fiep StSprian 
gegenüber mit Srunfenpeit toegen ftol^er SBorte, bie er 
ju ibm gefproepen. SllS ipm ber Stiefe ben Sötoen an 
bie SBanb getoorfeit pat, toagt er niept fiep ju rüpren: 
er mufe ben Spott ber Königin pinnepmen. ®en fremben 
(Säften gegenüber fommt er in immer üblere Sage: feine 
Seute toerben geflogen unb gefcplagen, er mufe eS 
gefepepen laffen. ®en tiefften $un!t ber ©rniebrigung 
erreiept er $ule§t: als Stolpert §eer pereinbriept, toenbet 
er fiep pilfefuepenb an feine grau, oon ipr, ber locpter 
unb bereu &)amen umgeben, reitet er Stotper entgegen, 
unb nur um ber ®amen toiHen toirb ipm oerjiepen. m 

Slucp al£ SepnSperr unb £>errfcper ift ber ©rieepe 
baS ©egenteil oon .Stotper. ©eijig fpart er fein ©olb 
unb tut nicptS für feine Stifter; eS feplt ipm gan^ baS 
StanbeSgefüpl. Selbft ©rafen toie Slrnolb leiben in 
feiner ^auptftabt SJtangel, toeil fidp ber König niept um 
fie fümmert. Konftantin feiert toopl gefte im $oberameS* 
pof b. p. im |)ippobrom. Slber toie eS fepeint, toeber 
regelmäßig noeß präeptig: er oernaepläffigt offenbar bie 
fßfliept beS ^errfcperS, peitere unb glän^enbe ©efeHigfeit 
^u pflegen. 2)ie Socpter ntufe ipn erft baju mapnen: er 
gibt ju, bafe fie reept pat. 3)aoon, ba§ bie ®amen eine 
befonbere Stolle in ber ©efeUfcpaft fpielten, pören toir 
nicptS: an StotperS |)of ift man in iprem ÄultuS jeben^ 
falls meiter. 

Slm Scpluf 3 ber ©r^äplung mu^ ^onftantin in jeber 
93e^iepung Kein beigeben: er erleibet oollfommen Sdpiff® 
bruep. 2)er S)idpter lepnt eben einen König toie ipn ab. 






137 


uj i. tvyi |ivtf vu /u;uu|u/ f ivv/v ü/iuuuim. 

;,ia fchließlich gefeit fic mirtlicf) gu biefem 
aßerbingS nur ©jafen unb ffreiherrn; 


©eine ®afallen gleiten ihm in manchen ßügen, eS 
tnb ÜRänner, mie fic nicht fein foflen. 2Bic fein ©err 
beträgt fich auch fiergog grriebrief) ijerrifch unb anmaßenb. 
SBie ber König hauen auch bic Herren feines ©ofeS Slngft: 
Re magen nicht, ber Königstochter gu Siebe ©ürgfe^aft 
für Slot^erS ©efanbte gu übernehmen. SllS eS gegen 
$melot in ben Krieg geht, empfehlen fie fich geaenfeitig 
ihre SBeiber unb Kinber, falls fie fterben müßten: SRotherS 
©eiben gieren magemutig unb begeiftert in ben Kampf. 
J)ie griechifchcn Safaßen fürchten fich öor ben fremben 
©äften, befonberS oor ben liefen: fie fchmifcen t>or Slngft, 
als bie festeren erfcheinen. ©ie mären froh, tuenn Die 
Slnfömmlinge erft mieber baS Sanb oerlaffen hätten. 

ÜDiit ihrem SehnSherm finb fie nicht gufrieben: er 
lohnt ihnen nicht, ©ie bebauern, einft nicht mit ber 
Königstochter tRother gefolgt gu fein: ber hätte fie frei** 
gebig bebaut. SS regt fich ber SßunfdE), Dietrichs Scannen 
gu merben,ia fchließlich gehen fie mirtlicf) gu biefem 
über — aßerbingS nur ©jafen unb ffreiherrn; bie 

S ergöge gu fchonen t)atte ber Sichter mohl befonbere 
erantaffung. Sichtete er am hergoglichen ©ofe? — 
Sie neue gefeflfchaftliche Silbung läßt auf Sie Unfultur 
folcher, bie bem ©ofteben fernfte|en, ^crabfetjen: 
ÄSprian unb feine liefen, fonft ftarle SKänner unb 
unbebingt treue, vortreffliche SSafaßen müffen heulten, 
um begleichen Stimmungen bargufteßen. Somit fommt 
nie fulturgefchichtlicher ©ebanfe in bie Sichtung. 

SlSprian ift in ber ©ruppe ber feinere, eblere. 2llS 
König ber SRiefen herrfcht er über ein fernes, unbefannteS 
Sanb. Sr ift SRother unbebingt ergeben, aber meil er 
fo meit meg mohnt, !ann er nicht regelmäßig an ben 
©of feines ©errn fomnten. Saher offenbar fein SRangel 
an höfifcher Silbung. ©in matferer ©elb oon ungeheurer 
Kraft, läßt er SRäßigung unb ©elbftbeherrfchung uermiffen: 
etmaS SerbeS, 9?aiurburfchenhafteS tritt nicht feiten ftarf 
bei ihm h^uor. SaS äRobifche fehlt gang. 

Sin leibenfchaftlicher Kämpfer, fchläqt er in ber 
Schlacht aßeS tot, maS er trifft: ber feine SRitter tut 
baS nicht. Sr gerät leicht in ßorn: bann ftampft er 


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138 


auf ben ©oben, fp baf$ ihm bcr Schuh big an bcn 
Snöchel einfinft. ärgerlich über ben jubringlidjen Sötoen 
Äonftanting dürft er ihn beim -Stahle ohne meitereg an 
bie SBanb. Seleibigt fchlägt er fofort ^n: feine C^rfeige 
ftrecft ben anbern tot ju Soben. Sittel ^ufserungen 
eine^ ungemäfngten, unritterlichen SBefeng. 

Unb auch bag ßfirifttid^e fehlt bei ihm im ©egenfafc 
Zu Stother. Son Stächftenliebe mag er nidfjtg toiffen: ein 
tüchtiger gauftfcfjlag toäre für Äonftantin ber befte 
Sohn. 

Surj: Slgprian ift eine rohe, meber dom ©hriftentum 
noch don moberner ©efittung fonberlich berührte Statur* 
fraft, ein primitioer -SDienfch. 

3n noch ^ö^erem ©rabe gilt bag don Sßibott. ®er 
ift ganz ungezügelte elementare Statur, toilb mie ein 
reiftenber Strom, roh über bie SJtajjen, ein ungefüger 
Äert. Sein Sßferb fann ihn tragen, feine eiferne ©tange 
ift 24 ©Hen lang, ©tro^enb don gemaltiger ffraft, don 
®atenbrang gefchroellt ^at er fidE) einft aug bem Stiefen* 
lanbe entfernt, um fid) augjutoben: er erinnert don fern 
an Sllejanber. Slber Slgprian zähmte ben toilben Surfdjen, 
er brachte it)n burcf) ®rot)ungen baju, fein'Safail ju 
toerben. 

®r ift ber Ijeftigfte SDtenfd), ben eg je gegeben. Sei 
jeber ©elegenljeit benimmt er fidj toie ein toilbeg ®ier. 
©g fehlt ihm jebe ©pur feinerer Silbung. ®ag ©ebidjt 
nennt if>n unsitich, einen glegel. SOBeil er fo mütet, 
rnufc man it)n gebunben galten. Äomrnt er aber log, 
toütet er toie ein Sötoe. Säfet man il)n in ben Äantpf, 
bann fennt feine SBut feine ©renjen: mit feiner ©tange 
baut er auf ©riechen unb Reiben log, big fie zerbricht. 
Söie ein ®onnertoetter fährt er über bie £J e i n & e h er * 
SBenn feine ÜBilbbeit ben ©ipfel erreicht, beifjt er in bie 
©tange, bajj bag geuer hrcaugfäljrt unb blicft toütenb 
um fich- SKanchmal reifet er ftch don ber Äette log: bann 
fchlägt er aHeg in feiner Stahe furz un ^ 6ig man 
ihn toieber einfängt unb feffelt. 

©hriftliche Stächftenliebe fennt er nicht: bie feeiben 
tdiH er mifeh^dbctn. SDtit ber allgemeinen Serföpnung 


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139 


ift er feineStoegS einberftanben. 9toh tritt er ben Ver* 
munbeten auf ber @rbe in« ®efid)t uitb tötet fte. @r 
ift eben ein välant. — 

*ßerfönlich!eitSibeal, ^elbifd^-ritterliches unb gefeilt 
fchaftlicheS, ©taatSgefinnung — um biefe ®inge h at 
eS fich bisher im @ebid)t gebreht. ©egen ©nbe beSfelben 
tritt baS ®ritte ftar! beröor: baS fRehgiöfe. SRicht als 
ob eS im Anfang unb in ber 9Ritte fehlte: ber dichter 
legt auf fircfjiid)schriftliche ©efinnung ber ^ßerfonen, bie 
er als 9Rufter fcf)itbert, großen SEBert, man fühlt, bafj 
bie Qe\t ber $Refornfoemegung mit ihrer Vertiefung beS 
religiöfen SebenS hinter ihm liegt. 2lber erft am @nbe 
beS ©ebidjtS fommt baS Slsfetifdje, baS ber ^Dichter oertritt, 
beutlid) h^öor. 2>aS fiilbebranbSlieb fd^reitet unter bem 
©inftufj beS germanif^en £eibentumS über bie ©renje 
beS ©briftlic^en hinaus; im SBalthariuS liegt baS 
SReligiöje noch unoerbunben neben bem £elbi{chen, im 
SRolanbSlieb übertönt eS aöeS, ^elbifcfjeS unb $olitifcheS,j 
im SRother läfet bie religiöfe ©pannung nach: £>elbif<heS; 
unb Kirchliches burcfjbringen fich gleichmäßig. 2Rännerj 
mie SRother, Serchter, Süpolt finb toirftid^ chriftliche 
SRitter. 

3n religiöfer £inficht fteht Verdjter boran. ©erabe 
er, ber 2Rann einer älteren $eit — ber 3 U 9 ift ö ett> ife 
beabfichtigt — jeigt juerft unb jugleidj am entfchiebenften 
ürchliche #üge. Sr fennt bie chriftliche Überlieferung: 
ben $urchpg ber 3$raeliten burd)8 SRote 2Reer, baS 
Vorbilb ber Saufe, bie Segenbe bont $1. ©eorg; er meiß 
oom Kaifer Konftantin, bem Vater ber Helena, Segrünber 
ber Sßapftmacht — freilich bermechfelt er ihn mit bem 
regterenben griechifchen ^errfdjer, bem Vater bon SRotßerS 
©emahlin. ©eine JJrömmigteit ift einfach: ©ott hat 
©ut unb Vöfe in feiner ©efoalt, er fdjenft ben ^Reichtum, 
er hat SRother bie KönigStod^ter geneigt gemacht Slu 
ihn menbet man fich beSgalb um ^ilfe. 

Varmherjig unb freunblidE) tut Verchter an bem Meinen 
$rinjen, ber ihm übergeben mirb, feine (S^riftenpftid^t, 
mitleibig befchenft er bie Strmen. 3ebeS feinbjelige 
SBefen ift ihm mibermärtig: menn ein 3Renfch um ©nabe 



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140 


bittet, foH ntöit if)n fjören. Stacke fennt er nidjt: ber 
SDlenfd) foH immer freunblidf) unb milbe fein. 

Studfj ifjrn Ijat bag ßfyriftentum bag ©emüt ertueicfjt: 
er meint, alg fid) ber Werfer öffnet unb bie 6öl)ne bleid) 
unb elenb f)eraugtreten. 6r menbet fid) um unb ringt 
bie §änbe. 

3n frommer d)riftlid)er ©efinnung er^ief^t er aud) 
9tott)er: bei biefem finben fid) ähnliche ßüge, mie bei 
feinem ßrjieljer mieber, nur nidfjt fo ftarf. ©g liegt 
barin ber ©ebanfe: bag ag{etif$*fird)iidfye 3beal lebt 
fräftig nur nod) in ber älteren ©«neration, berjenigen, 
bie t>or ber ÜUiitte beg jmölften 3at)rl)unbertg bie 9lidE)tung 
it)reg SBefeng empfing. 2)ie moberne ©efeHfdjaft menbet 
ftd) mef)r unb mefjr baoon ab: ber ©egenfafc ©ott unb 
Sßelt mirb halb au ©unften ber teueren entfliehen fein. 
Slber nun jeigt eben ber 2)idf)ter, mie biefe ältere Sin* 
fdjauung bod) aud) auf bie jüngere Sdjid)t ©inftuf) beljält 
unb fie fdjliefclid) gana in it)ren Sann jie|t. ®er 2)id)ter 
ift an biefem fünfte burdjaug fonferoatio, aber er jeidjnet 
mag fein foHte, jebod) nid)t rnefyr ift. 

Slud) fRotljer ift djriftlid) fromm: er menbet fid) an 
©ott unb oerläfjt fid» auf feine ©nabe. 3f)m gibt er 
bie @f)re, alg bie SBerbung gelungen ift, if)m bantt er, 
als ifym bie ©attin einen Sofjn fcpenft. 3m Sinne ber 
Äirdje gibt er gern Sllmofen: bie Sinnen läfft er fleiben, 
haben, nähren, ©anj firdjlid) befdjliefjt er — unter 
Sorgang Serdjterg — mit feiner grau bag Seben. 3m 
Sllter, alg ifym ber Sart gana meift mirb, fommt bei bem 
alten £eraog t>on -Hieran bie meltflüdjtige Stimmung 
jum 2)urcpbrud). Sr gibt feinem £>errn ben 5Rat, mit 
it)m ing Älofter au getjen unb fo bag Seben matjrfjaft 
c^riftlid) a« enben: baburdb fidlere er fid) bie gür** 
fpradje ber ^eiligen. fRot^er miK nidjt red^t, er ift 
2Renfd^ einer mobernen $eit; grau SBelt f)at i^n ftärfer 
umftridt alg ifjm bemüht ift. Slber Serc^ter maf)nt 
immer ftärfer, er f)ält eine einbringlidtje ^Jrebigt. (Snblicf) 
gibt ber Äönig nadf): §err unb SafaH, baau bie Königin 
entfagen ber SBelt unb erfüllen bamit bag le£te, bag 
if)nen im Sinne beg S)ic^terg aur ooHen gbealität noc^ 







141 


fehlte. Sie neue Qtit nach 1150 unterwirft fid) ben 
3been ber alten, foU [ich tfjr unterwerfen, will ber Siebter 
fagen: bie 333irflichfeit entfprach nicht feinen S33ünfcf)en. 

@g ift ein ibealeg öilb, wag ber mittelalterliche 
Siebter entwirft. @r matt mit ben fdjönften Farben. 
Sie 3eit, in ber Heinrich ber Söwe unb fein faijerlicher 
£err jufammenftanben unb fid} gegenfeitia unterftü^ten, 
gab ben ^intergrunb h er für jeneg Vitb, gab bie 
uRöglichfeit, überhaupt ein foldjeg in Samern $u botl* 
enben. Slber wir biirfen nicht 3beat unb 333irftichfeit 
berwedjfeln. Ser Sichter fpric^t alg Sehrer unb SJtahner. 
Sie ^ßolitit ber SReichgfürften, boran ber helfen, ging 
auf Vermehrung ber eigenen 2Ra<ht, auf Soderung beg 
Sfteichgberbanbg. 33on jener Sreue unb |)ulb, non jenem 
aufrichtigen 3 u f ammcnÄr & c ü cn ber Sfürften mit bem 
Saifer war wenig ju fpuren. Sag 833ert Sartg beg ©rofcen 
unb Dttog I. war bereitg bem Untergang berfaHen. 
Sie^Sbeen, auf benen eg urfprünglich beruhte, hatten 
feine.Srdft mehr, unb bieSraft ber religiösen Setoeaung 
bon 1050 — 1150 war auch gebrochen; gfrau 3ßett pegte • 
über ©ott. -Koch einmal aber fafjt ber Sichter bie 
©ebanfen ber abfterbenben ^eriobe fräftig jufammen: 
eble ©taatggefinnung unb echteg Sh r if* en tom, fo wie er 
beibeg berftgnb, [teilt er borbilblidj bar, legt fie feinen 
Sefern unb $örern ang $erj, unb er läfp biefe 3been 
getragen unb oertreten werben bon SKännern, beren 
Verjönlichteit bag Sefte ber 3eit, £>elbenart unb ritterliche 
©Sfittuna, berbinbet. 

Streifen wir bag jeitlich Sebingte, bag SRittel* 
atterliche ab, h a I ten toi* ung ° n ben Äern & on beg 
Sichterg Slnfchauung: wirft ba bag ©ebidp nicht 
auch mobern? £at eg nid^t bleibenben SQBert? Sor** 
nehme, gefittete Slenfchen fdjaut ber Sichter im ©eifte, 
erfüllt bon hbwäner, wahrhaft d^riftlic^er unb jugleich 
helbenhaft ftarfer ©efinnung: feine weichten, ängftlichen 
Naturen, feine überheblichen, rohen ßraftmenfehen. Unb 
biefe SJtenfchen pnb bur(|brungen bon bem ©efühl ber 
S3erpflidhtung jufammen ju fielen, einanber ju helfen, 
einanber ju förbern in inneren politifchen Sümpfen, wie in 


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142 


äußeren friegerifdjen Unternehmungen, fie finb burctybrungen 
oon echter ©taatggefinnung, feinb aller ©elbftfudjt unb 
allem Sßarteifjaber. SBaljre „3lbelgmenfcf)en" fteßt ber 
Sichtet bar, ttrie fie auf iljre SBeife auch moberne 2)idjter 
barftellen möchten. bk ftinftlerifcfje Sraft reicht 

bei bem mittelatterlicfjen Cfrjäljler nid)t meit. Äber ift 
fein 33li<f nid)t meit umfpannenb? ©teilt er nidjt in 
tiefer Srtenntnig beffen, mag feiner $eit not tat, bie 
©taatggefinnung boran? Seljnt er ni<$tben$ßartifularigmug 
beg SSorauer 9lle£anber unb beg Slbelger unumtounben ab ? 
©r ift nidf)t ber einzige 9Raf)ner jener $eit geblieben. 




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ßeräog (srnff.') 

®a$ gute Verhältnis griebrich ©arbaroffaS ju feinem 
mächtigften Vafaüen, iperjog Heinrich bem Sötnen hotte 
feinen langen Seftanb. 9tad) bem SBürjburger ^Reichs* 
tag non 1165 beginnen fief) bie SBege beiber $u fd)eiben. 
Heinrich neriegte ben ©chtnerpunft feiner poütifc^en unb 
friegerifchen Sätigfeit nach bem korben. @3 bübeten fid) in 
®eutfcf)lanb ^mei ÜJiachtgebiete: ein norböftlicheS beS Sötnen, 
ein füböftlicheS JriebrichS. ®3 ift tnohl ju begreifen, tnenn 
man glaubte, Heinrich tooHe fich im Storben ein Sönig* 
reich griinben. ®enn immer rücffichtSlofer fteuerte er tn 
feinen ©ebieten auf SanbeSherefchaft \)in. SRamentlich 
in feinem jächfifchen £>er$ogtum nerfudjte er bie Stellung 
ber dürften ju brüaen, um alle ÜRacht felbft in bie 
£anb ju befommen. 

©ein territoriales ©treben fyklt ihn non reger 
Beteiligung an gfriebrichS Kämpfen ab. Vielleicht um 
nidjt an einem Slömerjug VarbaroffaS teilnehmen $u 
müffen, unternahm er 1172—1173 eine ^fahrt nadh bem 
heiligen Sanbe. 1176 nertoeigerte er bem Äaifer bie 
erbetene £ilfe gegen bie Sombarben. ©o.fanben jefct 
bie filagen ber fächfifchen ©roften bei gjfriebrich geneigteres 
Ohr: ber fttaifer griff ein unb lub Heinrich toegen Sanb* 
friebenSbruch in Sachen nor. ®er Veflagte erfchien 
nicht, beShalb tnurbe er 1179 non einem gürftentag 
geächtet. ®ie Sicht tnurbe auf einer Sfteichsnerfammlung 
ju SEBürjburg 1180 nom Saifer nerfünbet. ®er ©eächtete 
tnurbe feiner beiben £erjogtümer, ©achfen unb ©ahern, 
für nerluftig erflärt. 3nt gleichen 3ahre belehnte ber 


l ) ft. ©artfd}, $erjog @mft, hwau^gegeben SBien, ©tau- 
müfler 1869. 


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144 


Äaifcr bcn Sßfatjgrafen Otto don Sßittetgbacb mit Samern. 
$einridb griff jum ©ebtoerte. 2)er Äriea ttmtete burd) 
bcn ganjen Siorbcn $eutfcbtanbg. ©djtiepcf) mubte ftd^ 
ber 6erjog bemütigen. ©r mürbe derurteilt, bag SReidj 
brei Sabre ju meiben. 1181 begab er ftd) nad) ©ngtanb, 
ju feinem ©ebtoiegerdater äeinricb II. 

Stuf biefe gefdpcbtlicben Vorgänge bejiebt ficb offenbar 
ein ©ebiebt, bag roobt annfeben 1170—1180 oon einem 
mfrl. Sichter in Bapern derfaftf morben ift: ber $erjog 
©rnft. @g finb nur Brucbftüdte badon ermatten, aber 
fpätere Bearbeitungen beg urfprünglicben SBerfeg (A) taffen 
über ben 3n^alt feinen ßtoeifel. 3$ r unfern $mä 

G enügt eg, bie gaffung B aug bm Snbe beg jmölften 
{afyrbunbertg ju ©runbe ju legen, ©ie fcfjliefjt ficb A 
bem Snfjalt nach jiemlicb getreu an. 

greilidj nennt ber 3)id)ter meber griebridj Barbaroffa 
noch ^einricb ben ßötoen. ®r erjäptt nur don ßaifer 
Otto unb bem ßertoürfnig mit $er$og ffirnft don Bauern, 
feinem ©tieffobn: bie ©age bot offenbar bie gefcbicbtlicben 
Sßerfonen ©mftg II., $enogg don ©c^maben, beg ©tief* 
fo^ng ÄonrabglL, unb Miubotfg, beg ©otyneg DttogL, 
oerfebmotjen. Slber idj ^atte eg für dotlfommen aug* 
gefebtoffen, bab jtoifd^en 1170—1180 in Bapern ein 
®ebicpt don bem 3tabatt unb ©epatt toie ber $enog ©rnft 
entftanb, opne bab eg mit jenen groben politifcpen ®r* 
eigniffen im 3 u f amnten b an 9 geftanben ^ätte. 

©rnft ift £>erjog don Bapern. ©ein Bater ftirbt 
fetjr frü^. ®ag Äinb mirb forgfättig erjogen. @g lernt 
ßatein: eg feptt atfo niept ganj an gelehrter Bitbung. 
2)ann ttnrb ©rnft auch &on ebeln SRittern gebilbet, naa) 
mobernen ©runbfäben: er lernt SBätfcb b. f). graruöfifcb. 
©eine ©rjiepung ju doßenben, fdpieft ipn bie äftutter 
Slbetbeib na(| ©rieebentanb. S)ort ift ein SRittetpunft 
feinen böfifd^en SEBefeng. ®ort toirb ber Süngting mit 
feinem ®e|et jufammen fRitter, bort lernt er 

audf) allerlei 333eigt)eit. Beacbtengmert ift ber neue ßug, 
bab ber 3üngting feiner Jtugbitbung toegen ing Jluglanb 
gebt. Slber eben baburdb, bureb bie frembe Bitbung mirb 
er befannt unb berühmt. 


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145 

So ijt ©rnft *u einem trefflichen Jüngling unb 
ißrinjen gerangemochfen: guot, biderbe, treu unb frei* 
gebia oereinigt er bie wichtigften (Sigenfc^aften beS 
tünftigen £>errn unb beS SRitterS. demütig unb barm* 
berjig gegen Sirme erfüUt er bie 4?auptpftichten ber 
cf)riftlichen SRetigion. 

ÜRadj ber Sajwertteite tritt ber Jüngling fein fperjog* 
tum an unb ^errfc^t gewaltig in Samern. (Sr fd)ü|t 
Vornehme wie ©eringe; jeber lebt glücmdj unter feiner 
^ertfcßaft. Um ihn, als fernen, ftefjt eine große Schar 
non SßafaHen, bie er freigebig befdjentt unb ^öftic^ 
bet)anbett, bie er ehrt. Sarum treten Stitter gern in 
feine Sienfte, barum bienen ihm alle feine Sßafatten auf 
baS ©ereitwiltigfte. 3n altem, wa8 er unternimmt, hat 
er ©tücf: niemanb tann fich ihm in Seutfchtanb oer* 
gleichen. SBir fennen alte biefe ßiige oon SRother her, 
nur treten fie hier etwas jurücf. SaS §etbifdh*9tittertuhe 
tümmert ben dichter nicht in erfter ßinie. 

SRun oermähtt fich Äaifet Otto mit Stbetfjeib, ©ntftS 
ÜRutter. Rum Stieffohn tritt er in ein freunblidjeS, 
oäterticheS IßerhättniS. ’ Slußer feinem §erjogtum ©at)em 
befommt ©ruft noch Sehen unb ©efdjente, fo baß feine 
3Racf)tftelIung im tReidje groß wirb. @t zeigt fich hafte 
bantbar, er bient bem Äaifer unb Steife treu: er gibt 
weifen SRat, hilft bem Set)n8herrn ^rieben $u hatten, 
unterftüfct ihn bei alten Kriegen. Äurj, ber $erjog tut, 
Wa8 man nur oon einem ©afallen oertangen tann. ®a8 
SerhättniS bon ©tiefoater unb ©tieffogn wirb immer 
inniger: beibe werben unzertrennliche greunbe. ©ruft 
erhalt fo ben größten ©inftuß bei fpofe. Sie Sarftettung 
erinnert an bie ©chitberung ber feubaten ©erhättniffe 
im Sönig SRother. Ser gefchichttidje öintergrunb finb 
bie 3ahre 1156—1165. 

Itber bie ^reuitbfchaft bleibt nicht auf bie Sauer, 
Äatfcr unb ©afatt tommen auSeinanber. hierbei beachte 
man bie Stellung beS Sicf)terS. ©rnft ift SRufter eines 
dürften unb iRitterS, ein SRann ohne Sabel. SUleS 
Sicht fällt in ber ®rjäf)lung auf ihn, um fo ftarter, je 
weiter bie ^anbtung fortfehreitet. ©leid^jettig aber 

10 




146 


# 


öerhüllen immer bunflere ©chatten bie ©eftalt be§ 
ßaiferS. Ser Sichter nimmt ganj fidjtlich Partei für 
ben Safallen! ©tanb er bem §ofe §einrich£ be£ 
Sötten nahe? 

Sie greunbidjaft ^ttifchen Saifer unb $erjog ttirb 
baburdj geftört, baf; ^ieinrtch, ^ßfaljgraf bei.Sthein, ein 
Steffe Dtto§, ©ruft bet feinem ©tiefoater öerleumbet — 
ein alte§ Seftanbftüd ber ^elbenfage, ba§ ttir fdE)on au£ 
bem |jilbebranb£liebe fennen. ©rnft fei nicht treu, fagt 
er, er ttotte ben Äaifer üorn Shrone ftoften unb tjabe fid) 

& bem gtteefe mit ben dürften öerfchttoren. ®r rühme 
i an Slbfunft unb Slbet bem Äaifer gleich ju fein, er 
fei hochmütig unb f)errfc^füd£)tig. 

Otto glaubt biefen 33erleumbungen juerft nicht, fie 
finb auch tatfäd^tid^ unbegrünbet. Slber jcfjliefctich fdEjenft 
er ben ©inflüfterungen hoch @el)ör unb be[d)lief 3 t, ben 
©tieffotjn ju beftrafen. Santit fe£t er fich biefem gegen* 
über fogteich in3 Unrecht. £>ödE)ft ungeteilt ift bann bie 
Slrt, ttie er bie ©träfe öoflftredft. |jeimlich jief)t er ein 
|>eer jitfammen unb fdE)itft e§ unter 3#f)rung be§ $fatj* 
grafen mit Staub unb *ßlünberung in @rnft§ Sanbe, 
ohne ben Ärieg anjufagen. Studf) ba£ ttirft fein fcfjöneS 
Sicht auf ben ßaijer. 

©o ttirb ©rnft für all feine Siebe oon feinem 2ef)n§* 
f)errn mit Unbanf belohnt. Ser §err ftet)t bem SSajatlen 
gegenüber öoHfomnten tm Unrecht. Slber ber SSafaH ift 
ibeal gefinnt. ©r oergilt nicht SöfeS mit 93öfem. @r 
folgt bem State feineg greunbeS Söe^el, fi$ nicht ju 
ttiberfefcen, um bem §errn gegenüber nidf)t in§ Unrecht 
ju fommen. ©r ttehrt fich junächft nicht gegen ben 
ungerechten Singriff. Senn Otto ift eben hoch fein 
Sehn^herr, er ehrt ihn auch je^t noch. ® r h°ff* au f eine 
SSorlabung, bamit er fidh rechtfertigen fönne. jjuttartenb 
fchidft er einen 93oten an feine SJtutter unb fragt, ttarum 
man ihm eigentlich & en flrofeen ©chaben tue. 

Sluch bie SRutter ermahnt Otto, ben ©tieffohn erft 
an^uhören. Slber ber Äaifer lä^t fich au f 
oerftänbigen SSorfchlag ein, er ttirb immer feinblicher 
unb lehnt jebe Sermittlung ab: ungehört ttiH er ben 









147 


Serzog aus bem Sanbe treiben — immer metjr bringt 
ber !fctd}ter beit Äaifer ins Unrecht. 

Son ber SKutter hört ©rnft nun enblicb ben ©runb 
Dom 3orne DttoS: bie Serleumbung beS ißfatjgrafen. 
®r t)ört aud), bafj if)n ber Äaifer ungefjört oertreiben 
unb töten miß. Stucb je£t bewahrt er noch ©elöft» 
bet)errfdfjung unb bleibt bei feiner pftidjtmä&igen ©eftnnuitg: 
er macf)t einen lebten Serfucb- 35er Äaifer bat bte 
dürften ju einer Serfamtnlung entboten, bie gegen ©rnft 
bejcfßiejjen jofl: ©rnft toenbet ficb mit ber Sitte an bie 
dürften, fie möchten oermittetn. ®iefe finb gern baju 
bereit, ©ie fefjen wohl, baff ber Äaifer bem $erjog 
ferneres Unrecht tun miß. Sn einer einbrucfsooßen 
Äunbgebmtg faßen fie nach ber ÜReffe bem fierrfcber aße 
ju Q-üben unb bitten itjn, er foße bodfj ©rnft erft böten, 
©ie üerbürgen ficb für feine Unfc^utb. Slber auch biefe 
Sitte weift Otto fdjroff ab: unsitecllche „grob", fagt 
ber Siebter mit ftarfem Sabel. Sntmer fermerer belüftet 
er ben $errfdjer: biefer ift in feiner ßeibenfdjaftlicbfeit 
oon aßet ©eredjtigfeit oetlaffen. Smmer weniger gefaßt 
uns ber Äaifer: er oerlangt jefet fogar oon ben dürften, 
fie foflen ihrer ßebnSpflicbt gegorc^enb gegen ben fperjog 
Ziehen. ßtücfficbtSloS zwingt er fie gegen itjre Überzeugung 
ju tianbetn. 3J?an erinnert ficb, n>ie ©untrer gegen feinen 
beften Safaßen oerfubr. 

3$t mub ficb ®rnft zur SBebr fefcen. @r tut es 
noch immer ungern, ©eftattete es bie ©bre, er Würbe 
noch immer rubig bleiben: ©ott Weib ja, bajj er unfcbulbig 
ift. 35er 35i^ter forgt bafür, baff ber Safaß bem Seren 
gegenüber in glänjenbem Siebte bleibt. Slber oom Äaifer 
beorängt, fafjt ber |>etzog fd)neß feinen ©ntfcblufj. Otto 
weilt gerabe auf etnem SReid^Stag in ©peier. ©r fi|t 
mit bem böfen ißfaltgrafen in oertrauter Unterhaltung. 
3)a tritt ©rnft mit blobem ©cbwert herein. 35er Äaifer 
entfommt, aber $einrid) fäßt unter bem tätlichen ©treicb. 
@mft wirb nun geächtet. 

©S beginnt ein gewaltiger Äampf. 35er Äaifer burdj« 
jiebt Sapern raubenb unb plünbernb, ÜtegenSburg, bie 
Sauptftabt beS SerzogtumS, mub ficb ergeben, Surgen 

io* 


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148 


werben ntebergebrodjen. 2)er Sampf jiel)t ftd^ lange bin. 
Schließlich fann fid) ©ruft nicht mehr galten, ©r bcfdjliefet 
mit einigen ©etreuen außer fianbeS ju gehen: auf eine 
Steife, junt ^eiligen ©rabe. $ie SKannen ftimmen bei. 
®ie Seiten haben fich gewanbett. Jietridj non Sern 
unb ^ilbebranb gingen als Steifen jum tjeibnifc^en 
fpunnenfönig unb Ralfen ihm fätnpfen. §e|t unternimmt 
ber ©eädjtete eine Sreujfahrt unb ftreitet gegen bie 
Ungläubigen. Slber mie einft bie Scannen JietndjS, fo 
finb auch bie SßafaUen ©rnftS bereit, SBeib unb Äinfr ju 
nerlaffen, if)r fieben aufs Spiel ju fefcen, um ihrer 
Pflicht ju genügen. 2)ie Sbeale ber jreue leben noch- 
SÖtit 50 feiner Vafatlen, benen fidf noch anbere Stitter 
anfdjließen, jief)t ©rnft nach bem heiligen Sanb. Unterwegs 
freundlich empfangen, geben fie in Sonftantinopel ju Schiffe. 

Stach langen merfwürbigen Irrfahrten, auf benen fidj 
©rnftS |elbifc^e Japferfeit unb ebleS, ritterliches SBefen 
bemäfjren, fommt er fchließlicf) mit wenigen ©enoffen nach 
Serufalem. fiier jeigt er fid) als frommen ©Triften. @r 
opfert überall an ben heiligen ©tätten, befchenft bie 
Äirdjen reichlich; mehr als ein Saljr färnpft er gegen bie 
tpeiben. SEßeit unb breit erjählt man non ihm unb ben 
rounberbaren Slbenteuern, bie er beftanben hat. 

StlS SafaCen, als ritterlichen gelben, als (S^iriften 
läßt ber dichter ben $erjog fi<h glänjenb bewahren. 
Stodj er ift, wie Stother etne Soealfigur. lieber begegnet 
hier bie Freiheit ber ©ebanfen: ©taatSgefinnung, 
SJerfönlicfjfeitSibeat, ©fwfftentum, mit benen fiep auch bie 
dichter beS $ilbebranbSliebeS, beS SSalthariuS unb Stother 
befchäftigten. 

fjür feine eble ©efinnung unb feine eblen laten 
erhalt ©ruft fchliefelich ben nerbienten 2ohit. Sluch ju 
Otto bringt aus bem SRorgenlanbe bie ftunbe non ben 
Slbenteuern unb Jäten beS ©tieffotjnS. Serfähnlichere 
©efühle fteigen in feinem ^erjen auf. @r laßt bem 
Verbannten fagen, er möge jurücffehren, alles foHe nergeben 
unb nergeffen fein. 

Jarauf bauenb fommt ©rnft mit feinen fjreunben nadh 
®eutfchlanb jurücf. Sei jeber ©elegenheit betont ber 


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149 


Sichter mieber feine fromme ©efimtung: überall bejdjeitft 
ber #er$og auf ber Steife bie ^eiligen «Stätten. 

heimlich gelangt Srnft nach Satjern. Sßeibnadjten 
erreicht er Samberg, mo ber Staifer $of t)ä(t. 3 uer ft 
menbet er fid) an bie ÜJtutter. Siefe bereitet bie dürften 
oor unb ftimmt fie günftig. Of)ne fid) ju erfennen ju 
geben, im härenen ©emanbe, merfen ftdj Srnft unb 
SBe^el, mie oerabrebet, im Som bei ber ÜDteffe bem 
^perrfdjer ju gü&en — biefer meift nicht, mer bie beiben 
ftnb. Sie dürften treten binju unb bitten für fie. Oljne 
fie m erfennen, begnabiqt fie ber Äaifer, oon ber ©timmunq 
beS ergriffen. 

Slber bi§ ^utefet bleibt ber Sinter bei feiner ungünftigen 
©cfjilberung DttoS. SllS ber Saifer ben ©tieffobn erfennt, 
reut if)n baS Serfprecben, baS er ben dürften gegeben. 
6r erinnert fid) auch nid)t mef)r baran, bafe er ©rnft 
bereits oer$iel)en bat. ®er Unmille, überltftet $u fein, 
lä|t feinen 3° nt noch einmal aufflammen. Slber bie 
dürften mahnen ibn an baS gegebene Serfpred)en. Dtto 
muß nadjgeben. @r Oerföfjnt fid) bann aufrichtig mit 
©ruft, gibt ibm feine Sänber jurüd unb oermebrt noch 
feinen Sefifc. SaS Serf)ältniS mirb mieber fo, mie eS 
einft mar unb bleibt nun ungeftört b er jlitf) bis jum 
Sobe. — 

Son einem ibealen $reunbeS* unb SreueoerbältniS 
beS baberifd)en ^er^ogS $u feinem Lehnsherrn bem 
Seutfcben Äaifer gebt ber Siebter aus. SaS SerbältniS 
mirb geftört, nicht etma burdb bie ©ebulb beS Safallen, 
nicht etma bureb feinen Hochmut ober ^errfchfudbt — 
lebtglid) burch bie Stiebertracht eines SerleumberS unb 
bie Leicbtgläubigfeit beS ÄaiferS. Sitte ©chulb fällt bamit 
auf ben Lehnsherrn. Ser Sichter oerfehlt nicht, ben 
,f)errn immer mehr $u belaften, ben ^)er^og immer reiner 
unb ebler erfebeinen ju laffen. @S ift mobt nicht ju 
^meifeln: er bat ben.©treit ^riebrichS unb ^einrich^ beS 
Lömen im ©eifte oor fich- @r ftet)t babei ganj auf 
©eiten beS Safallen. ®r manbelt in biefer Schiebung 
S33ege, bie auch & er ^ßföffe Samprecht unb ber Serfaffer 
ber ©rjählung oom £er$og Slbelger betreten haben. Slber 


i 



150 


feine Stellung junt ©taatsproblem ift ganj anberS. @t 
will nicht, tote feine Sorgfinger, ben Slbfatt beS SSafotten 
begriinben ober gar rechtfertigen, er bebanert ihn »iet* 
mehr. 3m ©runoe fleht er auf aanj bemfelben ©tanb* 
punlt wie ber Serfaffer beS SRother. Senn er fchilbert 
fchliehlidE) hoch ben ibealen SBafaUen, ber feinem Jpetrn 

— wenigftenS folange e8 irgenb möglich ift — 2iebe 
unb Steue bewahrt, ber fich nur in ber hödjften Slot, 
unter bem Swänge ber 58erf)ältniffe ju Slbfatt unb 
SBiberftanb oerfteht. Unb audh ihn» fchwebt als fjöcbfteS 
»or ein ^er^ttc^eS ©inbernehmen unb Wedjfelfeitige8 
Sreueoerhättni8 bon Saifer unb Safatt. ©in folche8 
fdjilbert er im Slnfang, jum ©d)luh fährt er e8 
wieber herbei. ÜJian fann wohl fagen: bie Sbeate 
ber beiben Sichter finb in allen brei ©tüden — 
?ßerfbnlicäljfeitSauffaffung, ©taatägefinnung, ©hriftentum 

— faft genau biefeiben, nur bie Slrt ber Sarftettung 
wechfelt. 

Sem 3beal, ba8 ber Sichter fchilbert, entfprach 
bie SBirfiichfeit nicht. @8 blieb nur fein SßunfdE), 
bah fie fic| nach feinem Silbe geftalte: bah ber 
erjog Heinrich ^anble wie ein echter felbftlofer 
afatf, bah ber $aifer wieber ju ihm in baS Ser* 
hältnis trete, wie e8 1156—1165 . beftanb. Sa8 
©ebicht hnt> glaube ich, auch eine unmittelbare politifche 
SlbfiAt. 

©8 ift bekanntlich anberS aefommen. Salb fottte 
burdfj bie Kämpfe um bie Seutfche Saiferfrone ber alte 
SehnSftaat überhaupt jufammenbrechen. Sem oon Heinrich 
»ertretenen fßrinjip be8 Sanbe8fürftentum8 gehörte bie 
Bufunft. Sa8 3beal be8 2ehn8ftaat8, baS Stother unb 
©rnft noch glänjenb fSilbern, oerlor feine Äraft unb 
feine Sebeutung. Salb oerfchtoinbet e8 auch nu8 ber 
Siteratur. — 

2Rit feinen helbif^»ritterlichen, feubalen unb religiöfen 
©ebanfen ftettt fich ber „^erjog ©irnft" §um 2Balthariu8, 
Sltejanber unb SRother. Slber ber Siebter hängt nicht 
mehr auSfdjliehlich an biefen Singen, ©r |ai in bie 
Sarftellung oon @mft8 Äreujfahrt eine 3Raffe oon 



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SBunber» unb Ubenteuergefdjichten eingefchoben, bie 
— ba« ift fe^r bejeidjnenb — mehr als bie $ätfte beS 
gonjen ©ebichtS auSmadjeit. Samit tritt etwaS SlteueS 
in ben Stoff bet Seutfcgen ^elbenbidjtung Ejit^ein: bie 
greube am SButiberbaren unb tßbantaftifchen. Sie war 
angeregt burdj bie suneljmenbe Sefanntjdjaft mit bem 
5Dtorgentanbe, ba§ bie (SinbitbungSfraft beS SÜBeftenS 
immer lebhafter befc|äftigte. 9Kan falj ben Dften im 
©tanje ber SDtärdjen oon Saufenb unb eine 9lacht. Unb 
wirtlich: bie Ubenteuer beS §erjog (Srnft ftammen j. S. aus 
biefer SÖiärchenfammtung, fie entfprechen einer ber Sinbbab* 
reifen. Äranicfjhälfe, Sebermeer unb ÜJJagnetberg, ©reifen, 
UrimaSpen, Sßtattfüße, Sangohren, ißpgmäen, fananäift^e 
liefen unb was es fonft gibt, läßt ber Sichter an unS 
oorbeijiehen. (Sr will baS im 12. Safjrfjunbert erwarte 
SebiirfniS nach Stoffen, bie bie (SinbitbungSfraft reuen, 
beliebigen. (Sr öerfährt nicht anberS, als einige $eit 
oot ißm ber (Srjätjler, ber Sampre^tS ©ebicfjt fortfe|te, 
im fog. Straßburger Utejranber: ber bietet ber (StnbilbungS* 
traft feiner §örer bie wunberbaren (Stlebniffe auf bem 
3nbiengug bar. 

Uber eS ift bodj ein merflicßer Unterfdfjieb jwifc^en 
ber Urt, in ber bie Straßburger Utejanberbicßtung btefe 
Singe einführt unb ber, bie wir im |»erjog (Srnft nuben. 
3ene orbnet bie SEBunbergef^icßten jum großen Seit in 
bie Kämpfe unb $üge beS gelben ein, bie biefer um bie 
Sßeltherrfdjaft führt. Sie tjaben nicht fo feljr felbftänbige 
Sebeutung atö reiner UnterßattungSftoff, fie gehören 
oietmeßr jum politifdjen ©ebanfen ber Sichtung: nämticb 
$u ber Ubteßnung ber imperiatiftifcben Seftrebungen unb 
3been S3arbatoffa§, bie ber Sßerfaffer oom Stanbpuntt 
^riftti'c^»tird^Ii^ier SBeltanfcfjauung oornimmt. Senn 
biefe Sritit unb Ubteßnung ift ber §auptgebanfe ber 
Straßburger Bearbeitung. Sie SBunberabenteuer fteßen 
atfo unter potitifd^er Ubftißt. 3m ßerjog ©rnft tun fie 
baS nic^t: mit ben feubal-potitifdjen gbeen beS BerfafferS 
hängen fie nicht jufammen. 

Senn bet |jetb wirb unfreiwillig in bie fJöDe feiner 
fReifeertebniffe hineingejogen. (Sr ift mehr ein leibenber 


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Abenteurer. Sßon bem Suchen beS Abenteuers um 
beS Abenteuers mitten, rote es ber höfifche Stoman 
fennt ober gar üon ber ißflidjt beS ArtuSritterS jum 
Abenteuer ift nodj Jeine Siebe. 

Aber bodj melbet fich faft fd^üd^tern bie fünftige 
©ntwicJlung an. SJlan überfeine bie bebeutfame ©teile 
nicht. ®rnft unb bie ©einen »erben nach fernerer 
©eenot junt Sanbe ©rippia üerfdjlagen. ©ie fomnten 
bort in bie teere öauptftabt. Stäubern fie fidj mit ©peife 
üerforgt, geben jte roieber »eg, wie befonnene gelben, 
bie fii| nic^t ogne Slot in ©efahr begeben. Aber als 
fie nach bem ©d)iff jurüctgetebrt finb, regt fidb in @rnft 
ber reine Abenteurergeift. @S lüftet ihn, jurüdjufehren 
unb tofte es, »aS eS wolle, fid) bie ©tabt näher an* 
jufehen. ©ein gteunb 3Be|el geht mit. Sie Sache hat 
gar feinen ßroed — es ift eben reine ^reube am 
Abenteuer um beS Abenteuers Witten. Sie greunbe 
befteben bann einen fchweren Äampf unb retten fich mit 
genauer Slot. 

Sloch anbere ÜJlotioe weifen nach üorroärtS. ©ie 
jeigen, ba§ fich bie Stimmung ber 3eit üon ben alten 
Problemen abwenbet. ©rnft unterftüfct ben fiönig ber 
AtimaSpen gegen bie ißlattfüjje, fo bafj er fiegt. Safür 
üerleibt ihm ber ßönig ein ^erjogtum. Srnft über* 
nimmt bie Slegierung baüon unb herrfcfit bort als frei* 
gebiger ßerr. AtteS ruft ihn ju §ilfe unb er hilft 
bereitwillig. @S ift bie ©efdpcbte beS Abenteurers, ber 
auS bem politischen SJerbanbe feiner §eimat gefdjieben, 
an* frei auf fi* fetbft fteht, nur burdi feine Äraft im 

v # t f ^ f ^ | y p f ^ m 


MVwJ<r?T«*«rrnn m m> w.Tn, m m itzt,. w.iii 



tritt. Sie ©rünbung ber chriftlidjen ßerrfchaften im 
SJlorgentanbe bürfte ben gefihichtlidhen ^intergrunb ju 
biefen bichterifdhen ©chilberungen gegeben haben. Ser 
höfifcheiftoman wirb baS SJlotiü fdjliefilich rein romantifch, 
ohne jeben ßufammenhang mit Politiken Angelegenheiten 
ber ßeimat, barftetten. 

©nblidf) ftettt baS ©ebicht ben Abenteurer, ber in ber 
grernbe ein ^erjogtum gewonnen hat, als Vertreter 
überlegener Äultur hin. fyaft wie ein SBefen aus höherer 


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SBelt ragt ©ruft hinein in bie, SBelt ber ©eltfamfeiten, 
erfüllt üon bern ©efühl feiner Überlegenheit. ®r fc^ü^t 
bie Stoerge 0 e 9 en bit Kraniche, bie SlrimaSpen gegen 
bie Miefen, ben Äönig t>on ÜKorlanb gegen ben oon 
Sabßlonia. SllleS ift ihm banfbar für feine toirffame 
§ilfe. feiner ttnrb ber SlrtuSroman biefeö äJiotiö 
auSbilben. 

Stuch im Sönig Mother metbet fidh fchon bie neue 
ßeit: bie höfif- rxtterlidEje ©efeUfcfjaft mit ihren Sbealen 
ber hövescheit, mit threr SSorliebe für Singelegen** 
heiten ber Siebe unb ihrer ^ochfdhäßung ber Same, 
mit ihrer ©egenüberfteöung oon roher Matur unb 
gefeüfchaftticher ©efittuug h a t bie Sarfteßung merflid) 
beeinflußt. ©3 ift bie Madjmirfung beS bß^antinifchen 
©influffeS unb beS jtoeiten ÄreuäjugS. 3m ©rnft 
fünbigt fidh ber anbere Seftanbteil beS mobernen SBefenS, 
ber romantifche Slbenteurergeift, leife an, ber nach bem 
britten Sreu^ug in ber Seutfdjen Sichtung mächtig 
herborbricht. — 

©3 fommt bie ßeit, mo fich bie enählenbe Sichtung 

S biefen neuen romantifdjen Problemen, ©efittung, 
% Slbenteuer, mit ihrer ganjen unpolitischen Slrt m* 
menben toirb, mo bie Probleme ber öafaßität, bie feit 
bem achten Sahrhunbert ba$ 3ntereffe ber bornehmen 
SBelt gefunben hatten, aus ber Siteratur berfchtoinben, 
famt bem Sbeale h arten unb ftarfen MecfentumS unb 
ftreng firchlich* frommer ©efinnung. Segretflich. Senn 
unaufhaltfam botfyog fidh in ben leßten «Seiten beS 
jmölften unb Slnfana beS breijehnten Sahv.hunbertS 
bie ßerfefcung be$ yfeubalftaatS unb ber Übergang 
^um Serritorialfhftem. Sie alte ©taatSgefinnung ber 
fürftlidjen Greife, bie 9Jiamten treue, baS innere Sanb 
eines mefentlichen SeftanbteilS beS alten MetcßeS, berlor 
bamit feinen SBert unb feine SlnjiehungSfraft auf bie 
Sichtung. 

Slber bie alten 3beale erlebten eine Sluferftehuug. 
Micßt um ein ßolititfdheS ©hftem, toaS bößig ins 
SBanfen geraten toar, innerli^ neu ju ftüßen, toohl 
aber um fich bem nun unaufhaltfam h^inbrechenben 


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154 


unb aHe$ auflöfettbeit ©eifte beS ©ub|eltioi3mu$ unb 
3nbtoibualiSma$ ber Ijöfifdf)«-ritterlichen ©efeUfdjaft öorn 
dnbe be3 atoölften 3afyri)unbert$ entgegen $u merfen. 

$a8 gefdjieljt im Siibelungentiebe, einer $id)tung, 
bie iljrem ©ebanfengefyalt nad) mit ÄleiftS $rinj 
non fiomburg oergftdjen toerben barf. 9lber um fie ju 
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